Deutsch: so früh wie möglich fördern
Deutsch: so früh wie möglich fördern

13.05.2013

Caritas: Deutsch-Defizite kein Migrantenproblem Nicht nur über die Muttermilch

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung warnt vor einem wachsenden Deutsch-Defizit bei Kindern mit Migrationshintergrund. Caritas-Expertin Susanne Rabe-Rahman spricht im domradio.de-Interview von einem allgemeinen Problem.

domradio.de: In Hamburg soll jedes vierte Grundschulkind zuhause kaum Deutsch sprechen, in NRW treffe das auf jeden fünften Schüler zu. Wie ordnen Sie diese Zahlen ein, sind sie alarmierend?

Rabe-Rahman: Ich empfinde diese Zahlen nicht als alarmierend, weil wir inzwischen grundsätzlich viele Kinder aus Migrantenfamilien, beispielsweise hier in Köln sind es 50 Prozent. Wenn von denen ein Teil noch nicht Deutsch spricht, muss man sicher noch mal schauen, wie die deutsche Sprache vermittelt und gefördert werden kann. Aber es ist zunächst mal nicht alarmierend.

domradio.de: Was muss getan werden, damit Kinder so früh wie möglich gezielt in der Sprachentwicklung gefördert werden können?

Rabe-Rahman: Wichtig ist es, ihnen so früh wie möglich Plätze in Kindertagesstätten zu ermöglichen, damit sie dort mit den anderen Kindern kommunizieren können und in den Erziehern Vorbilder haben, an denen sie sich sprachlich orientieren können. Was ganz wichtig ist, sind die Sprachstandtests, die wir in NRW bereits haben: Hier erhalten Kinder, bei denen Defizite festgestellt werden, gezielte Förderangebote. Als dieser Test erstmals durchgeführt wurde, war man überrascht, wie viele Kinder Defizite in der deutschen Sprache haben. Das waren aber keineswegs nur Migrantenkinder!

domradio.de: Auch deutsche Kinder sprechen immer schlechter Deutsch?

Rabe-Rahman: Das wird ja auch allgemein an den Schulen beklagt: Dass es gar nicht so einfach ist, die Arbeiten der Schüler verstehen zu können, weil die Sprache inzwischen anders angewandt wird als früher.

domradio.de: Es heißt, dass die Ursache für die schlechten Deutschkenntnisse darin liegt, dass in den Zuwandererfamilien wenig bzw. gar kein Deutsch gesprochen wird. Sehen auch Sie hier den Kern des Problems?

Rabe-Rahman: Nein, denn die wissenschaftliche Erkenntnis ist die, dass Kinder bitte zuhause ihre Muttersprache sprechen sollen. Damit sie diese Sprache auch gut vermittelt bekommen, damit sie eine Grundlage haben, um weitere Sprachen zu erlernen - auch die deutsche. Es hilft den Kindern nicht, wenn in der Familie gebrochen Deutsch gesprochen wird. Sie brauchen einfach außerhalb der Familie die Möglichkeit, sich diese Kenntnisse gut anzueignen.

domradio.de: Warum ist es denn so, dass Zuwanderer sich schwer tun, die deutsche Sprache zu lernen?

Rabe-Rahman: Ich erlebe es nicht so, dass sich Zuwanderer generell schwer tun, die deutsche Sprache zu erlernen und zu sprechen. Die Frage ist, inwieweit sie die Möglichkeit dazu haben. Aktuell haben wir das Phänomen, dass aufgrund von mehr neu einreisenden Familien auch aus dem europäischen Raum die Plätze in den Kindertagesstätten und in den Schulen knapper werden, dass es nicht so leicht Kinder schnell zu vermitteln, damit sie ihrer Schulpflicht auch nachkommen können. Da liegt die größere Herausforderung! Und für die Schule auch darin, sich auf das Thema Deutschvermittlung insgesamt noch mal stärker auszurichten. Schon lange geschriebene und zum Teil gut funktionierende Projekte müssen tatsächlich auch umgesetzt werden, damit man vom klassischen Frontalunterricht ein Stück weggeht und die Kinder mehr in ihrer Sprache und Ausdrucksfähigkeit fördert und fordert.

Susanne Rabe-Rahman arbeitet im Leistungsbereich Integration und Beratung im Diözesan Caritasverband in Köln.

Das Gespräch führte Monika Weiß.

(DR)

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