Debatte um Impfpflicht
Caritas International fordert gerechte Impfstoffverteilung
Oliver Müller, Leiter von Caritas international
Oliver Müller, Leiter von Caritas international

23.12.2020

Caritas International fordert gerechte Impfstoffverteilung "Dringender Handlungsbedarf"

Die Pandemie könne nur überwunden werden, "wenn sie für alle vorbei ist", erklärt Oliver Müller. Der Leiter bei Caritas International fordert eine gerechte Verteilung des Impfstoffes und Hilfe für ärmere Länder, die unter den Corona-Folgen leiden.

DOMRADIO.DE: Sie fordern eine gerechte Verteilung des Impfstoffes. Wie soll die aussehen?

Dr. Oliver Müller (Leiter von Caritas International): Ein Großteil der bisherigen Impfstoffproduktion wurde an die reichen Länder gegeben beziehungsweise von ihnen verkauft. Wir müssen jetzt aber dringend auch daran denken, dass die Pandemie letztlich nur dann vorbei ist, wenn sie für alle vorbei ist. Auch in den ärmeren Ländern, ich denke da vor allem auch an Afrika, ist es notwendig, dass die Menschen geimpft werden können. Die jetzt nicht so hohen Zahlen in Afrika dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Millionen von Menschen in Not sind, auch in Armut gefallen sind und dass es dort auch dringenden Handlungsbedarf gibt.

DOMRADIO.DE: Wie kann das funktionieren, dass der Impfstoff auch dort hinkommt und zwar auch schnell und rechtzeitig?

Müller: Das wird eine ganz große logistische Herausforderung, weil man sich leicht vorstellen kann, dass in Afrika natürlich die Voraussetzungen nicht gegeben sind, um in die letzten Winkel des Landes einen Impfstoff zu bringen, der auf minus 70 Grad gekühlt werden muss. Von daher wird es zum einen ganz wichtig sein, weiter zu forschen und robustere Impfstoffe zu haben, die dort eingesetzt werden können und dann auch transportiert werden können.

Was sich bereits jetzt zeigt in der Corona-Krise – und das ist eigentlich sehr interessant, ist, dass auch durchaus sehr arme Länder, die die Ebola-Krise schon vor einigen Jahren zu bewältigen hatten, ganz erfolgreich sein können im Kampf gegen Corona. Das heißt, es sind auch einfache Mittel, die jetzt zählen. Das sind etwa Gesundheitshelferinnen und Helfer, die vor Ort sind, die aufklären, die Schutzmaßnahmen propagieren und die dann hoffentlich auch eines Tages den Impfstoff zu den Menschen bringen können.

DOMRADIO.DE: Mit Caritas International haben Sie ja bislang zusätzlich sechs Millionen Euro für die Folgen der Corona-Pandemie in ärmeren Ländern ausgegeben. Was für Projekte haben Sie damit unterstützt?

Müller: Eigentlich ist unsere gesamte Hilfsarbeit jetzt von der Corona-Pandemie betroffen gewesen. Wir konnten Gott sei Dank auch dank vielen Spenderinnen und Spendern mehr als einer halben Million Menschen helfen. Das sind oftmals sehr einfache Maßnahmen. Das ist vor allem wirklich der Mundschutz, das sind Hygienemaßnahmen. Alles das, was dazu beiträgt, dass Menschen sich besser schützen können. Das schützt auch Menschen, die oftmals in Bedingungen leben, die kein Social Distancing, also keinen Abstand zum Nächsten überhaupt so zulassen.

Da kann man durchaus eine positive Bilanz ziehen, weil auch unter einfachen Bedingungen vieles möglich ist. Auch Aufklärung spielt da zum Beispiel eine ganz wichtige Rolle, damit die Menschen wissen, wie die Übertragungswege sind. Viele ehrenamtliche Gesundheitshelferinnen der Caritas weltweit sind in mehr als 70 Ländern, in denen wir das unterstützt haben, wirklich in die entferntesten Ecken gegangen, um dort aufzuklären und dort auch zu helfen.

DOMRADIO.DE: Sie haben gerade gesagt, dass der überwiegende Teil der Hilfe sich mit der Corona- Pandemie beschäftigt hat. Verlieren wir neben der Bedrohung durch das SARS-CoV-2-Virus eigentlich ein bisschen den Blick für andere Epidemien wie Tuberkulose oder Masern, mit denen die Menschen in den Ländern im globalen Süden ja auch noch zu tun haben?

Müller: Da sprechen Sie einen sehr wichtigen Umstand an. Was uns extrem besorgt, ist, dass viele Maßnahmen, beispielsweise zum Schutz vor Masern, Impfkampagnen gegen Masern, aber auch zum Schutz vor Malaria ausgesetzt wurden, weil sich alles auf den Kampf gegen Corona konzentriert hat.

Das ist ein riesiges Problem und wir gehen davon aus, dass bereits jetzt mehr Menschen an den Folgewirkungen sterben als an Corona selbst. Hier muss es dringend wieder zu einer Normalisierung der Verhältnisse kommen. Das ist nicht zu übermäßig vielen Todesfällen in Folge der Nicht-Behandlung anderer Krankheiten kommt.

DOMRADIO.DE: Wenn man alleine bei uns schaut, was an Existenzen bedroht ist durch das Virus und die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie: Was für längerfristige Folgen der Pandemie befürchten Sie für die Länder im globalen Süden?

Müller: Die weiteren Aussichten sind Stand heute leider sehr düster. Das ist keine Panikmache, die man Hilfsorganisationen vielleicht manchmal nachsagt, sondern es ist schlichtweg der Tatsache geschuldet, dass Millionen von Menschen jetzt in Armut gefallen sind. Die 47 ärmsten Länder der Welt werden in diesem Jahr die schwächste Wirtschaftsleistung seit 30 Jahren haben. Mehr als 235 Millionen Menschen werden auf humanitäre Hilfe angewiesen sein. Das sind so viele wie noch nie, seit man diese Zahlen aufnimmt.

Das sind die Sekundärwirkungen, weil der informelle Wirtschaftssektor in vielen Ländern zusammengebrochen ist und weil eben ein Tagelöhner in Bangladesch kein Kurzarbeitergeld bekommt, von dem er leben kann, weil er gar kein Einkommen mehr hatte oder sich den Gefahren der Corona-Pandemie stellen muss. Das heißt, die sozialen wirtschaftlichen Folgen sind enorm und die werden die Realität von Hunderten von Millionen Menschen auch im nächsten Jahr noch weiter betreffen.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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