Teddybär auf einem Kindergrab
Der Verlust eines Kindes ist oft nur schwer zu ertragen

26.04.2017

Beratungsstellen warnen vor Netflix-Serie Wenn der Suizid zum Spiel wird

Eine amerikanische Serie sorgt für Diskussionen: "Tote Mädchen lügen nicht" handelt über den Selbstmord eines jungen Mädchens und ihre Beweggründe. Die Suizidpräventionsexpertin Anna Gleiniger hält die Serie schlicht für verantwortungslos.

domradio.de: Sie haben die Serie "Tote Mädchen lügen nicht" komplett gesehen. Was halten Sie von ihr?

Anna Gleiniger (Projektleiterin von U25, einer Online-Suizidpräventionsstelle): Ganz objektiv betrachtet und was die Technik und Schauspieler angeht, ist es eine ganz gut gemachte Serie, das steht ganz außer Frage. Aber die Inhalte sind sehr extrem dargestellt. Es gibt Szenen wie die beschriebene Suizid-Szene, die sehr detailliert dargestellt worden sind, und das ist ziemlich kritisch zu betrachten.

domradio.de: Viele Kritiker sagen, dass Jugendliche sich diesen Film gar nicht oder nur mit Erwachsenen anschauen sollten. Sehen Sie das auch so?

Gleiniger: Ja. Die Serie ist schon für Kinder ab 12 Jahren freigegeben. Es ist sehr unverantwortlich, so junge Menschen diese Serie alleine gucken zu lassen. Ob das jetzt Erwachsene sind, mit denen diese Serie geguckt wird oder mit Freunden oder mit anderen Bekannten, ist letzendlich egal. Es ist einfach wichtig, dass man über die Serie spricht und das nicht einfach so stehen lässt. Die Macher handeln sehr unverantwortlich, indem sie den Zuschauer mit der Thematik alleine lassen.

Der Tod am Ende, der Suizid, wird sehr romantisch dargestellt, die Protagonistin Hannah Baker wird heroisiert. Das Ganze wird eher wie ein Spiel dargestellt. Aus dem Jenseits werden dann noch Kassetten als Racheakt gegen die Personen verschickt, die eine Mitschuld am Suizid tragen sollen. Das ist alles sehr übertrieben dargestellt. Vielen ist auch leider nicht bewusst, dass die Serie rein fiktiv ist. Die Serie beruht auf einem Buch, und Jugendliche haben dann oft Probleme, das differenziert zu betrachten. Was ist Realität, was ist Fiktion? Hinzu kommt, dass man sich als junger Mensch auch sehr gut mit der Hauptfigur identifizieren kann.

domradio.de: Regt das zum Nachahmen an?

Gleiniger: Im schlimmsten Fall, ja. Jugendliche, die eventuell selber schon Suizidgedanken haben oder mit dem Thema schon mal in Berührung gekommen sind oder gerade selber Probleme in der Schule haben, fühlen sich darin vielleicht bestätigt. In der Serie werden keine wirklichen Lösungsangebote aufgezeigt. Es gibt am Ende nur diesen einen Lösungsweg und zwar den Suizid. Suizid kann aber nie die Lösung sein. Dass diese Serie das so darstellt, als ob der Suizid der einzige Ausweg wäre, ist sehr schlimm.

domradio.de: U25 ist eine Online-Suizidpräventionsstelle, bei der Sie suizidgefährdete Jugendliche beraten. Haben Sie bei Ihrer Arbeit schon eine Veränderung wahrgenommen?

Gleiniger: Wir haben einige Klienten, die von dieser Serie erzählt haben und sich da sehr wiederfinden. Aber bis jetzt sind das noch nicht so viele. Wir erleben das aber dafür bei unseren Ehrenamtlichen. Bei uns beraten Jugendliche per Mail. Viele von denen sagen, dass die Darstellungsweise in der Serie gar nicht geht. Vielen ist sie zu extrem und einige konnten sich die Serie gar nicht zu Ende anschauen, weil das so extrem war. Es gibt zwar Warnhinweise vor jeder Folge, die aber von unseren Ehrenamtlichen oft gar nicht wirklich wahrgenommen wurden. Das ist ein Satz, der für ein paar Sekunden eingeblendet wird, den liest sich kaum ein Jugendlicher durch.

domradio.de: Was raten Sie Jugendlichen, die keinen anderen Ausweg finden und über Suizid nachdenken?

Gleiniger: Ganz wichtig: das Gespräch suchen. Darüber reden. Ein Gespräch kann Leben retten. Das einfach mal ansprechen, ist schon mal der erste Schritt. Und als Angehöriger oder wenn man das erzählt bekommt, dann ist es ganz wichtig, dass man zuhört und das ernst nimmt. Also, genau das Gegenteil von dem, was in der Serie gezeigt wird, wo der Suizid als ein Spiel dargestellt wird. Wenn jemand Suizidgedanken äußert und sagt, dass es ihm nicht gut geht, dann muss man das auf jeden Fall ernst nehmen. Das können wir alle im Alltag üben und einfach etwas genauer auf unsere Mitmenschen achten. Schauen, wann geht's der Person nicht gut. Oder wann wird die klassische Frage, "wie geht's dir?" eben nicht mit "mir geht's gut" beantwortet. Da sollte man einfach etwas feinfühliger sein.

domradio.de: Was genau passiert, wenn man sich bei Ihnen meldet?  

Gleiniger: Wenn man sich bei uns meldet, dann bekommt man einen Peerberater zugewiesen. Das ist eine Ansprechperson, mit der man in Mail-Kontakt steht. Und dann öffnen wir den Raum, um über alle möglichen Probleme zu sprechen. Das kann von suizidalen Krisen über Mobbing, Essstörung bis hin zur ersten großen Liebe gehen. Das ist ganz unterschiedlich. Das sind Jugendliche bis 25 Jahren, die sich bei uns melden können, und die werden so lange begleitet, bis es ihnen wieder besser geht.

Das Interview führte Verena Tröster.

(dr)

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