Brunnenbau-Projekt von Caritas international in Afghanistan
Brunnenbau-Projekt von Caritas international in Afghanistan
Oliver Müller (Caritas international)
Oliver Müller (Caritas international)

18.08.2017

Caritas international zu Gefahren bei Auslandseinsätzen "Respekt vor humanitärer Hilfe nimmt ab"

Sie sind vor Ort um zu helfen, geraten dabei aber immer häufiger selbst in Gefahr. Zuletzt wurden drei Mitarbeiter der US-Caritas in Afghanistan ermordet. Auch Caritas international stellt fest, dass die Arbeit gefährlicher geworden ist.

domradio.de: Was genau ist da in Afghanistan passiert?

Oliver Müller (Leiter von Caritas international): Ein wirkliches Bild haben wir noch gar nicht. Es war eine Gruppe von vier lokalen afghanischen Mitarbeitern auf einem Hilfseinsatz in der Provinz Ghor nahe Herat unterwegs. Dort ist die Gruppe im Auto von zwei Männern überfallen worden. Dabei wurden drei der Mitarbeiter tödlich verletzt. Ein vierter überlebte, ist aber schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Das Ganze fand in einem Umfeld statt, in dem sich die afghanische Regierung und die Taliban seit geraumer Zeit einen blutigen Kampf um die Vorherrschaft liefern. Es kam schon zu mehreren schlimmen Übergriffen von Seiten der Taliban. Es wurde vor einiger Zeit beispielsweise ein Krankenhaus überfallen. Ärzte und Patienten sind dabei ermordet worden. Offensichtlich war die Präsenz der Hilfsorganisationen, in dem Fall der amerikanischen Caritas, für die die drei Mitarbeiter lokal gearbeitet haben, diesen Taliban ein Dorn im Auge.

domradio.de: Ist Afghanistan einer der gefährlichsten Orte weltweit für humanitäre Hilfseinsätze?

Müller: Ja, das muss man so sagen. Wenn man sich allerdings eine Übersicht der gefährlichsten Einsatzorte für humanitäre Helfer anschaut, steht Afghanistan "nur" auf dem zweiten Platz. Der Südsudan, wo auch ein blutiger Bürgerkrieg tobt, gilt als der gefährlichste Ort. Dann kommen Afghanistan, Syrien, Kongo, Somalia und der Jemen. Wenn man sich diese Liste anschaut, so sind das alles Länder, in denen es keine funktionierenden zentralen Regierungen mehr gibt. Dort herrscht Chaos vor und da gerät leider auch immer wieder die humanitäre Hilfe zwischen die Fronten. Die Hauptlast tragen letztlich auch die lokalen Helfer. Das muss man ganz klar sagen. 80 Prozent der Toten, die im letzten Jahr unter den Helfern zu beklagen waren, waren lokale Kräfte.

domradio.de: Man hört immer wieder, dass Mitarbeiter von Hilfsorganisationen Opfer von Gewalt werden, wie Ihre Leute in Afghanistan oder auch die Mitarbeiter der Welthungerhilfe in Burkina Faso. Ist humanitäre Arbeit tatsächlich gefährlicher geworden?

Müller: Wir müssen feststellen, dass sie gefährlicher geworden ist und dass der Respekt vor der Unabhängigkeit der humanitären Helfer abgenommen hat. Das hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen. In diesen sehr unübersichtlichen Kriegssituationen achtet man den Respekt vor der humanitären Hilfe offensichtlich weniger. Die Zahlen zeigen seit Jahren, dass es gefährlicher geworden ist.

domradio.de: Können die Hilfsorganisationen selber etwas gegen diesen Umstand tun oder was müsste die internationale Politik leisten?

Müller: Es gibt unterschiedliche Ansatzpunkte. Das Erste ist, dass wir Wert darauf legen, uns tatsächlich auf die humanitäre Hilfe zu konzentrieren. Wir sind als Caritas international selber in Afghanistan mit deutschen Mitarbeitern und vielen lokalen Kräften vertreten und haben immer deutlich gemacht, dass wir nur ein humanitäres Interesse haben und uns von der Politik und dem Militär fernhalten. Wir sind überzeugt, dass das bislang auch dazu geführt hat, dass wir Gott sei Dank keine Sicherheitsvorkommnisse hatten, auch wenn wir in Regionen arbeiten, die zum Glück nicht so umkämpft sind, wie die, in denen dieser Überfall geschehen ist. Aber die Unabhängigkeit ist ein wichtiger Punkt. Allen Beteiligten muss klar sein, dass wir nur ein humanitäres Interesse haben. Wir versorgen Verletzte und Notleidende, egal, wo sie herkommen.

domradio.de: Aber das machen Sie doch wie auch andere Hilfsorganisationen deutlich. Offenbar gibt es dennoch diese Übergriffe und die Zunahme an Gewalt.

Müller: Das ist richtig. Im Südsudan oder in Somalia gibt es eine zunehmende Anzahl an jungen Kämpfern, die sich damit überhaupt nicht befassen. Aus Unwissenheit oder welchen Gründen auch immer initiieren sie diese Übergriffe. Oft vermischt sich das auch mit kriminellen Interessen. Zum Beispiel hat die Zahl der Entführungen zugenommen. Das ist letztlich dann kein politisches Statement mehr, sondern es geht um die Erpressung von Geldern. Das ist auch etwas, das uns mit Sorge erfüllt.

domradio.de: Hat der jüngste Vorfall in Afghanistan Konsequenzen für Ihren Einsatz vor Ort?

Müller: Wir müssen mit einer Reihe von Kollegen, die für Sicherheitsnetzwerke arbeiten, noch genauer analysieren, wie die Hintergründe aussehen. Bis auf weiteres treffen wir keine Konsequenzen und ich gehe davon aus, dass wir unsere Hilfsmaßnahmen dort weiter fortführen. Das ist auch das, was die Bevölkerung von uns erwartet. Aber bei Afghanistan muss man immer von heute auf morgen denken und die Situation praktisch jeden Tag neu bewerten. Wir sind jetzt seit über 20 Jahren dort aktiv und ich hoffe, dass es weitergehen kann. Aber wir müssen schon feststellen, dass sich die Gesamtbedingungen zuletzt immer mehr verschlechtert haben. Das muss man leider so zur Kenntnis nehmen.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(dr)

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