Luftaufnahme vom Sankt-Paulus-Dom in Münster
Luftaufnahme vom Sankt-Paulus-Dom in Münster
Christen im Gottesdienst
Sankt-Paulus-Dom in Münster

11.01.2020

Münster bietet interreligiöse Domführungen auch für Kinder an Von Wasser und Licht, Jesus und dem Propheten

In Münsters katholischem Paulusdom gibt es interreligiöse Führungen. Im Fokus stehen nicht Architektur und Geschichte, sondern Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Religionen. Das Angebot nutzen besonders Schulen.

Kinderlachen im Paradies. Die Vorhalle zum Münsteraner Paulusdom ist an diesem Morgen Treffpunkt für zwei Schulklassen samt Lehrerinnen und Betreuer. Sie haben eine besondere Führung durch die Kathedrale gebucht - eine interreligiöse. Denn unter den Grundschülern sind auch Muslime. Bei der Führung durch das christliche Gotteshaus sollen die verschiedenen Religionen gleichwertig und vergleichend vorgestellt werden. Das spezielle Angebot gibt es hier seit knapp drei Jahren, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene.

"Wir möchten Vorurteile abbauen", erläutert Schamim Malik-Upmann. Die junge Muslimin ist Islamwissenschaftlerin und Ethnologin und hat das Konzept für die Führungen mit entwickelt. Wichtig sei zu zeigen, "dass es richtig ist, wenn man etwas anderes glaubt". Für die Führungen gebe es ein festes Repertoire, aber gerade bei Kindern müsse man auch sehr individuell vorgehen. Vier Domführerinnen stehen heute für die Kids bereit - zwei Christinnen und zwei Musliminnen. Je ein gemischtes Duo übernimmt eine Gruppe.

Gemeinsames Lernen

Die Kinder haben schon die Eingangstüren gestürmt und werden beim Anblick des Innenraums der Kathedrale erst einmal ehrfürchtig still. Sie sind zwischen sechs und neun Jahre alt und kommen von der Montessori Schule in Münster. Dort lernen alle Kinder gemeinsam: Schüler mit besonderen Begabungen, mit und ohne Behinderung und unterschiedlichen Alters. Erste Station ist das Taufbecken aus dem 14. Jahrhundert ganz hinten im Kirchenschiff.

Wie das denn gemacht werde mit dem Taufen, fragt Elisabeth Lange. Sie ist Kunsthistorikerin, hat sich aber eingearbeitet in die pädagogischen Feinheiten und trifft bei den Kindern den richtigen Ton. Da werde der Kopf vom Baby ins Wasser getaucht, bricht es auch schon aus einem Mädchen heraus. Er sei auch getauft, "damit ich in den Himmel komme", ergänzt ein Junge. Elisabeth Lange erklärt in einfachen Worten, dass es sich um geweihtes Wasser handelt und dass mit dem Übergießen des Wassers ein Kind in die Christengemeinschaft aufgenommen wird.

Interreligiöser Dialog

Nahtlos nimmt Domführerin Magda Al-Sibai den Faden auf. "Ich bin nicht getauft", sagt sie. "Bei uns ist das so, dass man als Muslim schon geboren wird." Ihr sei kurz nach der Geburt ein Gebetsruf ins Ohr geflüstert worden. Wasser sei aber auch im Islam wichtig, so die Muslimin. Und dann erzählt sie von der Quelle Zamzam in der Wüste nahe Mekka, die für die Magd Hagar und Ismael, den Sohn Abrahams, zur Rettung wurde. Das sei zwar "super-super-lange her", doch noch heute suchten die Mekka-Pilger diesen Brunnen auf. Die Kinder hören mit großen Augen zu.

Im munteren Wechsel zwischen den beiden Frauen geht es dann um die jeweilige Sicht auf Jesus und Mohammed, um Propheten und Heilige und eine Klarstellung: "Allah heißt Gott". Kirchen seien oft reich geschmückt mit Gemälden und Statuen, Moscheen dagegen aufgrund eines traditionellen Bilderverbots mit kunstvollen Kalligraphien versehen. Die Gebetsnische in der Moschee weise nach Mekka, der Altar in der Kirche sei gen Osten ausgerichtet.

Dort ist inzwischen eine Gruppe am Altar angekommen. Elisabeth Lange weist auf die Figuren im Altarsockel und andere Gegenstände aus Gold. Schnell kitzelt sie aus den Kindern den Sinn der Pracht heraus: "Damit alles schön geschmückt ist", verkünden gleich mehrere. Das Gold reflektiere das Licht, und Jesus habe gesagt "Ich bin das Licht der Welt", erklärt Lange. Al-Sabia ergänzt, dass Muslime fünf Mal am Tag beten sollten. Um zu wissen, zu welchen Zeiten und in welche Richtung sie beten, brauchten sie das Licht.

Die Orgel zieht alle in ihren Bann

Aber das wird den Sechs- bis Neunjährigen dann wohl doch zu theologisch. Sie haben die Orgel gleich neben dem Altar entdeckt. Dort hat Domorganist Thomas Schmitz Platz genommen. Schon seine ersten Worte ziehen die Kinder in den Bann: "Das Instrument hat 5.889 Pfeifen." Aahs und Oohs gehen durch den Raum. Dann spielt er die kleinste und die größte Pfeife, spielt ganz leise und ganz laut und deutet am Schluss ein Lied an, dass anscheinend alle kennen. "Wir wollen singen", wünschen sich die Kinder. Und dann legt der Kinderchor los - so laut, dass Schmitz zwischendurch noch ein paar Register mehr ziehen muss.

Johannes Schönwälder
(KNA)

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