Hans Maier, langjähriger Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken
Hans Maier, langjähriger Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

18.06.2021

Hans Maier wird 90 Jahre alt Fünf Leben in einem

Hans Maier ist das, was man heutzutage einen Allrounder nennen würde. Er ist Wissenschaftler, Politiker, Musiker, Katholik und Vater von sechs Töchtern. Heute wird der ehemalige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken 90 Jahre alt.

Es wäre bestimmt ein großes Fest geworden, Hans Maiers 90. Geburtstag am 18. Juni. Wie so vieles in einer Pandemie muss es nun für eine Weile verschoben werden. Doch der Gelehrte ist guter Dinge in diesen Tagen, mag nicht über Corona jammern. Die Familie wächst um einen vierten Urenkel. Doppelt geimpft lässt sich auch wieder entspannter Besuch empfangen aus dem Kreis der sechs Töchter.

So ein runder Geburtstag kann ein Anlass sein für eine Bilanz, zum Beispiel für eine Gesamtbibliografie: 1.700 Titel seit 1950. "Verrückt" findet er die Zahl und schränkt gleich ein: Die Hälfte entfalle nicht auf dicke wissenschaftliche Wälzer, sondern auf Publizistik, also Kurztexte wie Kommentare zum Tagesgeschehen, Glossen, Anekdotisches. "Ich wollte ja ursprünglich Journalist werden und habe nach dem Abitur bei der 'Badischen Zeitung' eine Schnupperlehre gemacht", verrät der gebürtige Freiburger am Telefon.

Mit 90 Jahren noch sehr aktiv

Natürlich - sein öffentlicher Radius ist, Tribut ans Alter, kleiner geworden. Ein Katholiken- oder Kirchentag wäre früher ohne ihn, von 1976 bis 1988 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), undenkbar gewesen. Doch es gibt schon noch ein paar Bühnen, auf denen er sich blicken lässt, bei Tagungen der Görres-Gesellschaft oder des Instituts für Zeitgeschichte.

Wissenschaftler, Politiker, Katholik, Kirchenmusiker und Familienmensch - Hans Maier kann im Grunde nicht nur auf ein, sondern auf fünf Leben zurückblicken. Alfons Goppel holte ihn, den Nicht-Bayern ohne CSU-Parteibuch, von seinem Lehrstuhl an der Münchner Uni ins Kabinett. Der Politik-Professor wurde Kultusminister. Er blieb 16 Jahre, bis er sich mit Franz Josef Strauß zerstritt. "Ein hochbegabter Mensch, dem aber die Selbstbeherrschung fehlte", urteilte Maier einmal über den CSU-Übervater.

Wechselhaftes Verhältnis zu Joseph Ratzinger

Mild klingt sein badisches Idiom, bedächtig wägt er seine Worte. Dort, wo es nötig war, ist er aber auch Streit nicht aus dem Weg gegangen. Über "Demokratie in der Kirche" schrieb er 1970 mit dem nur wenige Jahre älteren Theologen Joseph Ratzinger ein international beachtetes Buch. Er freute sich über dessen Beförderung zum Münchner Erzbischof.

Die Wege der beiden trennten sich, als Ratzinger an die Spitze der Römischen Glaubenskongregation berufen wurde. Maier entdeckte an ihm "eine Kühle und Strenge, die ich bis dahin an ihm nicht gekannt hatte". Zum Zerwürfnis kam es wegen der Kontroverse um die Schwangerenkonfliktberatung. Ratzinger bewegte Papst Johannes Paul II. zur Intervention in Deutschland. Die Bischöfe mussten die katholischen Beratungsstellen aus der Pflichtberatung nehmen, Laien wie Maier gründeten daraufhin den Beratungsverein "Donum Vitae".

Ratzingers Wahl zum Papst begrüßte Maier 2005 dennoch: "Wir haben nicht viele Theologen, nicht viele Kirchenmänner von seinem Format." Zu einer echten Aussöhnung kam es aber nicht.

In den vergangenen Jahren fiel Maier mehrfach durch scharfe Wortmeldungen zum Kurs der CSU auf. Der plakative Kreuz-Erlass durch Ministerpräsident Markus Söder für die bayerischen Landesbehörden fand ebenso wenig sein Gefallen wie die Eskalation zwischen den Unionsparteien um die richtige Asyl- und Migrationspolitik. Im Herbst 2020 sah man Maier dann auf einer Demo Münchner Kulturschaffender gegen die restriktiven Corona-Auflagen.

Begabter Organist, der immer noch öffentlich spielt

Mit Maiers Gesammelten Schriften lässt sich ein Regal füllen, Beachtung verdienen aber auch etliche auf Tonträger gebannte Einspielungen des Organisten, der bis 1999 Konzerte gab. Wer ihn live hören will, kann das heute noch tun, jeden Samstagabend bei der Vorabendmesse in der Pfarrkirche Maria Immaculata in seinem Wohnviertel in Harlaching.

Kleiner musste zuletzt so manches werden im Leben des Großgewachsenen. Seinen hundert Jahre alten Bechstein-Flügel hat er einer jungen Sängerin in Berlin überlassen. Das Instrument passte nicht mehr so recht in die neue Wohnung, in die er vor knapp acht Jahren gezogen ist, nachdem in seinem Haus der Christbaum explodiert war.

(KNA)

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