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22.04.2020

Wie die Corona-Krise Populisten bloßstellt "Man verunglimpft die Wissenschaftler"

Nicht die Klimaschützer hatten dafür gesorgt, sondern die Corona-Pandemie: bessere Luft. Aber nicht nur das ist ein Nebeneffekt der weltweiten Krise. Sie hat hat auch die Rechtsextremisten und Populisten dieser Welt bloßgestellt, so der Philosoph Lars Jaeger.

DOMRADIO.DE: Trump, Bolsonaro, Erdogan und Co. – sie haben allesamt eine ziemlich miese Figur abgegeben in der Krise – woran hat das gelegen?

Lars Jaeger (Naturwissenschaftler und Philosoph): All diese Namen, Trump, Bolsonaro und Erdogan sind ja Populisten. Und Populisten sind keine Leute, die dazu neigen, sich von anderen Leuten viel sagen zu lassen, insbesondere nicht von Wissenschaftlern. Die Warnungen für diese Corona-Krise waren ja schon auf dem Tisch. Die Populisten haben entschieden, diese zu ignorieren und entsprechend schlecht waren sie vorbereitet und entsprechend reagieren sie immer noch.

DOMRADIO.DE: Das spiegelt sich ja durchaus in Umfragewerten – die AfD hat in Deutschland jedenfalls deutlich an Zuspruch verloren. Was glauben Sie – wie nachhaltig wird diese Entzauberung wohl sein?

Jaeger: Das kann ich natürlich nicht ganz sagen. In solch einer Krise neigen die Menschen dazu, sich hinter die Regierung und Regierungsparteien zu stellen. Dann erhalten die Regierungsparteien entsprechenden Zuspruch und die anderen, so zum Beispiel die Grünen, leiden ein wenig darunter.

Ich glaube dennoch, dass dieser Trend von struktureller Art ist. Die AfD äußert sich immer wieder sehr wissenschaftsfeindlich. Sie lehnt wissenschaftliche Erkenntnisse teils sogar ab. Als ob man dies ablehnen könnte. Und auch dafür zahlt die AfD im Moment ihren Preis in Form von niedrigerer Zustimmung. Das ist ein Trend, der sich eventuell fortsetzen könnte, aber ich kann natürlich nicht in die Zukunft schauen. In einem halben Jahr kann das natürlich ganz anders aussehen und die Themen können wieder andere sein.

DOMRADIO.DE: Sie machen einen direkten Zusammenhang zwischen dem Krisen-Missmanagement der Populisten und ihren Positionen zur Klimakrise aus – inwiefern?

Jaeger: Die Reaktionen der Populisten ähneln sich ja, bezüglich der Corona-Krise und der Klimakrise. Hier werden systematisch Wissenschaftler und wissenschaftliche Erkenntnisse abgelehnt. Man weiß es besser und verunglimpft die Wissenschaftler. Das sind Methoden, die wir in der Diskussion in der Klimakrise ja gut kennen.

Man braucht ja nur Bolsonaro und seine Politik im brasilianischen Urwald oder Trumps Energie- und Corona-Politik zu betrachten. Da werden wissenschaftliche Erkenntnisse einfach weggewischt. Und entsprechend zahlen diese, ich sagte es bereits, in der Corona-Krise ihren Preis und auch in der Klimakrise werden die den Preis zahlen.

Leider werden wir alle den Preis zahlen und deswegen ist dem etwas entgegenzusetzen. Wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich nun mal nicht einfach so wegwischen.

DOMRADIO.DE: Als positive Gegenspieler der Populisten sehen Sie die Wissenschaftler. Gehen die tatsächlich in ihrer Rolle als Faktenlieferanten und "Welt-Erklärer" aus der Krise gestärkt hervor? Glauben Sie das?

Jaeger: Als Faktenlieferanten vielleicht, als "Welterklärer" wahrscheinlich nicht. Auch Wissenschaftler machen Fehler, auch Wissenschaftler produzieren Modelle, die sich als nicht akkurat erweisen. Aber anders als die Populisten sind Wissenschaftler bereit, immer wieder ihre Meinungen und ihre Modelle zu verändern und anzupassen. Und vielleicht auch mal eine falsche Theorie zu verbessern und in eine richtige zu transferieren.

Die Wissenschaftler sind in der Tat genau das, was es in einer solchen Krise braucht, nämlich die intellektuelle Redlichkeit. Sie sind bereit, sich den Fakten zu stellen, sie zu analysieren und damit auch ein Stück die Welt zu erklären beziehungsweise Anleitung zu geben, wie man in solchen Krisen am besten reagiert. Das Ganze geschieht natürlich in einem größeren politischen und gesellschaftlichen Umfeld, aber hier müssen sich Wissenschaftler natürlich auch Gehör verschaffen.

DOMRADIO.DE: Finden Sie denn, dass zum Beispiel unser deutscher Vorzeigevirologe Christian Drosten das ganz gut hinbekommt?

Jaeger: Das macht er natürlich sehr gut. Herr Drosten ist jemand, der durchaus Fakten sehr gut darstellt, auch als Experte, zugleich aber auch sagt "Naja, aber wir wissen nicht alles. Wir sind immer noch dabei die Sachen zu untersuchen. Wir lernen zwar immer mehr, auch als Virologen über diesen Virus, der uns jetzt alle bedroht, aber wir sind nicht allwissend und wir können uns auch irren. Wir nähern uns so langsam der Wahrheit an. Wir machen Fortschritte, aber wir wissen nicht alles."

Daher sieht er meiner Meinung nach genau das, was Wissenschaftler ausmacht, nämlich die Bereitschaft sich mit den Fakten auseinanderzusetzen und sich aber gegebenenfalls in einem Irrtum zu korrigieren, um sich somit der Wahrheit immer mehr anzunähern.

Er sagt allerdings gleichzeitig auch ganz klar "Leute, wir müssen uns hier ganz klar bewegen. Es ist eine Krise und hier ist mal anders denken angesagt als das Normale."

DOMRADIO.DE: Unterm Strich: Welche Lehren lassen sich aus der Corona-Krise ziehen für die ungleich größere Krise, nämlich die Klimakrise?

Jaeger: Ja mehrere. Zunächst einmal: Hört nicht auf die Populisten, sondern hört mehr auf die Wissenschaftler. Das hat die Corona-Krise sehr sehr deutlich gezeigt. Man sollte sich auch einmal mit den Klimamodellen beschäftigen. Ich selber schreibe übrigens dazu gerade ein neues Buch. Andererseits zeigt es auch, dass nicht so viele wirtschaftliche und gesellschaftliche Sachzwänge existieren, wie wir manchmal glauben.

Wir haben jetzt in der Corona-Krise unser ganzes Leben dramatisch umgestellt. Wir merken aber, dass wir das durchaus überleben und die Gesellschaft auch positive Aspekte daraus zieht. Ich glaube, dass wir unterm Strich sagen können: Neue alternative Denkwege auch für die Klimakrise sind durchaus möglich. Es ist nicht alles so in Sachzwängen, wie wir das manchmal glauben.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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