Bischof Michael Gerber
Bischof Michael Gerber
Ein Viertel der Bibeln erreicht die Menschen in digitaler Form
Symbolbild Soziale Medien und Kirche

02.06.2020

Bischof Gerber über die Kirche in und nach der Corona-Krise "Wir haben eine Verantwortung für die virtuelle Gemeinde"

Der Fuldaer Bischof Michael Gerber hat sich an Gottesdienste im Livestream schnell gewöhnt. Im Interview erläutert er, warum er schnelle Rückmeldungen auf die Predigten mag und weshalb virtuelle Gottesdienste eine Chance für die Offline-Kirche sind.

DOMRADIO.DE: Sie selbst haben am Sonntag per Livestream den Pfingst-Gottesdienst gefeiert. Wie ungewohnt ist das für Sie?

Bischof Michael Gerber (Bischof von Fulda): Ich habe jetzt seit dem 14. März jeden Sonntag Livestream-Gottesdienst gefeiert. Wir waren bis vor drei Wochen in der Michaelskirche und sind jetzt wieder im Dom. Ich habe mich sehr schnell daran gewöhnt. Am Anfang war das etwas ungewöhnlich. Es sind fünf weitere Personen im Kirchenraum gewesen – und die Kameras. Aber es ist so etwas wie ein virtueller Kirchplatz entstanden. 

Das heißt, ich bekomme sehr schnell - auch jetzt am Sonntag wieder - Rückmeldungen per Mail, per Facebook auf den verschiedenen Kanälen, auf denen die Menschen eine Rückmeldung geben, was sie von der Predigt mitnehmen. Das hat mir sehr gut geholfen, um mir auch innerlich zu vergegenwärtigen: Wer sitzt denn da vor dem Bildschirm? Wer sitzt denn da hinter den Kameras? Das ist für mich inzwischen ein sehr reales Geschehen. Ich sehe die Kamera, aber ich sehe dadurch ganz konkrete Menschen, die da sitzen.

DOMRADIO.DE: Das alles passt ja irgendwie auch sehr gut zu Pfingsten: neue Kommunikationswege ausprobieren. Sie sagen sogar: Das ist Auftrag der Kirche, die Botschaft neu zum Klingen zu bringen. Wo funktioniert das denn ansonsten bei Ihnen im Bistum besonders gut?

Gerber: Wir haben in der Michaelskirche inzwischen auch wieder Gebetszeiten, zu den Menschen unter Corona-Regeln kommen können. Wir haben eine sehr schöne Gebetszeit, alle vier Wochen "Raum für Gott", wo vor allem von jungen Menschen gestaltet Gebet, Anbetung, Austausch, Zeugnis stattfindet.

Da kam ich mit einer jungen Frau aus einem der Orte hier, aus Kalbach bei Fulda, ins Gespräch. Die haben bereits vor der Corona-Zeit ein Jugendgebet gehabt. Da kamen 20 oder 30 Leute. Dann haben sie das durch Corona ins Internet verlegt und haben es dann jede Woche angeboten. Mit dem Erfolg, dass Sie gut hundert Zugriffe aus ihrem Ort hatten - also deutlich mehr.

Jetzt hatten Sie am Pfingstsonntag das erste Gebet nach den Lockerungen in der Kirche und die Erfahrung war: Die hundert Menschen waren da. 50 Leute waren vor Ort in der Kirche und 30 haben sich weiterhin per Internet zugeschaltet. Ich habe dann gefragt: Warum ist das so? Und die junge Frau hat mir etwas gesagt, was ich vorher aus einer anderen Gemeinde gehört habe, in der es gestern Abend auch einen Jugendgottesdienst gab: Für manche junge Menschen ist der Schritt über die Schwelle in die Kirche sehr hoch - gerade auch im eigenen Ort. Die haben erst einmal im Internet geschaut: Was ist das? Spricht mich das an oder nicht? Und die Erfahrung übers Internet hat ihnen Mut gemacht, jetzt auch tatsächlich zu kommen.

DOMRADIO.DE: Glauben Sie, das sind alles Dinge, die man zukünftig fortführen kann?

Gerber: Wir überlegen gerade, wie das zukünftig gehen kann. Wir werden am nächsten Sonntag das Bonifatiusfest feiern – auch in einer anderen Form. Normalerweise sind hier bis zu 9.000 Menschen auf dem Platz, die aus allen Gemeinden im Bistum Fulda kommen. Am Sonntag wird es so sein, dass eine Delegation kommt. Das wird dann im Dom stattfinden.

Dann wird es nochmal drei oder vier Sonntage geben, an denen wir hier im Bistum Fulda an unterschiedlichen Orten unterwegs sind, mal in der Schule, mal in einem Seniorenheim. Da überlegen wir gerade, wie das auch nach Corona weitergehen kann. Wir spüren: Wir haben eine Verantwortung auch für die virtuelle Gemeinde, die sich aufgebaut hat, die davon regelmäßig Impulse mitnimmt. Da müssen wir uns nochmal gut anschauen, was das heißt. 

DOMRADIO.DE: Gleichzeitig merken wir aber auch: Nicht alles geht virtuell. Dieses Sich-sehen, zusammen glauben und richtig feiern zu können: Glauben Sie, das werden wir in Zukunft mehr zu schätzen wissen?

Gerber: Das kann gut sein. Das spürt man auch jetzt. Menschen sind wieder froh, dass sie einander einfach sehen, dass sie einander begegnen, dass so manches Gespräch, das den Menschen gut tut, dass manches seelsorgerische Gespräch oder manches Gespräch zwischen Gläubigen da ist. Und wichtig ist dann natürlich auch die Erfahrung, die Eucharistie tatsächlich empfangen zu können. 

Das Interview führte Verena Tröster. 

(DR)

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