Missbrauchsaufarbeitung und Prävention sind große Aufgaben für die Kirche
Wenn die eigene Wohnung zur Falle wird

29.03.2020

Missbrauchsbeauftragter Rörig fürchtet Zunahme sexueller Gewalt gegen Kinder "In größter Sorge" wegen Kontaktverboten

Psychologen und Kinderschützer befürchten im Zuge der Corona-Krise eine Zunahme häuslicher und sexueller Gewalt. "Vor allem in engen Wohnsituationen birgt das großes Gewaltpotenzial", warnen Psychologen.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, befürchtet im Zuge der Corona-Krise eine Zunahme häuslicher und sexueller Gewalt gegen Kinder. "Jeder, der sich im Kinderschutz engagiert und für das Kindeswohl kämpft, der ist im Moment in größter Sorge", sagte er am Samstag im rbb-Inforadio.

Schule und Freizeit fehlen als Fluchtmöglichkeiten

In Ländern, die bereits länger eine Ausgangssperre haben, habe die häusliche Gewalt deutlich zugenommen.  Der aktuelle Druck gefährde das Kindeswohl erheblich durch die eigenen Familienmitglieder, so Rörig. Das betreffe etwa Kinder, die ohnehin sexueller Gewalt in der Familie ausgesetzt seien: "Deren Lage verschärft sich erheblich, weil Schule und Freizeit als Fluchtmöglichkeit fehlen."

Die Täter und Täterinnen könnten "jetzt noch unbemerkter vom sozialen Umfeld ihre perfide Gewalt ausüben", so der Experte. Daher sei es besonders tragisch, dass die Jugendämter nur im Notbetrieb arbeiten können.

Bei Verdacht professionellen Rat suchen

Wer einen Verdacht auf Gewalt oder sexuellen Missbrauch in der Familie habe, solle Nachbarn nicht direkt ansprechen, sondern sich direkt professionellen Rat suchen, riet Rörig. Das seien Jugendämter, die Polizei oder viele andere Beratungsangebote. Auf der Website des Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs seien hilfreiche Tipps und Telefonnummern zusammengestellt.

Zahlreiche Konflikte in der Familie

Häusliche Gewalt ist derzeit nach Einschätzung des Psychiaters Jan Kalbitzer eine große Gefahr. "Schulpsychologen, Sozialarbeiter und Jugendämter müssen sich darauf vorbereiten", sagte er im Interview des "Spiegel" am Samstag.

Durch die Enge infolge der Corona-Bestimmungen werde es "in vielen Familien zu großen Konflikten kommen", erläuterte Kalbitzer. "Vieles, was lange schwelte, wird ausbrechen. Paare werden sich trennen." Eltern könne es überfordern, wenn sie um ihre Existenz fürchteten und nebenher den Kindern geduldig beibringen müssen, möglichst wenige Türklinken anzufassen, erklärte der Experte.

Gefahr des Drogenmissbrauchs

Weitere Gefahren seien derzeit Sucht und Abhängigkeit: "Menschen, die Ängste haben, nutzen auch Alkohol, um ihnen zu entfliehen." Kalbitzer forderte kurzfristig neue Zulassungen für Therapeuten. "Wir steuern auf enorme psychiatrische Belastungen durch Existenzängste, Isolation und familiäre Konflikte zu. Da kann es nicht sein, dass Menschen monatelang auf Therapieplätze warten müssen."

Der momentane Lockdown berge viele Risiken für die Psyche. "Es wäre dramatisch, wenn wir uns eine geringere Sterblichkeit an der Viruserkrankung durch eine Zunahme an Suiziden und Traumata bei Kindern und Jugendlichen erkaufen, die Opfer ihrer überforderten Eltern wurden."

Rüchzugsräume in der Wohnung schaffen

Betroffenen Familien riet der Psychiater, Rückzugsräume zu schaffen. Das könne notfalls auch ein Badezimmer oder der Balkon sein. Wichtig sei zudem ein strukturierter Tagesablauf. Dazu gehöre eine Trennung zwischen Arbeits- und Freizeit: "Man muss Pausen einplanen, in denen man wirklich abschaltet." Er empfehle, einmal täglich Nachrichten zu lesen, vielleicht ein zweites Mal, wenn man die Wohnung verlasse.

Freiräume für Eltern

Eltern könnten sich in punkto Kinderbetreuung abwechseln, so Kalbitzer weiter. Und: "Natürlich sollte es nicht zur Gewohnheit werden, die Kinder ständig vor dem Fernseher oder Tablet zu parken, weil man arbeiten muss. Aber wenn man merkt, ich kann gerade nicht mehr, ich brauche meine Ruhe, dann kann das überlebensnotwendig für die Familie sein." Hilfreich könne es zudem sein, einander bewusst "guten Morgen" und "gute Nacht" zu sagen, sich häufiger zu bedanken und kleine Provokationen zu unterlassen.

Schulen und Kitas bald öffnen

Die Frankfurter Kinder- und Jugendpsychiaterin Christine M. Freitag fordert, die bislang vereinbarte Wiedereröffnung von Schulen und Kitas eine Woche nach Ostern einzuhalten. Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen würden viele Familien vor enorme Herausforderungen stellen, sagte Freitag den Zeitungen der Essener Funke Mediengruppe am Samstag.

Kinder mit psychischen Erkrankungen Gewalt ausgesetzt

"Vor allem in engen Wohnsituationen birgt das großes Gewaltpotenzial", warnte die Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum in Frankfurt am Main. Dabei gelte: "Je schlimmer die psychische Erkrankung des Kindes, desto mehr Gewalt gegen das Kind oder in der Familie ist zu erwarten", sagte Freitag weiter, die auch im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie ist.

Hygiene-Konzepte in Schulen

Damit die Kinder wieder zurück in die Bildungseinrichtungen können, müssten auch in Schulen langfristige Hygiene-Konzepte erarbeitet und in die politischen Überlegungen miteinbezogen werden. "Es geht schließlich um unsere Zukunfts-Generation, die vor langfristigen negativen Folgen geschützt werden muss", gab die Professorin zu bedenken.  

Therapien derzeit per Telefon

Viele der bundesweit mehr als 400 Fachkliniken und Fachabteilungen versorgen laut Deutschen Krankenhausgesellschaft ihre Patienten in der Corona-Krise nicht mehr ambulant oder in den Tageskliniken, sondern bieten Therapien über Telefon oder Video-Programme an. Es gebe nicht nur Zusammenlegungen von Stationen in Psychiatrien, sondern es würden auch ganze Häuser freigeräumt, um Covid-19-Erkrankte aufzunehmen, sagte ein Sprecher der Krankenhausgesellschaft den Zeitungen.

Videos klären über Hilfe bei häuslicher Gewalt auf

Mit zwei Kurzvideos will die Kinderschutzstiftung "Hänsel+Gretel" Kinder besser vor häuslicher Gewalt schützen. Gerade in der ausgangsbeschränkten Zeit während der Corona-Krise sollten sie leichter Hilfe bekommen, teilte die Stiftung am Samstag in Karlsruhe mit. Das erste Video ist ein "Appell eines Mädchens" an Kinder und Jugendliche, sich Hilfe zu holen. Das zweite Video gibt den Erwachsenen zu Hause Handlungsempfehlungen.

 

(KNA, epd)

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