Kardinal Reinhard Marx beim Papst (Archiv)
Kardinal Reinhard Marx beim Papst (Archiv)

11.06.2021

Franziskus antwortet Kardinal Marx Fortsetzung einer wunderbaren Freundschaft

Es war fast ein wenig vorhersehbar, dass der Papst den Amtsverzicht von Kardinal Marx nicht annehmen würde. Überrascht darf man sein von der raschen Antwort, ihrem Ton und der Art der Veröffentlichung.

Keine drei Wochen brauchte der Papst, um über das Rücktrittsangebot von Kardinal Reinhard Marx zu entscheiden: vom 21. Mai, als der Münchner Erzbischof ihm seinen Brief im Vatikan persönlich vorlas, bis zum 10. Juni, dem Datum des überraschenden Antwortschreibens.

Auf die Eingabe des Kölner Erzbischofs, Kardinal Rainer Maria Woelki, der Anfang Februar sein "Schicksal in die Hände des Heiligen Vaters" legte, erfolgte monatelang keine Reaktion aus dem Vatikan - obschon die Kurienordnung binnen drei Wochen zumindest eine erste Reaktion vorsieht.

Besondere Nähe zwischen Franziskus und Marx

Die rasche und öffentliche Antwort, in ihrer Art bisher einzigartig, darf man als Indiz besonderer Nähe zwischen Franziskus und Marx werten. In dem nur beschränkt vergleichbaren Fall von Kardinal Philippe Barbarin (Lyon), der angesichts eines Gerichtsverfahrens seinen Rücktritt anbot, überließ Franziskus diesem die Entscheidung in einer mündlichen Mitteilung.

So sehr sich Franziskus (84) in der Mentalität vom Westfalen Marx (67) unterscheidet: Aus seiner Sympathie für den Deutschen macht er keinen Hehl. Der ganze Duktus des Briefes unterstreicht das. Zwei Formulierungen stechen besonders hervor.

Am auffälligsten der Schluss, in dem Franziskus Marx auffordert, weiter seinen Dienst zu tun: Er tut das mit dem Verweis auf Jesus, der Petrus auffordert: "Weide meine Schafe!". Der Satz, auf den das Papsttum seinen Anspruch gründet, prangt im Petersdom hoch über dem Papstaltar. Bevor Jesus ihn aussprach, hatte Petrus ihm gesagt: "Herr, geh weg von mir, ich bin ein Sünder". Den Hinweis, Widerspruch sei zwecklos, formuliert der Papst als "dein Bruder, der dich liebt".

Noch stärker ist eine andere Formulierung in der Mitte des Briefes. Darin schreibt der Papst, Jesus habe Reform "mit seinem Leben bewirkt, mit seiner Geschichte ..., am Kreuz. Und das ist der Weg, den auch Du, lieber Bruder, annimmst, indem Du Deinen Amtsverzicht anbietest".

Marx' Rücktrittsangebot als Nachfolge von Jesu Gang ans Kreuz - stärker kann eine Anerkennung theologisch kaum ausfallen. Eine deutliche Aussage angesichts der großen, weit verbreiteten Ratlosigkeit über Marx' Angebot zum Amtsverzicht. Eine Aussage, die Marx und Franziskus nun auch öffentlich eng aneinander bindet.

Gastkommentar in der Vatikanzeitung

Ob er damit die vorherige Debatte um den demonstrativ angebotenen Rücktritt des Kardinals beendet? Auch Mitbrüder, die in vielem gleicher Meinung sind wie Marx, kritisierten in den vergangenen Tagen dessen Schritt. Wie sauer manchen der Zug von Marx aufgestoßen sein muss, macht ein Gastkommentar in der Vatikanzeitung "Osservatore Romano" vom Dienstag deutlich.

Darin betont der frühere Leiter des Rates für Gesetzestexte, der spanische Kardinal Julian Herranz, - ohne Marx zu nennen - mehrfach das Prinzip persönlicher (!) Schuld und Verantwortung in Zusammenhang mit Missbrauch. Gleichzeitig verwahrt sich Herranz gegen die Darstellung einer sündigen Kirche insgesamt. Die Heiligkeit der "Mutter Kirche" zu verteidigen, wie es auch Franziskus öfters betone, habe nichts mit narzisstischem Kleben an der Macht zu tun.

Was Herranz sagt - sicher mit Zustimmung anderer an der Kurie -, könnte auch so interpretiert werden: "Jetzt kommen uns die deutschen Mitbrüder nicht nur mit Wünschen nach radikalen Änderungen kirchlicher Lehre; sie gerieren sich auch als moralische Lehrmeister, die uns sagen, wie mit der Missbrauchskrise umzugehen sei."

Unterschwellige Wirkung

Die unterschwellige Wirkung der marx'schen Initiative und der päpstlichen Antwort im weltweiten Episkopat wie an der Kurie sind noch schwer einzuschätzen. Sollte Franziskus den Münchner Erzbischof, wie einzelne spekulieren, zu einem späteren Zeitpunkt doch noch an die Kurie holen und zum Leiter einer größeren Behörde machen, hätte Marx dort jedenfalls kein leichtes Spiel.

Bei aller Wertschätzung, ja Freundschaft, unterscheiden sich Marx und Franziskus in einigen Punkten. Das betrifft vor allem Arbeitsweise und -tempo. Die Kurienreform etwa wäre der Deutsche anders, systematischer angegangen und hätte wohl auch vor schmerzhaften Einschnitten nicht zurückgeschreckt. Ein solches Herangehen ist aber im Vatikan ähnlich unbeliebt wie ein allzu hoch erhobener moralischer Zeigefinger.

Roland Juchem
(KNA)

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