Ein Kind in Benin wäscht sich die Hände
Ein Kind in Benin wäscht sich die Hände
Katrin Gänsler
Katrin Gänsler

09.04.2020

In der westafrikanischen Corona-Wirklichkeit Soziale Distanz ist unhöflich

Korrespondenten schreiben in Zeiten der Corona-Krise an die Zentrale: Persönliches und Politisches, Trauriges und Tröstliches von den Mitarbeitern der Katholischen Nachrichten-Agentur. Diesmal: eine E-Mail aus Cotonou.

So fixiert wie im Moment war ich noch nie auf Nachrichten. Auf zwei Smartphones, einem Tablet und dem Laptop verfolge ich parallel mehrere Nachrichtenticker, Live-Streams und aktualisiere abwechselnd drei Corona-Tracker. In mehreren WhatsApp-Corona-Gruppen tausche ich mich mit meiner Familie in Deutschland, Freunden und beruflichen Gesprächspartnern aus.

Verschickt werden Communiques westafrikanischer Regierungen, Hinweise zu Ausgangssperren und Tipps, wie häusliche Quarantäne und soziale Distanz gelingen. Manchmal kommen sogar Nähanleitungen für einen Mundschutz. Als ob ich nähen könnte oder wollte. Covid-19 ist einfach allgegenwärtig.

Wenn ich dabei jedoch aus dem Fenster meines Arbeitszimmers schaue, fühlt sich das Virus Tausende Kilometer weit entfernt an. Es ist unwirklich und nicht begreifbar. Auf der anderen Straßenseite liegt einer der typischen Höfe in meinem Viertel Fidjrosse in Benins Wirtschaftsmetropole Cotonou. Vor dem Tor ist die afrikanische Form des Tante-Emma-Ladens aufgebaut. Von Milchpulver über Kunsthaar zum Einflechten bis hin zu Plastikspielzeug gibt es alles - nur kein Toilettenpapier. Das ist auch ohne Corona für die Masse der Bevölkerung unerschwinglich.

Händewaschen - aber wie?

Vor dem Laden und auf dem Hof ist jeden Tag viel los: Kinder spielen, Kunden setzen sich auf die Holzbank und unterhalten sich lange mit der Verkäuferin. Man lacht, schüttelt sich die Hände, manchmal isst man sogar zusammen. Ständig wird Wäsche gewaschen und aufgehängt und auf einem kleinen Gaskocher Essen zubereitet. Fünf Wohneinheiten sind es, die zusammen zwischen 15 und 20 Menschen beherbergen. Seit dem ersten Corona-Fall vor gut zwei Wochen hat sich das nicht geändert.

Dabei sind auch in Benin Händewaschen, Abstand halten, eben soziale Distanz das Gebot der Stunde und Teil des Maßnahmenkatalogs der Regierung von Patrice Talon. Umsetzen lässt es sich aber nur sehr bedingt. Distanz ist untypisch und unhöflich - und natürlich sitzt man vor allem abends zusammen. Wo sollten die Kinder die vorgezogenen Osterferien verbringen? Das Leben spielt sich auf der sandigen Straße, auf den Höfen ab, aber nicht in geschlossenen Wohnungen und erst recht nicht alleine.

Soziale Distanz und Präventionsmaßnahmen sind ein Privileg von wenigen. Schon fließendes Wasser, Seife und Desinfektionsmittel sind nicht selbstverständlich; zu Hause Platz zu haben, erst recht nicht.

Wenn es zu mehr Corona-Fällen kommt - aktuell sind es elf, wobei Dunkelziffer und die Zahl der öffentlich nicht kommunizierten Fälle weitaus höher liegen dürften -, könnten die Regeln weiter verschärft werden. Dann dürfte die Lage vor allem für Tagelöhner kritisch werden, die sich schon jetzt von Tag zu Tag hangeln. Hilfspakete wie von europäischen Regierungen wird es nicht geben.

Momentan auch kein Zurück nach Deutschland

Anders als die Masse der Bevölkerung habe ich den Luxus einer großen Wohnung, die Distanz möglich macht. Ich wollte nicht hamstern, habe dennoch mehr als üblich eingekauft. Ich kann weiter Strom und Wasser bezahlen und arbeiten; Homeoffice habe ich ohnehin immer. Von meinem Sommerurlaub in den Niederlanden und Wales habe ich mich längst verabschiedet. Stattdessen freue ich mich über jeden Tag, an dem wir noch keine Ausgangssperre haben und ich zu meinen Pferden fahren kann. Das ist wie ein Kurzurlaub von der Krise.

Dennoch kommt das beklemmende Gefühl auf festzusitzen. Kommerzielle Flüge Richtung Europa gibt es nicht mehr. Auch die Landgrenzen sind dicht. Am Montag schrieb ein niederländischer Freund, der in Ghana lebt: "Wir sorgen uns alle um unsere Eltern, oder?" Was ist also, wenn etwas in Deutschland passiert? Meine Schwester tröstet mich per WhatsApp und schreibt, wir müssten einfach hoffen, dass wir alle gut durch die Krise kommen. Für das Wiedersehen stellt sie den traditionellen Osterzopf in Aussicht. Ostern holen wir dann nach. Im Moment könne sie den ohnehin nicht backen, denn sie kann keine Hefe mehr kaufen.

Sorge bereitet hier auch das Wissen um die schlechte Gesundheitsversorgung. Richtig krank wird man erst im Krankenhaus, heißt es zynisch. Die hygienischen Bedingungen sind oft miserabel - was auch über die beninische Isolierstation gesagt wird. Immer wenn ich für eine Reportage aus einem Krankenhaus gekommen bin, hatte ich das dringende Bedürfnis, mich anschließend gründlich zu duschen und die Kleider zu wechseln. Über Intensivbetten und Beatmungsgeräte sprechen wir lieber nicht.

Sollten die Zahlen in Benin rasant steigen und den Staat lahmlegen - wir hoffen noch immer, mit einem blauen Auge davonzukommen -, spekuliere ich auf einen Rückholflug nach Deutschland. Das Gefühl ist einerseits beruhigend. Andererseits schäme ich mich dafür und finde mich sehr egoistisch. Denn diese eventuelle Möglichkeit ist nur Menschen aus der Europäischen Union und mit dem "richtigen Pass" vorbehalten. Der Rest bleibt sich selbst überlassen.

Katrin Gänsler
(KNA)

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