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Junge Chorsänger
Christoph Siemons
Christoph Siemons

17.04.2020

Musikproduzent landet mit lateinischem Choral einen Hit Hoffnung in der Corona-Krise

Ein lateinischer Choral hat am Osterwochenende die iTunes-Charts angeführt. Die Botschaft hinter dem überraschenden Hit "Victoriam" von Sinfoglesia heißt: Hoffnung. Für Produzent Christoph Siemons das wichtigste Wort seines Lebens.

DOMRADIO.DE: Ungewöhnlicher geht es ja eigentlich nicht. Ein lateinisches chorales Lied, das zu Ostern auf Platz eins der iTunes-Charts steht. Wie kommt das alles zustande?

Christoph Siemons (Musikproduzent aus Köln): Es hat etwas damit zu tun, dass ich vor sieben Jahren sehr schwer krank geworden bin. Ich hatte mir bei einer Zahnreinigung Bakterien ins Blut geholt. Diese Bakterien haben mir meine Herzklappe zerschossen und ich lag insgesamt fast drei Monate auf der Intensivstation, hatte drei Herzoperationen und ein Aneurysma musste operiert werden. Die Bakterien hatten meine Bauchaorta auch aufgelöst.

Ich war sehr lange eher tot als lebendig und habe zu der Zeit dem lieben Gott ein kleines Versprechen gegeben. Ich persönlich glaube an den lieben Gott und habe ihm gesagt: "Wenn ich das überlebe, dann würde ich mich gerne mit einer Messe bedanken und diese schreiben." Das habe ich dann auch mit vielen Musikern zusammen getan. Insgesamt spielen über hundert Musiker auf den Aufnahmen von Sinfoglesia. Es hat sechs Jahre gebraucht, bis ich dann die Messe fertig hatte.

Ich habe das in erster Linie für mich gemacht und nicht viel weiter gedacht. Dann kamen sehr interessante Menschen hier in Köln dazu, die das gehört haben. Markus Ritterbach, der ja auch Vizepräsident vom 1. FC Köln war und als ehemaliger Präsident des Kölner Karnevals bekannt ist, hat diese Musik gehört, die ihm sehr gut gefallen hat. Seitdem haben wir ein kleines Team mit Leuten gegründet, denn wir wollen im Jahr 2022 ein Benefizkonzert mit dieser Musik machen. Das ist dann anlässlich der 700-jährigen Kölner Domweihe. Das war unser Plan. So startete der eine Strang der Geschichte.

Der zweite ist der, dass sich viele Leute von der Musik, die im privaten Kreis weitergegeben wurde, angesprochen fühlten. Unter anderem war das der Geschäftsführer von Burda Forward, das ist die Digitalsparte vom Verlagshaus Burda. Er rief mich an und sagte: "Wir haben jetzt eine ganz schlimme Krise und vielleicht kann die Musik ja dem ein oder anderen helfen, Trost spenden, Freude machen oder Besinnlichkeit schaffen." Ich fand die Idee super.

FOCUS Online, die auch zu Burda gehören, haben eine Aktion ins Leben gerufen, die Corona Care heißt. Diese Aktion bringt hilfsbedürftige Menschen in der Corona-Krise mit Menschen zusammen, die helfen wollen, wie bei einer Nachbarschaftshilfe. Da werden Mundschutze füreinander genäht und vieles mehr. Wir haben uns dazu entschieden, einen neuen Song aufzunehmen und die Einnahmen dieses Songs den Tafeln in Deutschland zu spenden. Die Tafeln haben gerade ganz große Schwierigkeiten, die Versorgung der ärmsten Menschen aufrecht zu erhalten. Und so ist "Victoriam" entstanden.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, dass hundert Musiker daran beteiligt sind. Das heißt aber nicht, dass Sie hundert Musiker ins Studio geholt haben, sondern Sie haben als Musikproduzent die Leute in ihren Studiopausen immer ein bisschen einspielen und einsingen lassen. Ist das richtig?

Siemons: Genau so ist es. Großteile des Albums von Sinfoglesia sind innerhalb dieser sechs Jahre entstanden. Unser Problem war logistischer Natur. Wir können uns ja momentan nicht begegnen als Musiker, weil dann die Gefahr den Virus zu verbreiten, viel zu groß ist.

Also mussten wir eine technische Lösung finden, wie die zusätzlichen Musiker- und Choraufnahmen zu realisieren waren. Das ist uns erstaunlicherweise gut gelungen, denn die Profimusiker hatten das entsprechende Equipment und konnten sich gut zu Hause selbst aufnehmen. Ich war über Skype mit ihnen verbunden und habe Anweisungen gegeben. Sie haben zu meinem Grundgerüst, dass ich ihnen geschickt habe, ihre Parts eingespielt, die ich dann bei mir im Studio wieder zusammengesetzt habe.

Vom Chor habe ich jeden einzelnen aufgenommen und habe das dann im Studio erst zusammen zum Klingen gebracht. Das ist für Musiker nicht der schönste Weg, weil wir sehr stark von einer Interaktion untereinander leben, aber es war in dem Augenblick nicht anders machbar. Es hat sich auch ein gewisser Geist bei diesen Aufnahmen eingestellt, weil alle das Ziel der Unterstützung hatten. Wir sind alle komplett vom Erfolg überrollt worden. Das hätten wir nicht gedacht, dass das so gut funktioniert.

DOMRADIO.DE: Dabei ist das Lied selber ja extrem ungewöhnlich. Es fängst ja sehr getragen und dramatisch an und dann kommt im Refrain diese Euphorie und dieses Wir-schaffen-das-Gefühl.

Siemons: Sie haben eigentlich gerade schon perfekt die Geschichte beschrieben. Wir hatten eine Skypekonferenz und überlegten uns, was wir eigentlich erzählen wollen. Die Journalisten, die daran beteiligt waren, haben gesagt, dass wir den Leuten Hoffnung geben müssen. Der einzige Sinn des Liedes besteht in Hoffnung. Es wird auch eine Zeit nach Corona geben. Die Welt wird danach eine andere sein und trotzdem steckt in dieser Krise auch eine Chance für unsere Gesellschaft.

Wir haben vielleicht alle in den letzten Monaten das Gefühl gehabt, dass die Gesellschaft weltweit auseinanderdriftet. Die Menschen fühlten sich nicht mehr als Einheit und es gab einen Riss in der Gesellschaft. Ich spüre jetzt schon, dass Menschen wieder das Verbindende suchen. In dieser Krise sind wir alle gleich. Das Virus macht keinen Unterschied, ob wir so oder so denken.

DOMRADIO.DE: Das ist also ein gesellschaftlicher Reset-Button.

Siemons: Genau. Uns war es wichtig in dem Song zu erzählen, dass das Miteinander der Schlüssel zum Erfolg und zum Sieg ist. Victoriam Misericordia – Victoriam Vitae. Der Sieg des Mitgefühls ist der Sieg des Lebens. Das ist unsere Botschaft.

DOMRADIO.DE: Warum auf Latein?

Siemons: Jetzt kommt der Musikproduzent in mir hoch. Ich fand immer schon schöne eingängige Melodien gut und mir ist dabei die Phonetik sehr wichtig. Wir Deutschen schauen immer sehr auf den Text, er muss ansprechend sein und die Musik rückt immer ein Stück weit in den Hintergrund. Das ist vor allem bei deutschsprachigen Texten so.

Die Amerikaner und Engländer sehen das ganz anders und gehen viel lockerer mit ihrer Sprache um. Englisch und Italienisch klingen phonetisch sehr viel schöner und sind Singsprachen. Deutsch ist sehr hart und hat viele Konsonanten und wenige Vokale. In einer Singsprache wie Englisch oder Italienisch ist das nicht so.

Mir war es aber wichtig, dass die Menschen ihre Geschichte in diesem Lied spüren. Ich benutze Latein als Stilelement, denn Latein klingt gesungen sehr schön. Das ist nämlich auch eine Singsprache, ähnlich wie das Italienische mit sehr offenen Vokalen. Dadurch lenkt man die Menschen auch nicht zu sehr auf den Text. Die Aussage ist klar: Der Sieg der Fürsorge, der Menschlichkeit und des Lebens. Den Rest soll eigentlich die Musik erzählen.

Der Song fängt in Moll an, auch ein bisschen schräg. Das ist das Gefühl, was wir vielleicht alle in dieser Krise haben. Man findet sich gar nicht zurecht und hat auch Angst vor dem Bedrohlichen. Im Refrain wird eigentlich vorweg genommen, was nach der Krise passiert. Die Freude, dass man sich wieder in den Arm nehmen kann, dass man wieder zusammen ist, dass Enkel wieder ihre Großeltern besuchen können. Das ist die Hoffnung, auf die wir alle hinsteuern.

Das wird vielleicht noch ein bisschen dauern, denn ich weiß nicht wie die Normalität wiederhergestellt werden soll, bevor kein Impfstoff befunden ist. Aber dieser Moment wird kommen und wir wollen Hoffnung verbreiten. Das ist vielleicht der Grund, warum sich so viele Menschen davon angesprochen fühlen, die normalerweise vielleicht gar nicht so eine Art von Musik hören würden.

DOMRADIO.DE: Was bringt Ihnen Hoffnung im Moment?

Siemons: Ich fühlte mich damals auf der Intensivstation sehr schlecht. Dort geht es niemandem gut. Ich war wirklich erschöpft nach drei Monaten im Krankenhaus. Mein Körper war komplett geschwächt und ich hatte die Hoffnung ein wenig aufgegeben. Dann kam meine Frau herein und ich habe zu ihr gesagt: "Ich glaube, jetzt ist es auch gut. Wenn ich jetzt sterbe, dann ist es so." Ich konnte einfach nicht mehr. Meine Frau wurde ziemlich böse und hat gesagt: "Du darfst nie die Hoffnung aufgeben." Und das habe ich dann auch getan.

Das ist vielleicht ein wichtiges Werkzeug, wie wir durch ein gutes Leben kommen, indem wir immer hoffen, dass es einen Weg gibt, der aus den schlimmsten Krisen herausführt. Jeder Mensch, unabhängig von Corona, durchlebt schwere persönliche oder gesellschaftliche Krisen und wir brauchen immer diesen positiven Gedanken, dass wir da wieder rauskommen. Deswegen ist Hoffnung das wichtigste Wort in meinem persönlichen Leben.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Hier gibt es den Song zum Anhören:

Hinweis:

Das Interview ist Teil des Podcasts Himmelklar – ein überdiözesanes Podcast-Projekt koordiniert von der MD GmbH in Zusammenarbeit mit katholisch.de und DOMRADIO.DE. Unterstützt vom Katholischen Medienhaus in Bonn und der APG mbH. Moderiert von Renardo Schlegelmilch.

 

(DR)

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