Bischof Felix Genn (vorne)
Bischof Felix Genn (vorne)

04.12.2019

Bischof Genn gesteht Fehler im Missbrauchsfall ein Wut und Enttäuschung in Wadersloh

Vorige Woche vor den Pfarreigremien, jetzt vor der Gemeinde in Wadersloh: Der Münsteraner Bischof Genn entschuldigt sich für Fehler in einem Missbrauchsfall. Doch persönliche Enttäuschungen bleiben.

Münsters Bischof Felix Genn ist nach Wadersloh gekommen. Es ist ihm ein Anliegen, sich auch vor den Gemeindemitgliedern für den Umgang der Bistumsleitung mit einem Missbrauchsfall zu entschuldigen. Er tut es an diesem Dienstagabend in der Pfarrkirche Sankt Margareta mit Demut, das ist zu spüren.

Es sei ein großer Fehler gewesen, die Gremien der Pfarrei nicht eher über die Vorwürfe gegen den früher hier tätigen Geistlichen zu informieren. Und es sei falsch gewesen, nach Bekanntwerden des Falls nicht bereits Anfang November selbst zu einem ersten Info-Treffen in Wadersloh erschienen zu sein. Die rund 300 Gemeindemitglieder in den Kirchbänken danken Genn die klaren Worte zunächst mit leichtem Applaus.

Personalverantwortliche im "Dilemma"

Doch damit ist es nicht getan. Immer wieder muss ihr Bischof an diesem Abend erklären, in welchem "Dilemma" er und die Personalverantwortlichen damals gesteckt hätten. Es geht um einen Priester, der in den 1980er Jahren in Kevelaer am Niederrhein ein Mädchen über Jahre in der Beichte sexuell missbraucht haben soll. Die Betroffene setzte 2010 das Bistum darüber in Kenntnis, wollte aber, dass weder die Staatsanwaltschaft eingeschaltet noch die Öffentlichkeit informiert wird. Der inzwischen in Wadersloh-Bad Waldliesborn tätige Geistliche wurde emeritiert. Genn machte ihm zur Auflage, nur "Gottesdienste ohne große Öffentlichkeit" zu feiern.

Die Gemeindegremien wurden damals nicht informiert, um eben diese Öffentlichkeit nicht herzustellen. Das gesteht Genn heute als Fehler ein. Er hätte einen Weg finden müssen, der dem Schutz des Opfers gerecht wird, sagt er. Und er verweist auf ein Prinzip, das er durch die Befassung mit Missbrauchsfällen in den vergangenen Jahren verinnerlicht habe: Erst auf die verletzten Menschen zu sehen. Sie müssten geschützt werden. Auch das habe zum Dilemma beigetragen.

Es ist zwischenzeitlich sehr still geworden unter den Zuhörern in der Kirche. Als aber die Mikrofone wenig später durch die Bankreihen wandern und die Gemeindemitglieder zu Wort kommen, werden Wut und Enttäuschung spürbar. Die Frage an Genn, die alle an diesem Abend bewegt: "Wie konnten Sie in Kauf nehmen, dass der Priester wieder zu einem Täter hätte werden können?" Viele haben schließlich über Jahre dem Geistlichen ohne Kenntnis der Missbrauchsvorwürfe vertraut. Sie wurden von ihm getraut, ihre Kinder getauft, ihre Angehörigen beerdigt. Und sie haben ihn ohne Argwohn im Alltag getroffen - auch außerhalb der Kirche.

So berichtet an diesem Abend ein Gemeindemitglied, dass er dem Geistlichen immer freundlich, ja fast freundschaftlich begegnet sei.

Sogar Mitleid habe er mit ihm empfunden, da er davon ausgegangen sei, dass dessen Emeritierung aus gesundheitlichen Gründen stattgefunden habe. Er fühle sich vom Bistum getäuscht. Zustimmendes Gemurmel durchdringt den Kirchenraum.

Wut und Enttäuschung auch bei Bischof Genn

Fast schon hektisch dagegen wird es bei einer anderen Frage: Wie es denn sein konnte, dass der Geistliche bei seiner Verabschiedung mitzelebrieren durfte, obwohl ihm öffentliche Gottesdienste per Dekret verboten waren. Hier kommt selbst der anwesende Generalvikar Klaus Winterkamp in Erklärungsnot. Man habe den damaligen Pastor bereits umgezogen im Ornat in der Sakristei vorgefunden und ihn dann nicht zurückweisen können. Das sei vergleichbar mit dem Vorgehen bei der Kommunionausteilung, bei der auch niemand abgewiesen werde. "Das machen wir in der Kirche nicht", so der Generalvikar.

Wut und Enttäuschung sind aber auch bei Bischof Genn zu spüren. Es sei blauäugig von ihm gewesen, dem Priester bezüglich der Einhaltung seiner Auflagen zu vertrauen; der Geistliche hatte weiter öffentliche Gottesdienste gefeiert. Auch hält Genn die Sanktion von damals für zu gering. Es brauche dringend ein Disziplinarrecht für Kleriker, um in solchen Fällen auch härter vorgehen zu können. Völlig fassungslos mache ihn, dass der Geistliche jetzt auch noch behaupte, zu Unrecht verurteilt worden zu sein.

"Er hat vor mir 2010 die Tat bekannt", macht Genn ganz deutlich. Und dann sagt er, was alle an diesem Abend in Wadersloh empfinden. "Wir schauen in den Abgrund einer menschlichen Seele."

Johannes Schönwälder
(KNA)

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