Zwei Männer stehen nebeneinander und unterhalten sich in einer Straße in einem ultraorthodoxen Stadtviertel in Jerusalem
Zwei Männer stehen nebeneinander und unterhalten sich in einer Straße in einem ultraorthodoxen Stadtviertel in Jerusalem
Menschenleere Jerusalemer Altstadt
Menschenleere Jerusalemer Altstadt

06.04.2020

Israels Minderheiten und Corona Ein Virus als Marker der Spaltung

Israel hat Covid-19 früh und drastisch den Kampf angesagt. Dass die Minderheiten im Land dabei wie so oft der blinde Fleck der Politik waren, hat dem hochansteckenden Virus in Teilen des Landes einen Vorsprung gegeben.

In normalen Zeiten zerfällt die israelische Gesellschaft in politische, ethnische und religiöse Gruppen. Strengreligiöse Juden, Beduinen und Araber werden dann im Mainstream-Regieren gern übersehen. Angesichts von Corona könnte diese Vernachlässigung zum Fallstrick des sonst offenbar effizienten Krisenmanagements werden. Wo behördliche Maßnahmen zur Eindämmung des Virus eine Disziplin des ganzen Volkes mit wenig Toleranz für Ungehorsam erfordert, fehlen Kommunikationskanäle und eine Sprache, die auch die Minderheiten erreicht.

Hohe Infektionsrate bei den Ultraorthodoxen

Früher als andere hat Israel im Kampf gegen Covid-19 scharfe Maßnahmen ergriffen und damit die Krise offenbar erfolgreich hinausgezögert. Pro 100.000 Einwohner verzeichnet das Land gegenwärtig rund 90 Infizierte, fast 30 weniger etwa als Deutschland. Die Sterberate mit 0,58 Prozent gehört weltweit zu den niedrigsten. Der blinde Fleck der Minderheiten könnte dies ändern, fürchten Beobachter. Schon jetzt liegt die Infektionsrate in Teilen der ultraorthodoxen Gesellschaft achtmal höher als im Landesdurchschnitt.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Staatspräsident Reuven Rivlin beeilten sich, eine Stigmatisierung der Ultraorthodoxen zurückzuweisen. Dabei hat die Regierung laut Kritikern schlicht zu lange gewartet, die Corona-Botschaft unter das ultraorthodoxe Volk zu bringen. "Die israelische Öffentlichkeit weiß nicht zu den Haredim zu sprechen", kommentierte der Journalist Anshel Pfeffer für die Zeitung "Haaretz".

Zwar gibt es immer noch Hardliner, die den Regierungskurs nicht ernst nehmen und statt Ausgangssperre zu Torah-Studium und öffentlichem Gottesdienst aufrufen. Isolation und soziale Distanz in einem chronisch überbevölkerten Milieu sind aber schlicht unmöglich; Warnungen via Smartphone und TV-Nachrichten scheitern am Medienverhalten der abgesonderten Gruppe.

In jüdischen Gemeinden wird viermal so viel getestet

Bislang gering ist die Zahl der offiziell Infizierten in der arabischen Bevölkerung. Kein Wunder, sagen Kritiker: In jüdischen Gemeinden wird viermal so viel getestet wie in arabischen. Zum Arzt geht in diesen Tagen freiwillig niemand, sagen Ostjerusalemer Palästinenser hinter vorgehaltener Hand. Zu groß ist die Angst, als Corona-Infizierter gebrandmarkt zu werden.

Angst vor dem Stigma, räumliche Enge, mangelnde Information: Die Pandemie-Katalysatoren gelten auch für die Beduinen der Negevwüste, sagt die Ärztin Hadeel Alsana vom Soroka-Krankenhaus. Lange habe in Sachen Corona überhaupt keine Kommunikation mit den Beduinen stattgefunden. "Dann haben sie die Richtlinien und Schutzmaßnahmen eins zu eins aus dem Hebräischen übersetzt, ohne auf die soziale Lebenswirklichkeit der Beduinen einzugehen." Ein Ausbruch von Covid-19 insbesondere in den nicht anerkannten Beduinendörfern käme laut der Ärztin der Medizinervereinigung der Negev einer Katastrophe gleich. Kinderreiche Familien leben auf engstem Raum; die medizinische Versorgung schlecht.

Aktivisten haben dort unterdessen den Schutz so gut es geht selbst in die Hand genommen. "Unser Dorf ist nicht im Bewusstsein des Staates", sagt Najeeb Abu Bneah, Mitglied des Dorfrates von Wadi Naam. Nur die Hauszerstörungen seien fortgesetzt worden, "bis wir mit einer Massendemo gedroht haben". Weil kein offizieller Vertreter gekommen sei, um die Bewohner über das Virus aufzuklären, habe man kurzerhand selbst Informationsblätter gedruckt und verteilt.

Freiwillige helfen Menschen in Quarantäne

Dass der 17.000-Einwohner-Ort einen ersten Corona-Fall zu verzeichnen hatte, hat die Lage verändert. "Die Menschen haben gesehen, dass es jeden treffen kann, und bleiben jetzt in ihrem Dorf", sagt Abu Bneah. Eine Gruppe von mittlerweile 30 Freiwilligen ist im Einsatz, um Alte und Familien in Quarantäne zu versorgen.

Die Sensibilität ist gewachsen, sagt auch Faiz Abu Sahiben in Rahat. In Einweghandschuhen, gelber Weste und Schutzmaske inspiziert der Bürgermeister der größten Beduinenstadt Israels die Lage am "Corona Test Drive-In". Für diesen Tag hat er lange und mit Unterstützung arabischer Parlamentsabgeordneter verhandelt. Umso mehr freut er sich über den Erfolg. Knapp eine Stunde nach Öffnung der mobilen Anlage stauen sich die Autos auf dem Weg zu den Männern in Schutzkleidung. "Keine Gesichter, keine Autokennzeichen!" Die Anweisungen an anwesende Journalisten sind klar. Auch hier schwingt die Angst vor dem sozialen Schandmal mit.

Mindestens zwei Wochen Verspätung haben die Minderheiten der israelischen Gesellschaft in Sachen Corona-Vorbeugung. Wie wirksam die Mehrheit unterdessen das gesamte Land geschützt hat, werden die Zahlen gegen Ende des Monats zeigen - wenn die potentiell infektionsbegünstigenden Feste Ostern und Pessach und der Beginn des Ramadan mit in die Statistiken einfließen.

Andrea Krogmann
(KNA)

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