Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht das Ahrtal
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht das Ahrtal
Notfallseelsorge im Flutgebiet
Notfallseelsorge im Flutgebiet

12.10.2021

Ein Blick ins Ahrtal drei Monate nach der Flut "Wir werden euch nicht vergessen"

Es ist gut drei Monate her, dass Flutwellen in Rheinland Pfalz und NRW Menschenleben kosteten und Existenzen zerstörten. Die Aufräumarbeiten dauern an und Unterstützung ist stark gefragt. Wie sieht die Situation im Ahrtal mittlerweile aus?

DOMRADIO.DE: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Menschen im Ahrtal besucht und ihnen Mut zugesprochen. Denn die Aufräumarbeiten sind immer noch nicht beendet und der Wiederaufbau auch noch nicht. Es ist eine Katastrophe, die für für die Betroffenen aber auch für die Helfer eine neue, schreckliche Erfahrung war. Wie haben Sie die ersten drei Monate nach der Flut erlebt? Worum ging es da in erster Linie? Wie konnten Sie da überhaupt helfen?

Sarah Engels (Geschäftsführerin des Koordinierungsbüros Ahr des Bistums Trier): In den ersten drei Monaten ging es vor allem von der Hand in den Mund. Wir mussten natürlich, wie alle anderen Hilfsdienste und Organisationen auch, ganz schnell unsere Struktur aufbauen. Die hat sich auch während der Wochen der Hilfe und Unterstützung weiterentwickelt, um dann in ein ruhigeres Fahrwasser zu gleiten.

DOMRADIO.DE: Welches waren oder sind die Herausforderungen, wenn Nothilfe über einen längeren Zeitraum gewährleistet werden musste? Das war ja nicht alles an einem Tag erledigt.

Engels: Zunächst waren gerade unsere Notfallseelsorgerinnen und -Seelsorger im Gebiet und im Einsatz, die natürlich akute Seelsorge leisten konnten. Dann war schnell klar, dass es hier länger dauert und wir in eine mittelfristige Seelsorge mit eingestiegen sind. Es geht immer darum, die Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die wir in Teams in Pfarreien sowieso vor Ort haben, so zu unterstützen, dass wir dort eingreifen, wo wir helfen können. Aber es geht auch darum, dass sie dort, wo sie selber eine persönliche Bindung stärken wollen, das auch tun können.

DOMRADIO.DE: Die Helfer sind oft selbst von der Flut betroffen. Kirchen und Gemeindebüros sind auch zerstört worden. Wie aufwendig ist es denn, den Kontakt mit den Menschen vor Ort zu halten? Wie funktioniert das?

Engels: Das Mittel waren, direkt nach der Flutkatastrophe raus auf die Straße zu gehen, ganz viel direkten Kontakt anzubieten und dann parallel sowohl die Seelsorge vor Ort zu gewährleisten und mit den Menschen in Kontakt zu bleiben, als auch im Hintergrund die Organisationsstruktur zu stützen, sodass die Pfarrbüros schnell wieder mit Internet, mit Telefonen versorgt sind und dass dort wie vor der Flut auch die Kontaktaufnahme möglich war.

DOMRADIO.DE: Viele Betroffene sagen, dass immer noch keine finanzielle Unterstützung bei ihnen angekommen ist. Warum ist das so?

Engels: Gerade die finanzielle Unterstützung ist ein sehr komplexes System. Es gibt auch Hilfsdienste - das weiß ich von unserer Caritas -, die erst nachrangig gefragt sind. Da muss zuerst abgeklopft werden, was der Staat und die Versicherungen leisten und dann dürfen die überhaupt erst mit anpacken. Deshalb verzögert sich das und es ist nicht so leicht, von heute auf morgen Unterstützung finanzieller Art zu bekommen.

DOMRADIO.DE: Jetzt haben Sie eine Art Bestandsaufnahme der Hilfen gemacht, sortieren sich sozusagen neu. Welches ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie jetzt in Phase II umsetzen wollen?

Engels: Wir merken, dass wir eine Verstetigung der Seelsorge brauchen. Wir brauchen eine Verstärkung der bestehenden Strukturen, die jetzt mittlerweile Gott sei Dank wieder da sind. Die Pfarrbüros können telefonieren, Internet ist da. Wir merken, dass die Pastoralbüros dort mehr Männer und Frauen vor Ort brauchen.

Wir wollen jetzt aber unsere Unterstützungs-Organisation etwas zurückfahren, damit wir da nicht parallel arbeiten und mehr mit der Verwaltung beschäftigt sind, sondern damit die Leute direkt im Kontakt untereinander dabei sind.

DOMRADIO.DE: Sie bereiten sich auf eine jahrelange Unterstützung der Flutopfer vor. Warum ist das nötig?

Engels: Wir haben im Moment die Phase, dass die Leute nach diesem ersten Schock jetzt wieder nach vorne schauen und sich überlegen, wie nicht nur ein Wiederaufbau, sondern auch ein Neuaufbau im Ahrtal organisiert werden kann. Da braucht es multiprofessionelle Unterstützung. Da werden Immobilien begutachtet und überlegt, wie es weitergehen kann. Da braucht es soziale Netze, die jetzt Stück für Stück mit unseren Partnern aufgebaut werden.

DOMRADIO.DE: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat gesagt "Wir werden euch nicht vergessen". Dieses "Nichtvergessen" ist etwas, was ganz oft auch fällt, wenn irgendein Politiker kommt, wenn jemand das Ganze beurteilt. Warum ist dieser Satz jetzt auch wieder so wichtig für die Menschen in den Flutgebieten gewesen?

Engels: Das ist eine ganz große Sorge. Das kriegen wir auch in unseren Seelsorge-Gesprächen mit. Die Menschen haben Angst, sobald die Medien vielleicht nicht mehr in dieser Intensität wie am Anfang darauf schauen, dass sie dann vergessen werden. Da wollen wir als katholische Kirche im Bistum Trier dafür sorgen, dass die Menschen wissen, dass wir da sind und auch weiter da sein werden. Das wollen wir immer wieder zeigen und deutlich machen.

Das Interview führte Michelle Olion.

(DR)

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