Wer wird denn gleich die Wanderschuhe so entsorgen?
Pilgerschuhe am Jakobsweg
Hinweisschild zum Jakobsweg
Hinweisschild zum Jakobsweg
Kirche auf dem Weg
Ein Pilger auf dem Jakobsweg.
Ziel des Jakobswegs: Die Kathedrale von Santiago de Compostela
Ziel des Jakobswegs: Die Kathedrale von Santiago de Compostela

26.03.2020

Vorläufiger Total-Einbruch auf dem Jakobsweg Viele werden nach Corona hier Trost suchen

Nach Santiago de Compostela kommt durch die Corona-Krise kein Pilger mehr, zumindest vorerst. Augusto Castineira Paredes wollte am Endpunkt des Jakobswegs eigentlich Ende März seine Herberge öffnen. Doch dann kam alles ganz anders.

KNA: Sie wollten gemeinsam mit Ihrem Kompagnon Aranzazu Imaz Ende März die Pforten ihrer Pilgerherberge "Acuario" öffnen - so wie immen. In den letzten Monaten hatten Sie viele Kosten und viel Arbeit, auch ohne Pilger, oder?

Augusto Castineiro Paredes: Ja, wir schließen immer Ende November und nutzen den Winter für Verbesserungen, Reformen. Diesmal haben wir alle Matratzen ausgetauscht, den Bereich der Rezeption umgestaltet und ich habe neue Schließfächer gebaut. Das war zum Glück nicht so teuer, weil ich alles selbst mache.

KNA: Wo liegt Ihre Herberge? Wie sieht es da aus? Was kostet eine Übernachtung - im Normalfall?

Castineiro Paredes: Hier in Santiago sind wir exakt 1.450 Meter von der Kathedrale entfernt. 22 Minuten, wenn man normal geht. Wir haben 60 Plätze, verteilt auf "private Sphären", so nennen wir das. Das sind aber keine richtigen Zimmer. Die Trennwände gehen nicht bis ganz oben. Bei uns kostet eine Übernachtung zwölf Euro pro Person. In der Hauptsaison sind es 50 Cent mehr. Wir wollen für Pilger immer günstig sein. Mit überzogenen Preisen brichst du mit der Essenz des Jakobswegs. Pilger zu sein, so wie wir es auch selbst sind, das kommt von Herzen.

KNA: Und jetzt: die Katastrophe?

Castineiro Paredes: Das ist wirklich ein Desaster. Das hat uns sehr, sehr hart getroffen. Über den Winter zehren wir ja auch von unseren Ersparnissen.

KNA: 2019 ist als neues Rekordjahr in die Geschichte eingegangen. Das Pilgerbüro von Santiago de Compostela verbreitete eine bisher nie dagewesene Zahl an Ankömmlingen: 347.578. Wie waren Ihre Erwartungen für die neue Saison?

Castineiro Paredes: Zunächst mal: Bei den Zahlen des Pilgerbüros habe ich meine Zweifel. Ich glaube nicht, dass die Zahlen so stimmen. Die Realität ist eine andere. Aber ja, es waren schon viele unterwegs.

Für dieses Jahr, für Ostern und danach, hatten wir schon viele Reservierungen, auch von Gruppen. Das ist jetzt alles storniert.

KNA: Politiker sprechen derzeit von staatlichen Hilfen. Macht das Hoffnung?

Castineiro Paredes: Wir sind dran und haben schon mit unserem Steuerberater gesprochen. Aber ich habe meine Zweifel. Das, was die Regierung immer groß verspricht, ist oft eine Farce. In der Stunde der Wahrheit verlangen die solch einen Berg Dokumente, dass es für 90 Prozent der Fälle gar keine Unterstützung gibt.

KNA: Wie wird es mit dem Jakobsweg, den Pilgern weitergehen?

Castineiro Paredes: Die Krise, so brutal sie jetzt ist, wird vorübergehen. Sobald sich die Lage beruhigt hat, werden besonders viele Leute spirituellen Trost suchen. Da bin ich mir sicher. Das Ganze ist vielen ans Herz gegangen. Nach all diesem Leiden gibt es nichts Besseres, als den Jakobsweg zu gehen. Der Jakobsweg lässt das Herz aufgehen. Ab Anfang Juni, denke ich, werden die ersten Pilger wieder gehen und hier in Santiago de Compostela im Juli eintreffen.

Ich sehe Licht am Ende des Tunnels.

KNA: Werden die Pilger andere sein?

Castineiro Paredes: Mehr Pilger kommen sicher mit einem Gelübde. Es wird sehr starken Zustrom geben von Menschen, die so lange gelitten haben. Katastrophen aller Art haben etwas, das Dich stärker, mutiger macht. Aber auch demütiger.

KNA: Könnte es durch die Pandemie in den Herbergen, wo sich ja viele Menschen auf begrenztem Raum aufhalten, zu Änderungen von Hygienevorschriften und ähnlichem kommen?

Castineiro Paredes: Das könnte sein und ist sogar wahrscheinlich.

Aber ich erinnere mich, dass es vor zwei Jahren in Spanien mal einen Ausbruch an Salmonellen gab. Da gab es schnell Vorschriften, Kontrollen. Aber das ging auch rasch vorüber. Man prüft eine Zeitlang, dann nimmt hier alles wieder seinen normalen Lauf. Das läuft nicht so effektiv wie vielleicht in Deutschland.

Das Interview führte Andreas Drouve.

(KNA)

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