25.09.2018

Papst Franziskus besucht mit Estland die kleinste Kirche Europas Wo Religion eine Ausnahme ist

Eine der "kleinsten katholischen Gemeinden Europas" nennt Bischof Philippe Jourdan die katholische Kirche in Estland. Papst Franziskus reist in ein Land, in dem Religion die Ausnahme darstellt.

Eierfest, Frühlingsfest oder Schaukelfest – es gibt in Estland viele Namen für Ostern. Sie kreisen um Bräuche und den Frühlingsbeginn. Der christliche Ursprung, die Auferstehung Jesu Christi, steht für den Großteil der Gesellschaft nicht an erster Stelle. Vielen ist er gar nicht mehr präsent. Denn über 70 Prozent der Esten leben religionsungebunden. Sie gehören weder einer christlichen Konfession noch einer anderen Religion an. Neben Ostdeutschland und Tschechien gibt es weltweit nur in Estland eine solch säkularisierte Gesellschaft.

Früher einst evangelisch geprägt, bildet die lutherische Kirche mit etwa zehn Prozent der rund 1,32 Millionen Einwohner mittlerweile nur noch die zweitgrößte christliche Konfession des Landes. Gut 13 Prozent der Bevölkerung gehört der russisch-orthodoxen Kirche an, die Kirche der großen russischen Minderheit in der ehemaligen sowjetischen Teilrepublik.

Die katholische Kirche in Estland ist nicht viel größer als so manch exotische religiöse Splittergruppe, die es in dem Staat an der Ostsee zahlreich gibt. Die rund 6.500 katholischen Christen, etwa 0,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, leben in der Diaspora. Neun Pfarreien, davon eine mit griechisch-katholischen Ritus, erstrecken sich über das Land, das größer als die Niederlande ist. 14 Priester, fast alle aus dem Ausland, kümmern sich um die Gläubigen. Ein Bistum gibt es nicht. Bischof Jourdan steht einer Apostolischen Administratur vor, die direkt Rom unterstellt ist.

Katholische Kirche ganz klein

Religionsfreiheit lebt der estnische Staat, in dem er sich neutral zu allen Glaubensrichtungen und Bekenntnissen verhält. Finanzielle Unterstützung hat die katholische Kirche daher von ihm nicht zu erwarten. Aufgrund ihrer geringen Größe kann sie sich allerdings kaum selbst finanzieren. Sie ist und bleibt angewiesen auf die Solidarität der katholischen Christen zum Beispiel aus Deutschland. So förderte das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken allein in den letzten sechs Jahren mit Spendengelder von fast 700.000 Euro die Sanierung und Instandsetzung katholischer Infrastruktur: Kirchen, Schule, Kloster und Gemeindehäuser.

Die Mehrzahl der Katholiken lebt in den großen Städten, in Tallinn, Tartu und Narwa. Mit einer katholischen Schule engagiert sich die Kirche in Tartu, mit einem Gästehaus bieten die Birgittenschwestern in Tallinn Unterkunft, hilft die Caritas werdenden Müttern. Die Sonntagsmessen werden in Estnisch, Russisch, Polnisch und Englisch gefeiert, denn die Gläubigen kommen zum Großteil aus dem Ausland, traditionell aus Polen und Litauen. Zudem zieht die bewegte Internetbranche Arbeitskräfte aus der ganzen Welt an. Daneben haben einst religionsungebundene estnische Intellektuelle die kulturelle Tiefe der katholischen Kirche für sich entdeckt. Die einheimischen Kirchenmitglieder finden sich sowohl in der estnischen Bevölkerungsmehrheit als auch in der russischen Minderheit, die ein Viertel der Bevölkerung ausmacht.

Freiheit, den Papst zu erleben

Freiheit ist das Schlüsselwort im estnischen Staatsverständnis. So wenig Staat und so viel Eigenverantwortlichkeit wie möglich. Als Sozialstaat versteht sich Estland daher nicht, vielmehr gibt es einen niedrigen Steuersatz und eine liberale Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik. Auch das staatlich garantierte überall verfügbare kostenlose Internet ist Ausdruck dieser Freiheit.

Diese Freiheit war hart erkämpft. Wenn Papst Franziskus am 25. September Estland unter dem Motto „Wach auf, mein Herz“ besucht, kommt er im Jubiläumsjahr: 100 Jahre Unabhängigkeit. Am 24. Februar 1918 erklärte Estland seine Eigenstaatlichkeit, die es im Zweiten Weltkrieg wieder einbüßte. Die gelebte Freiheit, sich nicht an eine Religion zu binden, wird allerdings nicht dazu führen, dass Papst Franziskus vor leeren Rängen auf dem Freiheitsplatz in Tallinn zelebrieren muss.

Denn der Papst steht jenseits aller Religionsdiskussion. Für die einen ist er ein Mann Gottes, für die anderen ein Exot oder Popstar. Die Neugierde wird auch zahlreiche religionsungebundene Esten bewegen, dem Besuchsprogramm des katholischen Kirchenoberhaupts beizuwohnen, ganz nach dem Motto: einen Religionsführer kann man ja interessant finden, ohne gleich gläubig werden zu müssen.

Alfred Herrmann
(Bonifatiuswerk)

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