Mit dem "Q" zeigen die Demonstranten ihre Zugehörigkeit zu "QAnon"
Mit dem "Q" zeigen die Demonstranten ihre Zugehörigkeit zu "QAnon"

01.09.2020

Über die Rolle von "QAnon" bei Demos gegen Corona-Politik Verschwörungsideologien kommen Rechtsextremen gerade recht

Wer die Berichterstattung über die Anti-Corona-Maßnamen-Demos verfolgt hat, dem ist möglicherweise ein "Q" aufgefallen, das manche Demonstranten in ihren Fahnen verwenden. Das steht für die Verschwörungsideologie-Gruppe "QAnon".

DOMRADIO.DE: Hinter "QAnon" verbirgt sich eine weltweite Bewegung, die ihren Ursprung in einem Online-Forum hat. Experten sprechen von einer neuen religionsähnlichen Bewegung. Corona sei als biologische Waffe entwickelt worden, Bill Gates wolle Menschen mit Impfungen Mikrochips implantieren und kontrollieren oder die Corona-Krise sei ein Vorwand, um die Freiheitsrechte dauerhaft einzuschränken, um nur ein paar Beispiele der Verschwörungsmythen aufzuführen. Wie entstehen solche Verschwörungsideen?

Johann Hinrich Claussen (Theologe und Kulturbeauftragter der EKD): Ja, wenn man das so genau wüsste, wäre man schlauer. Wenn man sie sich anschaut und versucht sie als religiöse oder religionsähnliche Bewegung zu verstehen - so ist das ja ganz offenkundig in den Vereinigten Staaten, wo sie aus dem evangelikalen Protestantismus kommen -, dann steckt ganz viel Misstrauen als ein Grundlebensgefühl dahinter. Misstrauen entsteht aus dem Gefühl, dass irgendwie alles schief läuft, alles gegen einen läuft. Dieses Misstrauen wird gebannt in einer mythologischen Erzählung, die eben aus diesem Misstrauen, der Unwissenheit, Unsicherheit, Angst und Wut eine klare Gewissheit formt.

DOMRADIO.DE: Zumindest bei den Anti-Corona-Maßnahmen-Demonstranten in Deutschland, die zu einem großen Teil aus dem rechtsextremen Lager kommen, fehlt bislang, dass sie die Schuld Geflüchteten in die Schuhe schieben. Warum ist das so?

Claussen: Der Rechtsextremismus-Experte Henning Flad hat das mal genau analysiert. Anfangs haben Rechtsextreme natürlich das klassische Modell Sündenbock versucht zu aktivieren. Das funktioniert aber nur, wenn man sagt, dass Corona eine echte Gefahr ist. Wenn Corona eine Riesengefahr ist, dann kann man sagen, "das kommt von außen, das haben die Flüchtlinge eingeschleppt". Dann haben aber Rechtsextreme gemerkt, dass diese Geschichte nicht so ankommt bei den Menschen, sondern eher die Erzählung: "Corona gibt es eigentlich gar nicht und ist keine große Gefahr".

Wenn Corona keine große Gefahr ist, dann können Geflüchtete auch nicht daran schuld sein. Deshalb haben viele Rechtsextreme einen Schwenk vollzogen und sich in diese Corona-Kritik-Front eingereiht. Aber das kann sich auch ganz schnell wieder ändern, wie man gerade in Italien sieht, weil Flüchtlingsunterkünfte aufgrund der Vielzahl an Menschen und der Enge naturgemäß Hotspots sind, wo sich das Virus ausbreitet. Dann kann es schnell auch wieder zu solchen Sündenbock-Hetzparolen kommen.

DOMRADIO.DE: Die Verschwörungsmythen sind allesamt apokalyptisch. Bei diesem Begriff bewegen wir uns tatsächlich auch wieder im Bereich Religion. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat in diesem Zusammenhang von einer eigenen Glaubenswelt gesprochen. Entstehen gerade neue Religionen, die sich auf Satan fokussieren?

Claussen: Das ist interessant zu beobachten, weil Deutschland im Vergleich zu den USA viel säkularer ist und sich nicht gleich so fromm und religiös äußert. In den USA kann man das ganz eindeutig sehen. Da geht es um Satan und Kampf zwischen den Reinen und den Unreinen. In der Grundstruktur trennen die harten Pandemie-Leugner, - nicht in Bezug auf die Kritiker bestimmter Maßnahmen, das ist ja in Ordnung -, Licht und Finsternis, Gut und Böse und haben eine starke Fokussierung auf eine böse Macht, die alles erklärt, was einen stört.

DOMRADIO.DE: Was täte den Verschwörungsgläubigen denn gut? Gibt es eine Antwort in der Bibel?

Claussen: Diese apokalyptische Tradition gibt es auch bei uns im Christentum, in der Bibel, aber vor allen Dingen in der langen Geschichte der christlichen Apokalyptik. Das sind jetzt nicht einfach nur die anderen, und wir Christen haben damit nichts zu tun. Das ist insofern auch guter Anlass, uns selbst zu klären. Ich finde die prophetische Tradition, die großen Propheten, die ja auch vor Unheil warnen und zugleich aber einen ganz anderen Weg gehen, nämlich das Böse nicht einfach abspalten und dem Fremden, dem Anderen zuordnen, sondern sich selber befragen, wie die eigene Lebensform, der eigene Glaube, das eigene Handeln mit diesem Unheil in einem Zusammenhang steht, bemerkenswert.

Der letzte eigentliche Kern der prophetischen Botschaft im Christen- und im Judentum ist dann doch, bei allem Unheil zu versuchen, durchzukommen zu einem Gottvertrauen, zu einem Vertrauen zum Nächsten.

DOMRADIO.DE: Haben Sie den Eindruck, dass Kirche in der Corona-Krise schon genug Flagge gezeigt hat? Kleines Beispiel: Als es darum ging, dass die Sankt-Martins-Züge abgesagt werden, gab es beispielsweise auf unseren Social-Media-Kanälen Kritik von Usern, die meinten: Warum lässt sich die Kirche das alles gefallen?

Claussen: Die Kritik kenne ich, kann man zum Teil auch nachvollziehen. Es gibt aber auch echt gute Gründe, darüber nachzudenken, solche Maßnahmen zu vollziehen. Schlicht und deshalb, wir haben das bei den Gottesdiensten erlebt, dass das, was uns besonders heilig und wertvoll ist, nämlich Gottesdienst, eine Quelle von Infektionen sein kann.

Das ist etwas, was uns verstört und bei dem wir versuchen, den Schutz des Lebens an oberste Stelle zu stellen. Ob die Entscheidungen, die wir dann treffen, die richtigen gewesen sind, das wird man nachher in Ruhe besprechen müssen. Ich finde es sinnvoll, maßvoll und vernünftig vorzugehen. Die Ängste von Menschen, die Ratschläge von Epidemiologen ernst zu nehmen und zugleich zu schauen, dass man auch ein bisschen wieder in Normalität kommt.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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