Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen
Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen
Podcast: Himmelklar - Fürchtet Euch nicht
Podcast: Himmelklar - Fürchtet Euch nicht

13.04.2020

Bischof Overbeck: Derzeitige Gottesdienst-Situation gleicht Amazonien Eine neue Spiritualität durch Corona?

"Ich denke an ganz viele Gemeinden in Amazonien, die diese Erfahrung immer haben", meint Bischofs Franz-Josef Overbeck im Interview zur derzeitigen Situation von Gottesdiensten. Er erkennt in der Krise auch eine neue Spiritualität des Miteinanders.

DOMRADIO.DE: Beschreiben Sie uns einmal wie sieht denn Ihr Alltag im Moment aus? Was ist da jetzt anders daran?

Bischof Franz-Josef Overbeck (Bischof des Bistums Essen sowie Adveniat- und Militärbischof): Der Alltag ist vor allem anders durch die jetzt ausfallenden Termine, die durch die Begegnung mit Menschen gekennzeichnet sind. Es ist ruhiger geworden. Das heißt ich bin wesentlich häuslicher als ich es sonst bin und auch sein kann.

Auf der anderen Seite ist er aber genauso lebendig und auch genauso anstrengend, manchmal sogar noch anstrengender als sonst, weil eben vieles über Telefon- und Videokonferenzen laufen muss. Eine ungeheure Anzahl von zu bearbeitenden E-Mails – wesentlich mehr als sonst – und anderen Formen von Instagram über Whatsapp bis hin zu anderen Formen von SMS, die man bearbeitet. Da merken wir im Bischofshaus, dass diese Zeit zwar anders, aber in diesem Sinne nicht ruhiger geworden ist.

DOMRADIO.DE: Das heißt, dass Sie jetzt nicht mehr Freizeit haben?

Overbeck: Das kann ich nicht unbedingt sagen. Ich muss einfach meinen Arbeitsstil vollkommen umstellen und wir müssen es gemeinsam tun mit allen, die hier im Bistum Verantwortung tragen.

DOMRADIO.DE: Sie sitzen als Bischof im Bischofshaus, das heißt Sie arbeiten sowieso da, wo Sie wohnen. Da ist das wahrscheinlich nicht so eine große Umstellung, oder?

Overbeck: Das ist in der Tat bei uns in Essen so, dass ich im Bischofshaus lebe und arbeite. In der unteren Etage sind die Büros und die entsprechenden Räume, wo ich mit Menschen zusammenkomme, oben ist eine Kapelle, eine Gästewohnung und meine private. Sie sehen, das Wort Home-Office ist für mich auch nicht das richtige, ich arbeite schlicht da, wo ich hingehöre, nämlich im Bischofshaus.

DOMRADIO.DE: Sie sind also "Home-Office"-Profi. Können Sie uns für Tipps geben? Wie kann man sich darauf einstellen, wenn man nicht morgens und abends immer hin und zurück fährt?

Overbeck: Man muss eine andere Form der Disziplin aufbringen, um sich vorzubereiten auf den Beginn der Arbeit und auch auf das Ende der alltäglichen Arbeit. Aufgrund meiner besonderen Arbeitsfülle, aber auch oft aufgrund des Arbeitszusammenhanges, in dem ich als Bischof stehe, gibt es sowieso die Regeln nicht, die andere Menschen im normalen Arbeitsalltag verfolgen können.

Ich weiß genau, in welchem Zuschnitt ich morgens den Tag beginne und abends aber auch vollende. Dazwischen ist eine unendliche Zeit mit ganz vielen unterschiedlichen Aufgaben, auf die ich mich ja weiß Gott nicht nur hier im Bischofshaus einlasse. Ich bin sehr viel unterwegs bei ganz vielen Menschen, bei Vorträgen, bei Gottesdiensten und bei allem, was zum Bischofsalltag dazu gehört.

DOMRADIO.DE: Inwiefern können Sie denn jetzt noch rausgehen und den Menschen tatsächlich begegnen?

Overbeck: Das ist natürlich schwerlich möglich, weil ich mich genauso an die Vorschriften halte, wie jeder andere auch. Aber es kommen vereinzelt immer noch Leute aus guten Gründen, dann aber zu Einzelgesprächen oder wenn wichtige Absprachen zu treffen sind mit den entsprechenden Abstandsregeln zu mir. Ansonsten geschieht das eben über die Medien, wie ich gerade berichtet habe. Das verlangt viel Zeit und ganz viel Aufmerksamkeit. Das ist zu 90 Prozent mein Alltag mittlerweile.

DOMRADIO.DE: Jetzt sind Sie Bischof, aber auch Priester. Das heißt, Sie feiern weiterhin Gottesdienste. Wie ist das vom Gefühl her, wenn man keine Gemeinde mehr vor sich hat?

Overbeck: Ja, ich wäre kein Bischof geworden, wenn ich nicht Priester gewesen wäre und Diakon. Das bleibe ich natürlich auch. Das gemeinsame Gebet fehlt natürlich sehr, das fehlt vielen Menschen und das bedrückt und bewegt mich genauso wie ganz viele Gläubige, die mir das, sollte ich sie treffen, genauso sagen wie auch schreiben und telefonisch, über E-Mail und über das Netz mitteilen.

Das ist so und das macht nochmal deutlich, wie wesentlich die Begegnung für unseren christlichen Glauben ist und damit auch das gemeinsame Gebet – und vor allen Dingen auch das Hören von Gottes Wort oder der Empfang der Eucharistie. Aber auch viele andere Formen von Gebet. Das ist glaube ich eine der großen Chancen, dass wir genau diese Kultur noch einmal intensivieren, in die Hauskirche mit ihren einfachen Gebeten und dem Bewusstsein. Wie zum Beispiel am Abend um 19 Uhr hier bei uns in Essen eine Kerze ins Fenster zu stellen, ein "Vater unser" gemeinsam mit ganz vielen zu beten, die wir ja nicht sehen, um so zu erfahren, dass wir zusammengehören und gemeinsam beten.

DOMRADIO.DE: Das ist doch bestimmt ein merkwürdiges Gefühl, wenn man weiß, man kann an Ostern nicht so feiern, wie es eigentlich sein sollte, oder?

Overbeck: Und trotzdem geschieht Ostern im Sinne einer Erinnerung und einer Feier, denn es ist ja schon einmal weltgeschichtlich geschehen und hat uns erlöst und befreit. Wir tun es nun eben auf eine für uns sehr unbekannte Weise. Ich bin auch Adveniat-Bischof und denke an ganz viele Gemeinden und Pfarreien zum Beispiel in Amazonien, die diese Erfahrung, die wir gerade machen, immer haben. Sie können keine Messe feiern. Sie können natürlich zusammenkommen, aber wichtig und wesentlich ist eben, dass sie sie nicht miteinander begehen können.

Und so eine Form der Solidarität gehört auch zu meinem Alltag und die lebe ich jetzt mit vielen anderen auch. Außerdem bin ich ja auch Militär-Bischof und weiß ganz genau, wie das unsere Soldatinnen und Soldaten im Einsatz tun können. Wenn Priester oder Pfarrer dabei sind, funktioniert das. Andere können das nicht tun. Das ist auch eine Form des Miteinandergehens, nämlich eine Form des Vermissens, was zu uns gehört. Sehr eingeengt zu sein und trotzdem Ostern feiern zu können.

DOMRADIO.DE: Vergangenes Jahr war die Amazonas-Synode im Vatikan. Da haben wir gedacht, dass ist ganz weit weg, dass Gemeinden keinen Gottesdienst mit Priestern feiern können. Jetzt ist das quasi bei uns, nicht wahr?

Overbeck: Das ist schon lange bei uns, das will nur nicht jeder so wirklich wahrhaben, aber jetzt wird es eben deutlich. Die alten und kleinen Gemeinden, die keine Priester mehr haben, mit denen sie hätten Gottesdienst feiern können, haben sich schon umgewöhnen müssen, was übrigens nicht nur ein Verlust, sondern auch ein Gewinn sein kann. Aber die Umstände unter denen in Amazonien der Glaube überleben muss, sind sehr unterschiedlich zu denen die wir hier haben. Und trotzdem gibt es ein paar Hinweise, die zumindestens darauf hindeuten, dass wir doch oft mehr gemeinsam haben als wir denken.

DOMRADIO.DE: Bischof Overbeck, eine Frage, die ich allen zum Schluss stelle, ist eigentlich die wichtigste Frage im Moment. Was bringt Ihnen Hoffnung?

Overbeck: In diesen Tagen habe ich wegen der besonderen Gedenk- und Feiertage und der heiligen Woche einen kurzen Podcast gehalten, ein kleines Video eingespielt unter dem großen Thema "Jetzt ist das Ende und was kommt danach?". Vieles in der heiligen Woche bis hin zur Kreuzigung Jesu und die Stille des Karsamstags bezeugt ja eher, dass etwas zu Ende geht ohne das wirklich klar ist, was kommt danach. An Ostern kommt etwas ganz Neues und ich bin der Überzeugung, wie das ja schon mit dem menschlichen Leben ist, dass es in Rhythmen von Jahren auch immer wieder Neues geben kann, dass dann auch kommen wird, dass wird so sein.

Wir werden große sozio-ökonomische Herausforderungen zu bestehen haben, wir werden uns fragen müssen, wie wir uns politisch im Sinne von eigener Souveränität und Abhängigkeit von anderen aufstellen. Wir werden neu fragen müssen, wie können wir eigentlich so leben, sodass wir wissen, wir werden nicht allein selig, sondern zum Beispiel hier bei uns in Europa nur mit allen zusammen und in vielen Punkten erst recht in der Weltgemeinschaft – gerade was den Frieden und die Wohlfahrt angeht. Da bin ich deswegen ganz positiv gestimmt, weil ich weiß, dass die Weltgeschichte schon so viele Formen von Ende und Dramatik gezeigt hat, wo die Menschen nicht wussten was kommt. Es kam dann – wenn auch natürlich oft mit vielen Opfern, die niemand vergessen darf – etwas Neues und das wird jetzt auch kommen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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