Deutsche Bischöfe
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27.07.2020

Debatte um Gemeindepapier des Vatikans Lähmend, blockierend, wirklichkeitsfern?

Die Vatikan-Instruktion zu Reformen in katholischen Gemeinden sorgt weiter für Debatten. Während der Kölner Kardinal Woelki die Instruktion erneut verteidigte, übten weitere Bischöfe deutliche Kritik - auch der Münchner Kardinal Marx.

Die Vatikan-Instruktion zu Reformen in katholischen Gemeinden sorgt weiter für Debatten unter den deutschen Bischöfen. Während der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki die von der vatikanischen Kleruskongregation veröffentlichte Instruktion am Freitag erneut verteidigte, übten weitere Bischöfe deutliche Kritik.

Woelki rief zu einer differenzierten Betrachtung des Papiers auf. "Die Instruktion gibt wertvolle Anregungen, wie die uralte Institution der Pfarrei in unsere moderne Welt übertragen werden kann", schrieb er auf dem Portal katholisch.de. Papst Franziskus rufe dazu auf, die Evangelisierung und damit Jesus Christus in den Mittelpunkt zu stellen und Erneuerung nicht allein in der Reform von Strukturen zu suchen.

Ein rückwärtsgewandtes Papier?

Die Instruktion "Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche" hebt unter Berufung auf das Kirchenrecht die Rolle des Pfarrers hervor. Bestrebungen, die Leitung von Pfarreien beispielsweise Teams aus Priestern und kirchlich Engagierten anzuvertrauen, widerspricht das Schreiben direkt.

Zahlreiche Kirchenvertreter und Theologen in Deutschland, darunter der stellvertretende Vorsitzende der Bischofskonferenz, Franz-Josef Bode, und der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, hatten das Papier als rückwärtsgewandt kritisiert. Gruppen wie das Forum Deutscher Katholiken und die Initiative Maria 1.0 dagegen sprachen von richtigen Akzenten.

Woelki kritisierte, dass sich die Aufnahme des Dokuments auf die Leitungsverantwortung in der Pfarrei zuspitze. "Die evangelisierende Kraft einer Gemeinde ist aber weit entfernt davon, alleine an der Figur des Pfarrers zu hängen." Die letzte Verantwortung in der Leitung liege beim Pfarrer, der "ein geweihter Priester" ist; zugleich seien die Laien zur Mitwirkung an der Leitung berufen.

Marx: Neue Spaltungen und Spannungen

Aus Sicht des Münchner Kardinals Reinhard Marx hat Instruktion Misstrauen gesät und Gräben vertieft, was zu neuen Spaltungen und Spannungen führe. Er forderte ein stärkeres Aufeinanderhören in der Kirche ein. Um die Zeichen der Zeit zu lesen im Lichte des Evangeliums, brauche man zunächst die Sensibilität des Hörens.

Aber der nächste Schritt ist entscheidend: Verstehen. Verstehen können wir nicht alleine. Verstehen können wir nur im Miteinander der Kirche. Verstehen können wir nur, wenn wir aufeinander hören und miteinander gehen." Das gelte für die gesamte Kirche, wenn sie den Weg suche, missionarisch zu werden und das Evangelium zu verkünden.

"Es ist schon etwas merkwürdig, wenn ein Dokument von Rom kommt, ohne dass jemals mit uns darüber gesprochen wurde - ist das ein Miteinander von Universal- und Teilkirche, wie man sich das wünscht? Eigentlich nicht", sagte der Erzbischof von München und Freising.

Ackermann: Papier ist nicht "Endstation"

Auch der Trierer Bischof Stephan Ackermann kritisierte die Vatikan-Instruktion. "Ich bin irritiert darüber, dass vom Thema Missbrauch und Prävention keine Spur zu finden ist", sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur. Als Beauftragter der Bischofskonferenz für dieses Thema störe ihn, dass in dem Papier kein Problembewusstsein zum Ausdruck komme, dass Pfarreien Orte von sexueller Gewalt gewesen seien und sein könnten.

Weiter monierte der Bischof, die Eigenverantwortung der Diözese und des Bischofs würden eingeschränkt. Papst Franziskus hebe immer wieder den Wert von Synodalität und der Ortskirche hervor. "Dieses Anliegen erkenne ich in der Instruktion nicht." Zugleich betonte Ackermann, er werte das Papier nicht "als Endstation". Es fordere vielmehr die katholischen Bistümer in Deutschland zu "noch intensiveren Gesprächen" mit dem Vatikan auf.

Jung: Wo sind missionarische Impulse?

Der Würzburger Bischof Franz Jung vermisst in der Instruktion innovative Ansätze. Er frage sich, wo die missionarischen Impulse für eine Erneuerung der Pfarrei geblieben seien. Er hätte neue Sichtweisen erwartet, "die den Horizont weiten, Neugier wecken und Mut machen, missionarisch zu wirken".

Zudem könne der Leser den Eindruck gewinnen, "es ginge nur darum, die Rechte des Klerus einzuschärfen, ohne jedoch die geforderte Gesamtverantwortung des Gottesvolkes im gleichen Maße stark zu machen und dafür entsprechende Richtlinien an die Hand zu geben".

Bischof Feige: Vieles in Vatikan-Instruktion wirklichkeitsfern

Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige hat das umstrittene Vatikan-Papier zu Gemeindereformen und Pfarrei-Leitungen mit deutlichen Worten kritisiert. "Als Lernende nehmen wir Anregungen gern an", schreibt Feige in einem am Montag veröffentlichten Brief an die Gläubigen seines Bistums. "Als Bischof lasse ich mich von deren restriktiven Anordnungen aber nicht lähmen und blockieren, da vieles darin ziemlich wirklichkeitsfern ist - besonders was unsere extreme Diaspora-Situation betrifft, die man sich offenbar gar nicht vorstellen kann - und auch keinerlei positive Lösungsmöglichkeiten angesichts des noch größer werdenden Priestermangels aufgezeigt werden."

Weiter führte Feige aus: "Sicher war es nicht die bewusste Absicht der Kleruskongregation, unter den noch gutmütigen Christen 'das geknickte Rohr zu zerbrechen und glimmenden Docht auszulöschen', dennoch hinterlässt die Instruktion neben Ratlosigkeit und Verärgerung auch großen Schaden." Manche werde sie demotivieren, sich für die katholische Kirche überhaupt noch einzusetzen, so der Bischof.

"Lassen Sie sich nicht entmutigen"

An die Gläubigen seines Bistums appellierte er: "Lassen Sie sich nicht entmutigen. Suchen wir gemeinsam nach verantwortbaren und verkraftbaren Möglichkeiten, damit Kirche in unserem Bistum auch weiter lebendig bleibt und ihrer missionarischen Sendung gerecht werden kann."

Feige erklärte, die Gestalt von Kirche werde sich noch dramatischer verändern als bisher: "Da hilft es kein bisschen weiter, nur hehre Prinzipien heraufzubeschwören und auf kirchenrechtliche Vorgaben zu verweisen." Stattdessen müsse unter Beachtung der theologischen und personellen, regionalen und ökonomischen Rahmenbedingungen verantwortungsbewusst und einfühlsam sowie kreativ und mutig überlegt, besprochen und entschieden werden, in welcher Form Pfarreien und Gemeinden in Zukunft bestehen können.

Laien im Erzbistum Paderborn: Vatikan-Papier ist Enttäuschung

Katholische Laien im Erzbistum Paderborn zeigen sich von der Vatikan-Instruktion zu Gemeindereformen enttäuscht. "Auf Fragen der Gegenwart werden Antworten der Vergangenheit gegeben", erklärten die Vorsitzenden des Diözesankomitees, Nadine Mersch und Jan Hilkenbach, am Montag in Paderborn. Zwar beschreibe das Papier zunächst die Bedeutung der Gemeinde etwa für Begegnung und Nächstenliebe. Dann jedoch erläutere das Dokument, dass nur ein Pfarrer eine Gemeinde leiten und dem Gottesdienst vorstehen könne. "Die Idee von geschwisterlicher Kirche und die Erkenntnis, dass Gemeinde sich enorm verändert hat und weiter verändern wird, finden hier keinen Widerhall", kritisieren die Vorsitzenden.

Seit Jahren werde in Deutschland erprobt, wie Getaufte an Liturgie und Verkündigung sowie an konzeptionellen und wirtschaftlichen Fragen vor Ort mitwirken könnten, hieß es. "Warum sollen wir uns diese mutmachenden Erfahrungen kaputt machen lassen?", fragten Mersch und Hilkenbach. Zudem würden Frauen in dem Vatikan-Schreiben gar nicht erwähnt, was "die Kleruszentrierung und das Beharren auf einer Männerkirche manifestiert".

Die Laien-Vertreter forderten, dass die bisherigen Reformbemühungen im Erzbistum Paderborn fortgeführt werden. Erzbischof Hans-Josef Becker und alle deutschen Bischöfe riefen sie auf, sich nicht vom gemeinsamen Weg abbringen zu lassen.

(KNA)

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