Beim Mittagsgebet: Nonnen mit Mundschutz auf dem Petersplatz
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27.07.2020

Von der Systemrelevanz der Kirchen - Vom Normalzustand weit entfernt Sechs Monate Corona-Krise

​Sechs Monate hält die Corona-Krise Deutschland in Atem. Auch die katholische Kirche hat sich stark verändert. Ein Rückblick.

Sommerloch? Es gab mal Zeiten, da plätscherten die Sommermonate ereignislos dahin. "Wie lang ist's her / da war in diesen Wochen / in angenehmer Weise gar nichts los" schrieb Kurt Tucholsky Ende August 1918. Damals neigte sich der Erste Weltkrieg seinem bitteren Ende zu; die Sehnsucht nach Ruhe und Ereignislosigkeit war groß.

Und der Sommer 2020? Steht ganz im Zeichen der Corona-Krise. Vor genau sechs Monaten, am 27. Januar, registrierte Deutschland die erste bestätigte Infektion. Am 9. März wurden die ersten Todesfälle im Inland gemeldet. Seitdem hat sich die Welt dramatisch verändert. Und auch wenn Deutschland bislang gut davongekommen ist, lastet die Sorge vor der zweiten Welle auf vielen Schultern. Auch in der katholischen Kirche.

Schmerzhafte Kar- und Ostertage

"Von einem Normalzustand sind wir noch weit entfernt." Der Kölner Dom erlebt nach den Worten von Domdechant Robert Kleine derzeit eine langsame Rückkehr zur Normalität. "Normalerweise verzeichnen wir im Dom in den Hochzeiten des Sommers oder auch der Adventszeit bis zu 25.000 Besucher am Tag. Im Moment erreichen wir 9.000, was allerdings schon eine deutliche Steigerung zu den knapp 5.000 ist, die wir Anfang Juli gezählt haben", sagte Kleine am Samstag dem Internetportal domradio.de.

Seit Mitte März war das kirchliche Leben in Deutschland heruntergefahren. Öffentliche Gottesdienste, Prozessionen und andere religiöse Veranstaltungen fielen aus - besonders schmerzhaft an den Kar- und Ostertagen, am Weißen Sonntag sowie an Pfingsten, Himmelfahrt und Fronleichnam. Erst seit Anfang Mai konnten die Kirchen wieder vermehrt öffentliche Gottesdienste unter strengen Corona-Schutzmaßnahmen feiern.

Kardinal Woelki: "Wir nehmen unsere Verantwortung wahr"

Wurden Verbote und strenge Auflagen des Staates anfangs relativ klaglos akzeptiert, entwickelte sich schon bald eine Debatte darüber, ob die Kirchen solche Grundrechtseinschränkungen einfach hinnehmen sollten. "Wir nehmen unsere Verantwortung wahr und werden dafür Sorge tragen, dass kein Leben gefährdet ist", versicherte einerseits der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki.

Wie er drängten aber auch viele Bischöfe im April auf vorsichtige Öffnungen. So erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, angesichts von ersten Lockerungsmaßnahmen in anderen Bereichen könne er nicht nachvollziehen, dass öffentliche Gottesdienste weiterhin verboten sein sollten.

Gottesdienste dürfen nicht pauschal verboten werden

Gerade in der Corona-Krise müsse der Eingriff in die Religionsfreiheit immer wieder überprüft werden, forderte auch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg. Gotteshäuser seien "systemrelevant", denn hier hätten die Menschen die Möglichkeit, ihre Ängste zu verarbeiten. Ende April entschied auch das Bundesverfassungsgericht, dass Gottesdienste nicht pauschal verboten werden dürften, wenn strenge Schutzmaßnahmen eingehalten würden.

Domdechant Kleine sagte dazu, auch während des Shutdowns sei der Kölner Dom für Beter stets geöffnet gewesen. Das sei auch ein Signal an die Öffentlichkeit gewesen. "Als Kirche haben wir vielleicht keine Systemrelevanz in dem Sinne, dass wir das Gemeinwesen am Laufen halten, aber wir haben immer eine Menschenrelevanz." Seit Mitte Mai wurde die Kathedrale auch wieder für den normalen Publikumsverkehr geöffnet.

Schmerzhafte Folgen

Von Normalität aber kann noch lange keine Rede sein. Erst schemenhaft zeichnen sich die Folgen der Corona-Krise für die Kirchen ab. Das gilt für die Einschätzung digitaler Gottesdienste, aber auch für die Kirchensteuereinnahmen und die Zukunft kirchlicher Bildungseinrichtungen. Ein Stachel bleibt auch die Kritik der früheren thüringischen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU), die Kirchen hätten während des Shutdowns die Menschen im Stich gelassen - etwa Alte und Sterbende.

Kleine hält es für denkbar, dass die Corona-Krise auch Auswirkungen auf die Gottesdienstbesuche hat. "Vielleicht ist es wirklich so: Vor Corona gingen viele wenigstens noch aus lieb gewordener Tradition zur Sonntagsmesse. Inzwischen aber stellen sie fest, dass ihnen ohne den üblichen Gang zur Kirche eigentlich nichts wirklich Wesentliches fehlt."

Christoph Arens
(KNA)

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