06.03.2013

Kardinal Woelki zum Armuts- und Reichtumsbericht "Wann wird Ungleichheit zur Ungerechtigkeit?"

Die Kluft zwischen Arm und Reich geht in Deutschland weiter auseinander. Das geht aus dem Armuts- und Reichtumsbericht der Regierung hervor. Auch der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki kritisiert vor allem die ungleiche Vermögensverteilung.

KNA: Bereits kurz nach Bekanntwerden des Entwurfs aus dem Arbeitsministerium ist der vierte Armuts- und Reichtumsbericht heftig diskutiert worden. Wie beurteilt die katholische Kirche diesen Bericht?

Kardinal Woelki: Es ist begrüßenswert, dass es diesen Armuts- und Reichtumsbericht gibt. Denn auch in einem wohlhabenden Land wie Deutschland gibt es Arme, gibt es Not und soziale Ausgrenzung. Wir können dies zwar auch in den Großstädten, im Umfeld vieler Bahnhöfe und an den Eingängen von Geschäftszentren feststellen. Doch dies ist zunächst einmal eine subjektive Wahrnehmung. Der Bericht zwingt uns dazu, die Armut in Deutschland objektiv anzuerkennen, sie genauer wahrzunehmen und auch die Gründe dafür eingehender zu analysieren. Für die Kirche gibt dieser Bericht Anlass dazu, selbstkritisch nach der Rolle und Bedeutung von Armut in unseren Gemeinden und Verbänden zu fragen: Kennen wir die Armen? Finden sie eine Heimat in unseren Gemeinden?

KNA: Die Sozialverbände interpretieren die Zahlen in der Regel als Beleg für ihre Grundannahme, dass es eine wachsende Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland gibt. Was sagt der "Caritasbischof" dazu?

Kardinal Woelki: Dem Bericht ist zunächst nicht so eindeutig zu entnehmen, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Zumindest scheint dieser Trend seit 2005, als die Arbeitsmarkt- und Sozialreformen der Ära Schröder wirksam wurden, gebremst. Deutschland steht auch in dieser Hinsicht besser da als viele andere Länder. Dennoch fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass nach Auskunft des Berichts auf die unteren 50 Prozent der Haushalte nur 1,2 Prozent des privaten Vermögens in Deutschland entfallen, während die oberen 10 Prozent über 53 Prozent besitzen. Auch wenn man meint, dass in einer Gesellschaft Wettbewerb und persönliche Leistungsbereitschaft notwendig sowie unterschiedliche Herkünfte, Begabungen und Fähigkeiten zu berücksichtigen sind, so darf mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens in Deutschland nicht bei nur zehn Prozent der Bevölkerung konzentriert sein. Hier müssen wir uns fragen: Welche Auswirkungen hat dies für den Zusammenhalt einer Gesellschaft? Natürlich gibt es Gesellschaften, die noch ungleicher sind als wir - aber wann wird Ungleichheit zur Ungerechtigkeit?

KNA: Wer ist denn in Deutschland im besonderen Maße von Armut bedroht?

Kardinal Woelki: Die Hauptrisikogruppen sind seit langem bekannt. Es betrifft vor allem Alleinerziehende, Arbeitslose, Personen mit Migrationshintergrund und Familien mit drei oder mehr Kindern. Sie sind besonders gefährdet und befinden sich oft nur aufgrund von Transferleistungen über der Armutsgrenze. Dieser Befund legt auch offen, dass es der Politik trotz mancher Verbesserungen bislang nicht gelungen ist, die besonders gefährdeten Gruppen vom Armutsrisiko zu befreien. Wenn man bedenkt, dass die Armutssituation gerade bei Kindern besonders problematische Langzeitfolgen haben kann, so sind aus meiner Sicht gerade im Hinblick auf Alleinerziehende und kinderreiche Familien wirksame Maßnahmen erforderlich, um Armut vorzubeugen.

KNA: Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?

Kardinal Woelki: Es ist nicht die Aufgabe der Kirche, der Politik konkrete Maßnahmen zu empfehlen. Ich will aber drei Bereiche hervorheben, in denen die Politik tätig werden sollte: Zum einen müssen wir in Deutschland noch mehr als bislang in gute Rahmenbedingungen für Bildung investieren - Bildung ist unser wichtigstes Kapital! Ich meine damit zunächst einmal die Infrastruktur an unseren Kindertagesstätten, Grund- und weiterführenden Schulen, die vielerorts keinen einladenden Charakter haben. Es geht um die angemessene Finanzierung öffentlicher Güter. Zweitens müssen die Bildungschancen grundsätzlich jeder und jedem offenstehen - unabhängig vom sozialen, finanziellen und kulturellen Hintergrund. Die Verbindung von sozialer Herkunft und Bildungschancen ist in Deutschland immer noch zu ausgeprägt. Es scheint sogar, dass diese Verbindung bei uns wieder wichtiger geworden ist. Die Bildungschancen aller müssen erhöht werden! Drittens muss die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter verbessert werden. Es gibt in Deutschland zu wenig flexible Möglichkeiten, wie Familie und Erwerbsarbeit unter einen Hut gebracht werden können. Flexibilität ist hier gefordert - keine starren Regelungen! Dazu gehört auch, dass ein Elternteil, das sich für Erziehung der Kinder zuhause entscheidet, später wieder besser in den Beruf zurückfinden kann.

KNA: Welche Konsequenzen zieht die katholische Kirche aus dem Armuts- und Reichtumsbericht?

Kardinal Woelki: Ich bin überzeugt, dass wir in der Kirche eine neue Aufmerksamkeit für die Situationen von Menschen in Armut brauchen. Wir sollten unsere aktuellen Gemeindekonzepte in Seelsorge, Verkündigung und Diakonie daraufhin überprüfen, ob sie offen sind für Arme und Notleidende und ihnen eine Beheimatung bieten können. Die Caritas leistet hier viel, aber neben die professionelle Hilfe muss die "Zuwendung des Herzens" treten, wie es unser Papst ausgedrückt hat. Wir dürfen die Zuwendung zu den Armen nicht einfach an die Sozial-Profis von der Caritas delegieren und das Thema damit für erledigt halten. In der Caritaskommission der Deutschen Bischofskonferenz wollen wir uns demnächst intensiv damit befassen. Ziel ist es, Brücken zu schlagen: Von Caritas-Einrichtungen zur Pfarrgemeinde, von Ehrenamtlichen zu Geistlichen und von gesellschaftlichen Notlagen zum Gottesdienst. Es geht um eine bessere Vernetzung von Caritas und Seelsorge sowie um ein stärkeres diakonisches Engagement der Gemeinden.

 

Das Gespräch führte Ludwig Ring-Eifel (KNA)

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