Blick der Betroffenen wichtig für Missbrauchsaufarbeitung
Symbolbild Missbrauch

18.06.2020

EKD bringt Studie zur Aufarbeitung von Missbrauch auf den Weg Kinderfreizeit und Pfadfinderarbeit mögliche Risikofaktoren

Lange herrschte in der evangelischen Kirche die Meinung, es gebe dort nur wenige Missbrauchsfälle. Auf Druck von Betroffenen will nun die EKD sexualisierte Gewalt in den eigenen Reihen aufarbeiten.

Kerstin Claus war 14 Jahre alt, als sie sich in einer schwierigen familiären Situation an ihren evangelischen Pfarrer wandte. Er versprach, sich um sie zu kümmern. Was er damit verband, war ihr damals nicht klar, so Claus. Der Pfarrer habe sie bedrängt, sei sexuell übergriffig geworden und habe sie missbraucht, bis sie 17 war. Lange Jahre habe sie dann keine wirkliche Unterstützung erhalten, als sie sich an die bayerische Landeskirche gewandt habe.

Ihre Geschichte erzählte Claus im vergangenen Jahr bei der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Vor allem Nordkirchen-Bischöfin Kirsten Fehrs hatte dafür gesorgt, dass sie als erste Betroffene überhaupt vor der Synode sprechen konnte. Fehrs und Claus hatten sich 2018 in Berlin bei einem Hearing über Missbrauch in der Kirche kennengelernt.

Keine Einzelfälle

Für Fehrs wurde damals klar: Nicht nur die katholische Kirche, auch die evangelische muss sich dringend mit Missbrauch in den eigenen Reihen befassen. Zuvor hatten auch hochrangige EKD-Vertreter betont, strukturellen Missbrauch wie in der katholischen Kirche gebe es nicht, allenfalls handle es sich um Einzelfälle.

Fehrs konnte da bereits darauf verweisen, dass dem nicht so ist: Sie hatte 2011 ihre Vorgängerin Maria Jepsen als Bischöfin der Nordelbischen Kirche abgelöst. Jepsen war nach dem Vorwurf zurückgetreten, bei einem schwerwiegenden Missbrauchsfall in ihrem Amtsbereich auf Hinweise nicht reagiert zu haben. In Ahrensburg hatte ein Pfarrer über Jahre hinweg Jugendliche missbraucht.

Der Druck auf die evangelische Kirche wurde stärker, als die katholische Deutsche Bischofskonferenz im Herbst 2018 ihre große Missbrauchsstudie vorlegte, die erschreckend viele Fälle von sexualisierter Gewalt offenlegte. Fehrs konnte sich schließlich durchsetzen und das Thema auf der Tagesordnung der Synode platzieren.

Die Kirchenversammlung beschloss, einen Beauftragtenrat für den Schutz vor sexualisierter Gewalt sowie eine Anlaufstelle für Betroffene einzurichten. In den Landeskirchen gibt es überdies unabhängige Kommissionen zu dem Thema. Der Schutz vor sexualisierter Gewalt wurde in einer EKD-weiten Gewaltschutzrichtlinie als Aufgabe festgeschrieben. Und es wurde eine Studie in Aussicht gestellt.

Jetzt wird es konkret

Diese Verpflichtung wird jetzt konkret: Die Studie soll klären, "welche besonderen Risikofaktoren für Missbrauch in der evangelischen Kirche und der Diakonie bestehen, etwa in Bezug auf Kinder- und Jugendarbeit, Jugendfreizeiten und Pfadfinderarbeit", so Fehrs am Donnerstag in Hannover. In den Blick genommen würden nicht nur Pfarrerinnen und Pfarrer, sondern auch andere haupt- und nebenberufliche sowie ehrenamtliche Mitarbeiter. "Wir wollen Geschehenes rückhaltlos aufarbeiten, um so dafür Sorge zu tragen, dass künftiges Leid und Gewalt in Kirche und Diakonie bestmöglich verhindert werden", betonte Fehrs.

Ein unabhängiger Forschungsverbund soll ab Oktober in mehreren Teilstudien Ursachen und Besonderheiten von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche untersuchen. Die auf 3,6 Millionen Euro veranschlagte Studie soll innerhalb von drei Jahren Ergebnisse vorlegen. Sie werde "intensiv" von Betroffenen begleitet, so hatten es die 20 Landeskirchen am Mittwochabend beschlossen.

Schätzungen gehen davon aus, dass die Opferzahlen in der evangelischen Kirche ähnlich hoch sein könnten wie in der katholischen, auch wenn die Opfer- und Täterprofile sich zwischen den Konfessionen teilweise deutlich unterscheiden.

Der Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm, Jörg Fegert, hatte im vergangenen Jahr eine Studie vorgelegt, nach der es in Einrichtungen der beiden Kirchen jeweils rund 114.000 Opfer sexuellen Missbrauchs geben soll. Fegert hatte dazu 2.500 Menschen befragt und die Zahlen hochgerechnet. Eine andere Untersuchung von 2014, die Missbrauch in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland untersuchte, beschreibt die evangelische Kirche als geschlossenes System, das sich durch mangelnde Kontrollen und einen stark ausgeprägten Narzissmus der Beschuldigten auszeichnet.

Birgit Wilke
(KNA)

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