Streit um Sankt Martin in Niederkassel
Streit um Sankt Martin in Niederkassel
Erik Flügge (Gründer und Leiter der Beratungsgesellschaft SQUIRREL & NUTS in Köln)
Erik Flügge (Gründer und Leiter der Beratungsgesellschaft SQUIRREL & NUTS in Köln)

20.11.2019

Hetze nach Sankt-Martins-Eklat in Niederkassel "Das ist im Grunde Kommunikationsterror"

Gegen eine Schule im nordrhein-westfälischen Niederkassel hagelt es Hassmails und Drohungen. Den Anstoß gab die fremdenfeindliche Äußerung eines Sankt-Martin-Darstellers. Im Netz wird die Debatte verzerrt und politisch instrumentalisiert. 

DOMRADIO.DE: Man kann im Netz unter anderem lesen "Sankt Martin darf nicht auftreten, Moslem fühlt sich gestört" und es hagelt diese Hass-Mails. Sind Ihnen so eine Art von Geschehnissen und Vorgängen bekannt?

Erik Flügge (Politikberater und Gründer der Beratungsgesellschaft Squirrel und Nuts): Ja, das ist mir nicht nur bekannt, sondern das ist in meiner Arbeit eigentlich Alltag. Es ist zu einem ziemlich normalen Modus geworden, wie heute in der Öffentlichkeit Stimmung gemacht wird. Auf diese Art wird kampagnenartig Desinformation betrieben. Hier werden offensichtlich Informationen verzerrt. Und denen wird so ein Drall gegeben, der dann Leute empört, sodass die ziemlich heftige Reaktion zeigen. Das alles ist Teil von politischen Zwecken, die Leute verfolgen.

DOMRADIO.DE: Jetzt fragt man sich natürlich: Wie kann das sein, dass so etwas einfach behauptet wird? Es ist auch in "seriösen Medien" nachzulesen, dass es in diesem Fall anders war.

Flügge: Das ist schlicht und ergreifend die Konsequenz von geschlossenen Informationsnetzwerken, in die solche Sender wie Ihrer gar nicht mehr hineinwirken und auch andere Teile der Medienlandschaft nicht. Nur weil in diversen Zeitungen steht und weil Sie senden, wie es wirklich war, heißt das noch lange nicht, dass ein überwiegender Teil der Bevölkerung das dann auch schon erfahren hat.

In Deutschland haben lesen nach Region zwischen 15 und 20 Prozent eine Tageszeitung. Das heißt ja noch nicht mal, dass jede Person, die diese Tageszeitung liest, auch jeden Artikel darin liest. Und das heißt, dass 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung nicht weiß, was die Wahrheit zu diesem Fall ist, egal, wie fleißig Sie jetzt darüber berichten und wie korrekt andere darüber berichten. Genau das ist die Lücke, in die Populistinnen und Populisten hineinstoßen. Sie betreiben geschlossene Informationszirkel. Sie nutzen Newsletter, haben Facebook- oder Whatsapp-Gruppen oder haben alternative beziehungsweise Lügen-Medien aufgemacht. Und in diesen Netzwerken werden die Menschen absichtlich fehlerhaft und tendenziös informiert und indoktriniert. Genau da laufen dann solche Fälle durch.

DOMRADIO.DE: Hat das dann auch mit dieser vielzitierten Blase zu tun? Also, dass Menschen ihre Informationen gerne nur noch von solchen Quellen beziehen, die ihnen sowieso nach dem Mund oder nach der Meinung reden oder schreiben?

Flügge: Die Mehrheit der Gesamtbevölkerung bezieht ihre Informationen immer noch aus eine Mischung aus unterschiedlichen seriösen Medien, wie etwa Tagesschau oder Tageszeitungen und dem, was Nachbarn, Freunde und Bekannte ihnen erzählen. Aber wir haben einen wachsenden Teil der Bevölkerung, der immer stärker von diesen sogenannten seriösen Medien isoliert wird. Die machen manchmal auch Fehler, aber trotzdem kann man sich eigentlich grundsätzlich darauf verlassen, was da drinsteht. Doch etwa dadurch, dass diese etwa immer wieder als "Lügenpresse" hingestellt werden, führt das dazu, dass manche Menschen weiter von diesen Medien wegrücken. Und diese suchen sich dann alternative Kanäle, wie etwa YouTube-Videos, irgendwelche Newsletter, wo diese Seriösität nicht garantiert wird.

DOMRADIO.DE: Jetzt ist die betroffene Schule in diese Welle hineingeraten. Da gibt es bestimmt noch viel heftigere Beispiele. Aber was könnte denn in so einem Fall eine Institution tun?

Flügge: Man kann ganz bestimmte Dinge tun. Denn solche Shitstorms folgen Mustern und Strategien. Im Grunde ist das Kommunikationsterror, der da betrieben wird. Es werden ganz bewusst Anschläge auf die Psyche von Personen verübt, wie zum Beispiel diese Schulleiterin. Es wird versucht, mit Angriffen, mit Verunglimpfungen, mit Bedrohungen und Beschimpfungen einzelne Personen niederzumachen. Das Ziel ist es, dass sie sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen oder ihr Verhalten verändern. Genau das sind Funktionen, die sonst physische Terroranschläge haben. Das eigentlich Bedrohliche daran ist, dass diese verbalen Ausfälle dann zum Teil zu körperlichen Ausfällen werden. Das heißt, dass einer dann wirklich durchdreht und tatsächlich physisch gewalttätig wird.

DOMRADIO.DE: Was kann man in dem Fall dann konkret tun?

Flügge: Was man in so einem Krisenfall machen muss, ist, im Kern zwei Dinge zu begreifen und zu tun. Man muss ganz schnell begreifen, dass man selber viel zu emotional reagiert, wenn man angegriffen wird. Das muss man verstehen, um in dem Moment vernünftig zu agieren. Dann ist der zweite Schritt, dass man der eigenen Überforderung ausweicht und jemand anderen die eigenen Kommunikationskanäle übergibt. Das heißt, man sucht sich eine Hilfsperson. Diese übernimmt den E-Mail-Account, und löscht einfach alles weg oder in einen anderen Ordner, was wüste Beschimpfungen sind. Alles, was so krass ist, dass man es tatsächlich strafrechtlich verfolgen kann, weil es sich um Morddrohungen oder Gewaltandrohungen handelt, sollte aufbewahrt werden. Das sollte an einen Anwalt übergeben werden. Aber man selber sollte diese Sachen nicht lesen, sonst dreht man durch.

Und das kann ich genauso mit meinen Social-Media-Kanälen machen. Also, wenn die Schule in unserem Beispiel einen Facebook-Account hat, dann soll bitte jemand anderes die Kommunikation übernehmen. Denn Sie selber können in dem Moment gar nicht seriös reagieren.

DOMRADIO.DE: Aber gibt es denn von Facebook irgendeine Form von Hilfe, wenn man in so etwas hineingerät?

Flügge: Nein. Das ist traurig. Facebook sagt: "Das ist Ihr Problem, das müssen Sie lösen." Wenn wir jetzt an solche großen Organisationen wie Schulen oder Kirchen denken, dann ist das Problem in der Strategie, die ich gerade genannt habe, dass ich in dem Moment, in dem es passiert, ja meistens gar nicht weiß: Wem soll ich das jetzt eigentlich geben? Wer kann denn jetzt für mich die E-Mails machen? Wer kann denn meine Facebook-Account übernehmen? Wer weiß denn, wie man mit sowas umgeht? Und deswegen ist es sinnvoll, sich darauf vorzubereiten. Das heißt: Die Organisationen sollten sich Routinen für so einen Fall überlegen.

DOMRADIO.DE: Zum Beispiel?

Flügge: Die Schule kann vorher fest machen: In einem Kommunikations-Krisenfall rufe ich folgende Nummer an. Und dann ist jemand dran, der oder die mir vernünftig sagt, was ich jetzt tun soll und die für mich im Zweifelsfall dann auch einspringt. Das heißt, die Organisation oder die Schule klärt vorher eine mögliche Einsatzgruppe ab.

DOMRADIO.DE: In diesem Fall bleiben wir nämlich bei der Kirche. Es ging ja um einen Sankt Martin-Darsteller. Wie sollte sich denn jetzt die Kirche als große Organisation verhalten? Soll die sich einmischen oder raushalten?

Flügge: Man muss sich unterschiedliche Kreise anschauen. Ich glaube, dass die Kirche und die Schule nicht falsch gehandelt haben. Sie sind den richtigen Weg gegangen, zu informieren, sich zu entschuldigen und zu sagen: Das hat jetzt mit unserer christlichen Botschaft überhaupt nichts zu tun - und erst recht nicht mit der Botschaft von Sankt Martin. Also, dass irgendwelche Leute verstoßen oder weggestoßen werden, nur weil sie andere religiöse Bindungen haben. Das ist theologisch korrekt. Das richtigzustellen in unterschiedlichen Medien ist notwendig. Das ist aber auch erfolgt.

Ich glaube, es braucht noch ein paar Schritte mehr, bei denen ich nicht weiß, ob sie erfolgt sind. Diese Schule sollte etwa allen Eltern noch einen Newsletter schicken. Es geht darum, die Eltern und Schüler zu informieren, sodass diese im unmittelbaren Umfeld sprachfähig sind, wenn sie auf den Fall angesprochen werden. Da kann man sich nicht nur auf die Presse verlassen. Da muss eine Schule auch selber aktiv werden. Diejenigen, die in den abgesonderten Kommunikationskanälen unterwegs sind und angeheizt werden, die wird man nicht erreichen. Aber die Menschen Drumherum, mit denen sollten die Betroffenen, wie hier die Schule kommunizieren und sie informieren, dass sie Angriffen widersprechen können.  

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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