Iranische Sicherheitskräfte stellen sich Demonstranten in Teheran in den Weg
Iranische Sicherheitskräfte stellen sich Demonstranten in Teheran in den Weg
Open Doors Geschäftsführer Markus Rode
Open Doors Geschäftsführer Markus Rode
Irans Präsident Ruhani
Irans Präsident Ruhani

02.01.2018

Hilfswerk zu gewalttätigen Protesten im Iran "Es gärt schon seit vielen Jahren"

Anhaltende Proteste im Iran kosteten allein in der Nacht zum Dienstag neun Menschen das Leben. Wut und Unzufriedenheit lassen sich nicht nur mit der Wirtschaftslage im Land begründen, sagt Open Doors Deutschland im Interview.

DOMRADIO.DE: Wie schätzen Sie die Lage im Iran momentan ein?

Markus Rode (Leiter von Open Doors Deutschland e.V.): Das ist etwas, was schon viele Jahre gärt. Es gab nach der Islamischen Revolution 1979 als Ajatollah Ruhollah Chomeini zurückgekehrt war, eine große Begeisterung. Der perfekte islamische Staat sollte entstehen. Das ist dann auch nach dem islamischen Recht, der Scharia, geschehen.

2009 brach dann die Grüne Revolution aus und es gab einen Aufschrei in der Bevölkerung. Man wollte das Mullah-Regime nicht mehr. Diese Proteste wurden mit Gewalt unterdrückt. Danach gärte es im Prinzip unter dem Teppich weiter. Und jetzt bricht es erneut hervor. Nicht nur die Christen und andere Minderheiten, sondern auch Muslime sind mit dem islamischen Regime extrem unzufrieden, welches den reinen Islam nach der Scharia praktiziert.

DOMRADIO.DE: Die Menschen sollen im Moment auch deshalb auf die Straßen gehen, weil die Preise im Iran massiv gestiegen sind. Das was Sie sagen, klingt ganz anders…

Rode: Die Ursachen der Proteste liegen natürlich in der Agenda des Regimes, welches eigentlich gemessen an den Erdölvorkommen sehr reich ist. Diese Agenda sieht die Ausweitung des Islam in vielen Ländern vor. Deshalb ist der Iran in Stellvertreterkriege involviert und unterstützt weltweit auch Islamisten. Unter anderem eben auch in den islamischen Ländern, wo es beginnt zu kippen, wie im Jemen. Auch der Bruderkrieg mit Saudi-Arabien kostet wahnsinnig viel Geld. Diese militärischen Investitionen kommen bei der Bevölkerung nicht an und das will man dort nicht.

DOMRADIO.DE: Wie reagiert das Regime auf die Unruhen? Die Revolutionsgarden scheinen ziemlich hart durchzugreifen…

Rode: Das iranische Regime ist nicht demokratisch gewählt, sondern begründet sich im islamischen Recht. Es gibt den derzeitigen obersten Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei, der auf Lebenszeit das Sagen hat. Er beruft unter anderem den mächtigen Wächterrat ein und darunter die Regierung, welche also selbst ein Instrument in den Händen des islamischen Wächterrates ist.

Und die Revolutionsgarden sind auch ein Instrument des Wächterrates und nicht der Regierung. Die Hardliner, die im Wächterrat sitzen, steuern natürlich alles. Daher hat der gewählte Präsident Hassan Ruhani genau genommen nicht so viel zu sagen.

DOMRADIO.DE: Was bedeuten die Unruhen für die Minderheit der Christen im Land?

Rode: Die Auswirkungen sind gar nicht so groß. Das Regime weiß um die Unzufriedenheit der Bevölkerung. Daher hat es auch ein besonderes Auge auf die christliche Minderheit geworfen, die stark wächst. Die Muslime, die zum christlichen Glauben übergetreten sind, stellen mittlerweile mit mehreren Hunderttausend die größte christliche Gemeinschaft im Iran dar. Schon früh wurde mit der Geheimpolizei begonnen, gegen diese christlichen Gemeinschaften vorzugehen, die in den Untergrund abtauchen mussten. Gerade im vergangenen Jahr wurden mehrjährige Gefängnisstrafen gegen Pastoren verhängt. Viele dieser Christen muslimischer Herkunft werden in den Gefängnissen sehr hart gefoltert.

DOMRADIO.DE: Iraner, die zum Christentum konvertiert und nach Deutschland geflohen sind, werden allerdings jetzt zurück in den Iran abgeschoben. Ist das vor dem Hintergrund der aktuellen Unruhen zu rechtfertigen?

Rode: Aus unserer Sicht ist das überhaupt nicht zu rechtfertigen. Es ist eine absolute Katastrophe, dass Menschen, die nicht wegen eines Krieges geflohen sind, sondern wegen des islamischen Regimes im Iran, in die Hände ihrer Henker zurückgeschickt werden. Der Abfall vom Islam ist dort ein todeswürdiges Verbrechen, denn die Scharia sieht eben keine Religionsfreiheit vor. Deshalb kommen die abgeschobenen Konvertiten im Iran ins Gefängnis. Da scheinen die deutsche Regierung und die Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge scheinbar ahnungslos zu sein.

DOMRADIO.DE: Wie sind die Zustände in den iranischen Gefängnissen?

Rode: Ich habe mit einigen inhaftierten Konvertiten gesprochen. Sie haben mir von Scheinexekutionen, Frauen, die in den Gefängnissen vergewaltigt werden, Zigaretten, die auf der Haut ausgedrückt werden und Peitschenhieben berichtet. Unfassbare Strafen, die im Hintergrund stattfinden. Diejenigen, die die Entscheidung treffen, Konvertiten aus dem Iran abzuschieben, sollten einfach mal in die Gefängnisse gehen. Sollten mal diese Christen besuchen und mit ihren Familien sprechen, um zu verstehen, was sie hier tun. Ich hoffe, dass diese Abschiebepraxis bald ein Ende findet.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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