Wolfgang Bosbach, ehemaliger Unions-Fraktionsvorsitzender
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Mama Else mit Wolfgang Bosbach und Enkelin Viktoria
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Podcast: Himmelklar - Fürchtet Euch nicht
Podcast: Himmelklar - Fürchtet Euch nicht

15.07.2020

Wolfgang Bosbach über Glaube, Politik und Corona "Krise? Da hab' ich keine Zeit für!"

Aus der Politik hat er sich wegen der Gesundheit zurückgezogen. Trotzdem bewegen die Corona-Entscheidungen den CDU-Politiker. Bosbach fürchtet, dass die EU zur "Schuldenunion" wird - und findet Kraft in seinem Glauben.

Himmelklar: Seit Monaten arbeitet die Politik im Ausnahmezustand. Wenn Sie auf die Entscheidungen gucken, als Ex-Politiker: Hätten sie etwas anders gemacht? Oder waren Sie zufrieden mit dem, wie ihre Politiker-Kolleginnen und -Kollegen da gehandelt haben?

Wolfgang Bosbach: Die eine oder andere Entscheidung hätte ich mir auch früher, später oder anders vorstellen können. Aber darauf kommt es doch überhaupt nicht an. Für mich ist entscheidend der Blick in andere Länder in vergleichbarer Situation. Wer sich hier über die Politik beklagt - ich meine, wenn wir jetzt mal ehrlich sind: Gemeckert wird immer - aber wer sich hier über die Politik beklagt, möge bitte mal einen Blick werfen nach Großbritannien, Spanien, Italien, Brasilien, USA. Die Länder sind viel, viel stärker betroffen als wir hier in der Bundesrepublik Deutschland. Die größte Sorge war ja in dem Zeitraum März, April, dass durch eine Vielzahl von Infektionen mit schweren Verläufen unser Gesundheitssystem überlastet werden könnte. Intensivmedizinische Betreuung, Beatmungsgeräte und so weiter. Wir waren in keiner Sekunde in der Gefahr, dass das passieren könnte.

Himmelklar: Das alles brauchen ja auch andere Länder. Wenn wir jetzt mal gucken, wie es Italien und Spanien ging, jetzt dann besonders Lateinamerika oder die USA, die hat es schwer getroffen. Bei der Diskussion damals um die Hilfspakete für Griechenland hatten Sie eine klare Meinung. Da war nach dem ersten Deal dann Schluss für Sie. Sehen Sie das mit den Hilfen während der Coruna-Pandemie ähnlich? Müssen wir da erst mal auf Deutschland gucken?

Bosbach: Ja und nein. Deutsche Politiker sind verpflichtet, auch nach Deutschland zu gucken. Aber deutsche Politiker sind auch verpflichtet, sich in der Welt umzusehen. Und wenn es Europa nicht gut geht, geht es uns auch nicht gut. Aber dass wir jetzt diesmal unter der Überschrift Corona einen fundamentalen Systemwechsel vornehmen, ist klar. Bis jetzt galt immer über Jahrzehnte hinweg: Die Europäische Union ist eine Solidargemeinschaft. Aber als Europäische Union. Jetzt nimmt die Europäische Union erstmals in ihrer Geschichte einen riesigen Berg an Schulden auf, der auch nur zu einem kleinen Teil zurückgezahlt werden soll. Der größere Teil sind direkte Haushalts-Zuschüsse, also neben der Umverteilung in der Europäischen Union durch die Beitragszahlungen der Länder, kommt jetzt die Umverteilung durch Schuldenaufnahme dazu. Das ist genau das, was immer vermieden werden sollte. Die Europäische Union sollte eine Wirtschaftsunion sein, eine Werteunion, aber nie eine Schuldenunion.

Himmelklar: Uns beschäftigt das ja auf jeden Fall noch weiter. Wie gucken Sie da in die Zukunft?

Bosbach: Ich bin der festen Überzeugung, auch wenn Corona langsam an Dramatik und vielleicht auch an Bedeutung verliert: aus der Schuldenunion werden wir nicht mehr rauskommen in den nächsten Jahrzehnten. Wenn man das einmal beginnt, dann wird es immer neue Begründungen geben. Staaten sind in besonders schwieriger Situation, und den muss jetzt geholfen werden über die ja ohnehin stattfindende Umverteilung in der EU hinaus. Da kann ich mir nicht vorstellen, dass man da wieder zurückkommt zu dem ursprünglichen Gedanken: Umverteilung durch die Mitgliedsleistungen der Länder ja, aber keine Schuldenaufnahme. Ich gehe sogar davon aus. Die Europäische Union wird in Kürze auf die Idee kommen, dass sie eigene Steuereinnahmen braucht. Auch das war nie geplant.

Himmelklar: Haben Sie einen Vorschlag, wie man anders damit umgehen kann, oder wir da wieder rauskommt?

Bosbach: Nein, ich bin da völlig illusionslos. Ich habe schon in meinen fast 50 Jahren Politik so oft erlebt, dass man gesagt hat: Bis hierhin und nicht weiter, oder das kommt auf keinen Fall. Und wenige Jahre später ist es dann genau so gekommen. Das ist eine interessante Lehre der letzten Jahre. Es müssen sich ja diejenigen rechtfertigen, die bei ihrer Meinung bleiben, nicht etwa diejenigen, die ihre Meinung total ändern.

Himmelklar: Jetzt haben Sie gesagt, jeder hat sein Päckchen zu tragen. Sie haben auch Ihres. Wie kommen Sie da gut durch? Sie sind christlich, CDU, das C in der Partei, katholisch. Was ist da Ihr Fundament?

Bosbach: Der schöne rheinische Grundsatz: "Krise? Hab ich keine Zeit für." Solange ich mein Leben leben kann, solange ich das machen kann, was ich gerne machen würde, ist die Welt für mich in Ordnung. Trotz Herzerkrankung, trotz Krebserkrankung. Es gibt Hunderttausende, die sind wesentlich schlechter dran als ich. Natürlich grübelt man manchmal vor sich hin, und man macht sich seine Gedanken. Wie geht es weiter? Aber da halte ich mich nicht lange mit auf. Auch durch die Corona-Krise. Es sind doch viele wesentlich schwerer betroffen als ich. Und warum soll ich jetzt mit meinem Schicksal hadern, wenn ich sehe, um mich herum gibt's Menschen, die viel ärmer dran sind.

Himmelklar: Was sagen Sie diesen Menschen? Beziehungsweise jeden, mit dem wir hier im Himmelklar Podcast sprechen, fragen wir ja auch, was ihm Hoffnung gibt. Was gibt Ihnen Hoffnung in dieser Zeit, Herr Bosbach?

Bosbach: Zum einen der Satz - das klingt jetzt etwas platt, aber da ist sehr viel Wahrheit, sehr viel Sinn drin - Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Wir neigen natürlich dazu, immer auch das Schlechteste anzunehmen. Im Buch "Sorge dich nicht, lebe!" von Dale Carnegie gibt's den schönen Satz, den einzigen Satz, den ich mir aus dem Buch behalten habe: "Zehn Sorgen machen wir uns, neun sind unbegründet." Unser Problem ist nur: wir wissen nicht, welches die begründete Sorge ist von den zehn. Deswegen machen wir uns um alle zehn Punkte Sorgen. Aber bei allem Kummer, den wir haben, bei allen Sorgen, die wir haben, dann guck ich mir das Leben meiner Mutter an. Was die Dame mit 92 Jahren mit Krieg und beide Brüder verloren ausgebombt, das Haus...  Was die alles erlebt und durchgestanden hat. Und wenn man dann zu Hause in der Familie darüber spricht, hebt die Mutter nur den Arm und sagt: Ach wenn ihr wüsstet, was wir alles hinter uns haben. Und sie sieht das viel gelassener mit ihren 92 Jahren.

Das Gespräch führte Katharina Geiger.

Das Interview ist Teil des Podcasts Himmelklar – ein überdiözesanes Podcast-Projekt koordiniert von der MD GmbH in Zusammenarbeit mit katholisch.de und DOMRADIO.DE. Unterstützt vom Katholischen Medienhaus in Bonn und der APG mbH. Moderiert von Renardo Schlegelmilch und Katharina Geiger.

(DR)

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