Caritas-Präsident Peter Neher im Gespräch
Caritas-Präsident Peter Neher im Gespräch

17.09.2017

Deutsche Katholiken feiern Caritas-Sonntag "Respekt kein Selbstläufer mehr"

"Wählt Menschlichkeit". Wer im Sozialen etwas verändern will, der muss in der Politik anfangen, so der Präsident des Deutschen Caritasverbandes. Zum Caritas-Sonntag blickt Prälat Dr. Peter Neher auch auf die Caritas-Aktion zur Bundestagswahl. 

domradio.de: Das diesjährige Jahresmotto heißt "Zusammen sind wir Heimat" und spielt vor allem  auf die Menschen an, die im Moment nach Deutschland flüchten. Gleichzeitig ist "Heimat" aber auch eines der deutschen Signalworte schlechthin. Wie können denn diese beiden Heimatgefühle zusammenkommen?  

Prälat Dr. Peter Neher (Präsident des Deutschen Caritasverbandes): Ich denke "Heimat" und "Gefühl" haben tatsächlich sehr viel miteinander zu tun, weil Heimat etwas mit Geborgenheit, mit sich verstanden fühlen, zu tun hat. Aber gleichzeitig ist Heimat auch mehr als ein Gefühl und setzt auf Offenheit, Begegnung miteinander. Genau das wollen wir mit dieser Kampagne nochmal besonders betonen, um miteinander eine Zukunft zu schaffen.

domradio.de: Wie kann denn die Caritas da auch in die Gesellschaft einwirken?

Neher: Wir haben natürlich viele Möglichkeiten mit unseren Kampagnen, mit den Motiven und den Plakaten. Wir haben uns in diesem Jahr – besonders mit Blick auf die Bundestagswahl – das Stichwort "Wählt Menschlichkeit" herausgegriffen, um Menschen bewusst zu motivieren, zur Wahl zu gehen und über eine menschliche demokratische Gesellschaft nachzudenken. Das sind Möglichkeiten, mit denen wir ganz bewusst Akzente setzen.

domradio.de: Wie wähle ich denn Menschlichkeit am Tag der Bundestagswahl?

Neher: Ich glaube, dass ist eine ganz persönliche Entscheidung. Der erste Punkt ist der, sich erstmal vorzunehmen zur Wahl zu gehen und deutlich zu machen, dass es ein demokratisches Recht ist, um das uns viele Menschen in der Welt beneiden. Jede Stimme zählt. Das ist nicht nur daher gesagt. Es ist tatsächlich die Möglichkeit, die Weichen zu stellen für die nächsten Jahre.

Es soll aber eben auch zum Nachdenken anregen: Was macht denn eine offene demokratische Gesellschaft aus? Was heißt Vielfalt, Chancengleichheit, Respekt, Mitmenschlichkeit? Es wird deutlich, dass das keine Selbstläufer mehr sind, sondern wir sind gefordert, uns dafür aktiv einzubringen und dafür zu kämpfen. Die Wahl ist eine Möglichkeit, dazu die Stimme zu erheben. 

domradio.de: Haben Sie da auch eine konkrete Empfehlung?

Neher: Die Caritas ist parteiisch, aber nie Partei. Ich glaube, es ist jedem selber überlassen, die Wahlprogramme zu studieren, den Auftritt der Kandidaten zu beobachten. Das ist nicht nur eine Frage des Wahlkampfs, sondern jeder, der die politische Situation verfolgt, hat einen Eindruck der letzten Jahre und das ist auch entscheidend für die Zukunft. Da gilt es wirklich parteiisch im Sinne der Menschlichkeit zu sein. Für uns heißt das aber eben nicht, für eine Partei zu werben. Das ist nicht unsere Aufgabe.

domradio.de: "Menschlichkeit" und "Heimat" sind große Überbegriffe, die auch eine gewisse komfortable Situation beschreiben, die wir hier vor allem in Deutschland haben. Sie haben schon anklingen lassen, dass es um diese Begriffsfelder rauer  geworden ist. Empfinden sie das so?

Neher: Durchaus. Wenn ich an die populistischen Debatten denke, bei denen genau der Begriff der "Heimat" verwendet wird, um sich von anderen abzugrenzen, Menschen auszugrenzen, sie schlecht zu machen, habe ich den Eindruck, dass das tatsächlich in den letzten Jahren zugenommen hat. Auch in diesem Wahlkampf schrecken einzelne Kandidaten und Kandidatinnen nicht davor zurück, wirklich Menschen zu diffamieren und in die Ecke zu stellen. Dagegen muss man aufstehen, die Stimme erheben und deutlich Position beziehen.

domradio.de: Ist es da nicht auch wirkungsvoll, wenn wir da als Kirche oder Sie als Caritas da auch wirklich noch politischer sind?  

Neher: Ich glaube, wir sind schon sehr politisch. Wir machen nicht nur mit Blick auf den Wahlkampf auf die Positionen aufmerksam, die uns wichtig sind. D.h. mit Blick auf die Integration, wirklich die Diskussion zu führen, was befördert die Integration von Menschen, was heißt respektvoll miteinander umzugehen? Das ist die Frage, aber auch was Armut, Kinderarmut bedeutet?

Das ist die politische Debatte gegen populistische Phrasen, die meinen, mit einfachen Lösungen, komplizierte Zusammenhänge zu erklären. Da hat die Caritas in der Vergangenheit und auch jetzt in der Gegenwart immer klar Stellung bezogen – auf der Bundesebene, aber auch in vielen diözesanen Gremien und Verlautbarungen, wo sehr deutlich wird, wo die Caritas steht.

domradio.de: Glauben Sie, dass die Politik passende Konzepte hat, um der sozialen Schere und der Armut in der nächsten Legislaturperiode entgegenzuwirken?  

Neher: Es gibt hier sicherlich hilfreiche Ansätze, aber es hilft hier nicht weiter, immer nur mit neuer Empörung zu reagieren, wenn neue Statistiken rauskommen. Wir müssen uns die Dinge gezielt vornehmen. Das Stichwort "Kinderarmut" ist seit Jahren bekannt und immer, wenn neue statistische Daten kommen, geht eine Welle der Empörung durch die Gesellschaft und die Politik. Hier sind ganz gezielte Konzepte tatsächlich umzusetzen.

Die finden sich durchaus in den einzelnen Parteien. Aber Parteiprogramme sind das eine, konkrete Politik ist das andere und wir werden nicht darauf achten, was in den Programmen steht, sondern wie sie die Politik dann konkret umsetzt. Mit Blick auf Kinderarmut ist da in den letzten Jahren zu wenig passiert.

Das Gespräch führte Christoph Paul Hartmann.

(dr)

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