Leere Straße in Berlin
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Prof. Franz-Josef Bormann
Prof. Franz-Josef Bormann

31.03.2020

Ethikrat-Mitglied für Debatte über Shutdown-Ende Strategieanpassungen vorbereiten

Franz-Josef Bormann gehört seit 2016 dem Deutschen Ethikrat an. Im Interview erläutert er, wie er die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie einschätzt und weshalb er eine Debatte über die Lockerung der Einschränkungen möchte.

KNA: Die Corona-Pandemie greift um sich, es laufen komplizierte Abwägungsprozesse: Welche Entscheidung führt zu welchen Kosten? Wirtschaftlich, sozial, politisch, religiös. Gab es schon vergleichbare Situationen?

Prof. Franz-Josef Bormann (Moraltheologe an der Universität Tübingen und Mitglied im Deutschen Ethikrat): Nein. Frühere Seuchen waren lokal oder zumindest regional begrenzt und gingen nicht so wie jetzt als Welle um die ganze Welt.

Durch unsere Mobilität und Verstädterung erhalten Pandemien nun eine völlig neue Dimension.

KNA: Was ist jetzt entscheidend?

Bormann: Die zentrale Frage ist die nach einem Ausstieg aus dem Shutdown. Es war richtig, alles runterzufahren, aber das hat für viele schon jetzt dramatische Folgen: Im Gesundheitssektor wurden Operationen verschoben, Pflegeleistungen nicht mehr erbracht, Menschen sind häuslicher Gewalt ausgesetzt. Noch schwerer wird, die gesundheitlichen Gefahren gegen die ökonomischen Risiken abzuwägen.

Wir müssen offen darüber sprechen, auch wenn der genaue Zeitpunkt für eine Normalisierung momentan noch völlig unklar ist. Es hilft ja nicht, dass die Gesundheit maximal geschützt wird, anschließend aber der Job weg oder die Firma insolvent ist.

KNA: In der Summe geht es...

Bormann: ... nicht nur um den Schutz eines einzelnen Gutes wie etwa der Gesundheit des Einzelnen, sondern um die langfristige Sicherung der Handlungsfähigkeit aller Personen und der Gesellschaft insgesamt.

Wir müssen alle relevanten Faktoren berücksichtigen, aber diese Komplexität wird in der aktuellen Diskussion oft ausgeblendet. Viele Firmen können es sich nicht leisten, monatelang zu schließen. Die Gelddruckmaschinen der Regierungen und der EU haben auch massive Folgekosten. Wir sind aber fatalerweise gewohnt, Risiken von uns fernzuhalten und in die Zukunft zu delegieren. Dieses Verhaltensmuster müssen wir hinterfragen, es hat ja schon in die Umweltkrise geführt. Es geht hier auch um langfristige Folgen und somit um Generationengerechtigkeit.

KNA: Wie sollte es weiter gehen?

Bormann: Gesamtgesellschaftliche Solidarität ist eine knappe Ressource, und wir sollten sie nicht überstrapazieren. Wir können die aktuelle Situation mit weitreichenden Verboten nicht über Monate aufrechterhalten, sondern müssen die Zeit jetzt dafür nutzen, um geeignete Strategieanpassungen vorzubereiten. Dann müssen wir vielleicht eine gewisse Zeitspanne mit einer kontrollierten Ausbreitung der Erkrankung leben, die unser Gesundheitssystem nicht überfordert. Ansonsten drohen archaische Verhaltensmuster.

Wir dürfen uns nicht von Hysterie leiten lassen. Jedes Jahr gibt es eine Grippewelle, die es trotz Tausender Toter nur selten in die Zeitung schafft. Und wir reden gerade vom Coronavirus, nicht von der Pest. Wir brauchen daher schon bald eine geeignete Strategie, um das öffentliche System wieder behutsam aufzubauen. Denkverbote helfen nicht. Es ist die Aufgabe verantwortlicher Politik, hierfür klare und wohl begründete Perspektiven zu formulieren.

KNA: Wobei manche den Eindruck haben, wir werden längst von Naturwissenschaftlern regiert.

Bormann: Was so nicht zutrifft. Zwar braucht verantwortliche Politik den Rat der Wissenschaften - und hier sind nicht nur Virologen und Epidemiologen, sondern auch Ethiker und Rechtswissenschaftler gefragt -, aber die Entscheidungen über die konkreten Maßnahmen müssen die Politiker treffen. In dem Maße wie sie sich zuvor sachkundig gemacht haben, können sie ihre rechtlich verbindlichen Anweisungen auch begründen und plausibel machen.

KNA: Was raten Sie?

Bormann: Es reicht nicht, gebetsmühlenartig an die Geduld der Bürgerinnen und Bürger zu appellieren und zu sagen, dass sich bis Ostern oder eine Woche danach nichts ändert. Wir können auch nicht so lange warten, bis keiner mehr infiziert werden kann. Wir brauchen jetzt eine breite Debatte darüber, wie wir es schaffen, die Einschränkungen so zu lockern, dass die medizinische Betreuung von Patienten mit schweren Symptomen trotzdem funktioniert.

Mit welchen Mechanismen können wir die Risikogruppen schützen und für die Mehrheit doch wieder mehr Normalität erreichen? Wie können die Produktionsstätten wieder in Betrieb genommen werden? Die große Mehrheit der Bevölkerung wird eine Infektion wahrscheinlich gut überstehen. Die jeweiligen Einschränkungen müssen verhältnismäßig sein und die Vielzahl der lebensrelevanten Güter im Auge behalten. Zu diesen Gütern gehört auch der Schutz von Arbeitsplätzen und die Pflege sozialer Kontakte.

KNA: Welche Fragen gehen auf den Zettel, der nach Ende der Krise bearbeitet werden muss?

Bormann: Hier ist zwischen der nationalen und der europäischen Perspektive zu unterscheiden: National zeigen sich derzeit selbst bei uns große Probleme sowohl in der Beschaffung von medizinisch notwendigen Hilfsgütern wie Schutzbekleidung und Desinfektionsmitteln als auch im Bereich der Produktion von Medikamenten, die wir fast vollständig an das Ausland abgegeben haben.

Bei aller gebotenen Wirtschaftlichkeit des Gesundheitswesens offenbaren sich hier negative Auswirkungen einer problematischen Ökonomisierung, die im Ernstfall Leben fordert. Auf der EU-Ebene sollten wir trotz nationaler Zuständigkeit für Gesundheitsfragen doch wenigstens soweit zusammenarbeiten, dass wir eine europäische Infrastruktur zur Bereitstellung wichtiger medizinischer Güter aufrechterhalten beziehungsweise neu aufbauen können.

KNA: Es kann erstaunen, wie klaglos die Kirchen die Einschränkungen zur Kenntnis genommen haben.

Bormann: Die derzeitigen staatlichen Maßnahmen greifen tief in grundlegende Persönlichkeitsrechte ein, unter anderem auch in die Religionsfreiheit. Zeitweise gab und gibt es dafür sogar zwingende Gründe. Es ist auch sehr schön, dass die Kirchen ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden und sich der Solidarität anschließen. Doch die Kirchen müssen auch über ein Ende der Maßnahmen nachdenken. Es ist beispielsweise ein moralisches Problem, dass normale seelsorgliche Aktivitäten nicht stattfinden und Sterbende nicht mehr vernünftig begleitet werden können.

Das Interview führte Michael Jacquemain.

(KNA)

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