16.04.2013

Vatikan: Die Diskriminierung von Christen in Europa wird kaum wahrgenommen "Es fehlt die Sensibilität"

Alleine in Deutschland gebe es "300 bis 400 Übergriffe auf Kirchen und Friedhöfe", so Monsignore Florian Kolfhaus. Dennoch würde das Thema kaum beachtet, kritisiert der Vatikan-Diplomat im domradio.de-Interview.

domradio.de: Sie arbeiten im vatikanischen Staatssekretariat - wie sieht Ihr Alltag aus?

Kolfhaus: Vorweg muss ich sagen: Es gibt etwas wie einen Mythos Vatikan. Manche stellen sich heilige Hallen vor, in denen der Weihrauch wabert, andere ein Zentrum der Macht, in dem Pläne geschmiedet werden. Das ist so nicht richtig. Zunächst einmal ist der Vatikan eine Verwaltungsbehörde. Und unser Alltag sieht aus wie der eines jeden Angestellten und Beamten. Es ist also vor allen Dingen eine Arbeit am Schreibtisch, eine sehr verborgene Arbeit. Jeden Tag erhalte ich Berichte von unseren Nuntien, den Botschaftern des Papstes in aller Welt, auf meinen Schreibtisch. Diese Berichte fasse ich für die Oberen zusammen, also den Papst, den Außenminister, hole Meinungen von Experten ein und mache Vorschläge, wie der Heilige Stuhl antworten kann. Manchmal kommen auch die Botschafter, die am Heiligen Stuhl akkreditiert sind, zu Besuch, um direkt ihre Anliegen vorzutragen. Ich empfange sie, versuche Positionen des Heiligen Stuhls zu erklären, und sammle Informationen, die ich ebenfalls weitergebe.

domradio.de: Sie sind Diplomat und Priester. Bekommen Sie beides immer gut unter einen Hut?

Kolfhaus: Nicht immer, wenn ich ganz ehrlich bin. Zunächst einmal ist meine Arbeit natürlich keine priesterliche, im Staatssekretariat arbeiten auch Laien, die genau die gleiche Arbeit machen - und das mindestens so gut wie die Priester. Natürlich habe ich schon den Anspruch, meine Arbeit als Priester aus einer geistlichen Haltung heraus zu machen. Ganz konkret wird das bei Überstunden: Ich mache Überstunden, die ich nicht vergütet bekomme. Ich versuche, meine Zeit ganz in den Dienst zu stellen. Das eigentliche Priestersein geschieht dann außerhalb des Büros.

domradio.de: Ein Schwerpunkt Ihrer liegt bei der Diskriminierung von Christen in Europa. Wie ist es hier um das dieses Thema bestellt, von dem man in der Regel ja außerhalb Europas hört?

Kolfhaus: In der Tat spricht man nur von der Verfolgung von Christen außerhalb Europas. In Europa gibt es keine Verfolgung im eigentlichen Sinne, aber doch massive Anzeichen von wirklicher Diskriminierung. Ganz deutlich wird das bei Akten von Vandalismus, die kaum beachtet werden. Wir haben in Deutschland 300 bis 400 Übergriffe auf Kirchen und Friedhöfe im Jahr. Das erscheint kaum in den Medien. zum Vergleich: Wenn so etwas in einer Synagoge passiert, gibt es eine Welle der Empörung - und das zu Recht. Doch bei christlichen Kirchen ist die Gesellschaft leider vollkommen unsensibel geworden und beachtet kaum diese Angriffe. Kirchen und Friedhöfe sind ja nicht einfach öffentliche Gebäude wie eine Bahnhofstoilette, wo es passiert, dass es Graffitis gibt. Da werden religiöse Gefühle von gläubigen Menschen verletzt. Und eine meiner Aufgaben ist es eben, darauf aufmerksam zu machen. Auf politischer Ebene dafür zu werben, dass solche Übergriffe verhindert werden und man den Christen - wie allen anderen Religionsgemeinschaften in Europa auch - mit Achtung und Wertschätzung begegnet.

domradio.de: Wenn Sie darauf aufmerksam machen, kommt das an?

Kolfhaus: Oft nicht. Es fehlt tatsächlich eine Sensibilität dafür. Aber es wird besser: Die OSZE gibt jedes Jahr einen sogenannten Hate-Crime-Report heraus, einen Bericht über hassmotivierte Verbrechen. Und in diesem Bericht nehmen Anschläge auf christliche Gebäude mittlerweile das größte Kapitel ein. Es zeigt sich, dass in gewissen politischen Organisationen mittlerweile Aufmerksamkeit für das Thema herrscht. In unserer Gesellschaft, im allgemeinen Diskurs in den Medien leider noch lange nicht.

Das Gespräch führte Aurelia Rütters.

(dr)

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