Wie wird die Kirche von morgen sein?
Wie wird die Kirche von morgen sein?
Erzbischof Heiner Koch
Erzbischof Heiner Koch

21.07.2019

Erzbischof Koch zu sinkenden Mitgliederzahlen der Kirche "Wir werden auf ganz neue Weise Kirche sein müssen"

216.078 Austritte verzeichnet die katholische Kirche 2018. Ein Grund dafür sieht Erzbischof Heiner Koch in wegbrechenden Traditionen. Sich dem Mainstream anzupassen, ist für den Berliner Erzbischof jedoch keine Option.

DOMRADIO.DE: Heute findet die 74. Schlesierwallfahrt zum Annaberg in Haltern am See statt. Sie sind zum ersten Mal dabei. Das Leitwort lautet "Wohin sollen wir gehen?". Wie werden Sie dieses Wort aufgreifen angesichts der veröffentlichten Kirchenstatistik von 2018?

Dr. Heiner Koch (Erzbischof von Berlin): Die Frage ist zunächst mal existenziell bedeutsam für die Kirche. Diese Frage ist die Gegenfrage auf die Frage Jesu "Wollt nicht auch ihr gehen?". Und das ist natürlich heute eine ganz brenzlige Situation. In diesen Tagen haben wir die neuen Zahlen über die Mitgliederentwicklung in der Kirche bekommen – unter anderem über die steigenden Austritte und die sinkende Taufhäufigkeit.

Viele fragen also "Wollt nicht auch ihr gehen?" oder "Will nicht auch ich gehen?". Die Situation ist, dass viele gehen, nicht mehr viele hinzukommen und es nicht mehr selbstverständlich ist, Kirche zu sein. Gott verliert an Bedeutung und der Glaube ist sicherlich auch nicht mehr durch Tradition und Brauchtum getragen.

DOMRADIO.DE: Was können denn die Menschen tun, die in der Kirche bleiben und nicht gehen?

Erzbischof Koch: Wir – die wir noch dabei sind – müssen uns auch die Frage stellen, wohin wir gehen wollen. Woran sollen wir uns halten, was sind die Werte, die uns wichtig sind, und welche Personen und welcher Gott ist uns wichtig? Ich denke, das sind ganz existenzielle Fragen für Kirche und Gesellschaft, auch in den Fragen der Veränderung und der Erneuerung.

Ich bin fest davon überzeugt, wenn wir alles neu machen würden, um dem Mainstream zu folgen und eventuell tun, was die Menschen von uns erwarten, werden auch wir den Trend nicht aufhalten. Wir werden uns fragen müssen, aus welchen Gründen wir bleiben. Vor allem müssen wir uns fragen, wie die Kirche von morgen sein wird.

DOMRADIO.DE: Wie blicken Sie auf die Zukunft der Kirche?

Erzbischof Koch: Ich blicke sehr hoffnungsvoll in die Zukunft der Kirche. Sie wird allerdings eine andere Gestalt haben. Ich weiß ja in Berlin selbst, dass es nicht selbstverständlich ist, den Glauben zu leben und vor allem den Glauben weiterzugeben. Dahinter steckt das Abbrechen der vielen Traditionen. Die Wallfahrt zur Heiligen Anna steht für Tradition und für die Weitergabe des Glaubens. Nur 37 Prozent der Eltern, die katholisch sind, geben den Glauben weiter und zwar weil der andere oftmals gar nicht getauft ist. Das sind beispielsweise die Konfliktthemen.

Ich bin auch für Reformen der Kirche, aber ich glaube nicht, dass durch noch so viele Reformen die Menschen in Massen wiederkommen. Das sieht man auch in der evangelischen Kirche. Die Gottverbundenheit, die gesellschaftliche Verbundenheit mit der Kirche, die Tradition und auch die Familienverbundenheit als solches sind auf vielerlei Ebenen abgebrochen. Wir werden auf ganz neue Weise Kirche sein müssen und wir brauchen neue gemeinschaftliche Bindungen. Das ist die große Herausforderung und die Chance, die auch Freude macht, die Kirche neu zu gestalten.

DOMRADIO.DE: Weshalb feiern denn gerade Sie das Pontifikalamt der Wallfahrt zum Annaberg? Haltern am See liegt ja nicht gerade nah an Berlin ...

Erzbischof Koch: Es verbindet uns die schlesische Tradition. Meine Eltern sind aus Schlesien und haben damals schon immer von der Wallfahrt zum Annaberg in Schlesien erzählt. Das war für sie ein großes Ereignis der Jugend. Dieses Ereignis der Wallfahrt ist in Haltern weitergeführt worden, dort, wo die Heilige Anna schon seit dem 14. Jahrhundert verehrt wird. Die Familientradition und die Ideen der Heiligen Anna sind das, was mich mit dieser Wallfahrt verbindet.

DOMRADIO.DE: Die Wallfahrt in Haltern am See ist zum einen ein großes Fest mit Spezialitäten aus Schlesien, traditionellem Schmuck und schlesischen Trachten. Zum anderen wird auch der oberschlesische Kulturtag gefeiert, also auch an die Verstorbenen gedacht. Wie ist es für Sie, dabei zu sein?

Erzbischof Koch: Es ist ganz wichtig, dass Kirche als Heimat erfahren wird. Viele von ihnen leiden ja noch immer unter der Geschichte, dass sie vertrieben sind und sie nicht freiwillig ihre Heimat verlassen haben. Ich merke das selbst an meiner Geschichte. Ich werde auch an meine Eltern und meine Familie denken, die aus dieser Gegend stammen und inzwischen verstorben sind. Das wird eine ganz tiefe, menschliche und heimatliche Verbundenheit sein.

Wir stehen 30 Jahre nach dem Fall der Mauer, morgen feiern wir die 74. Schlesierwallfahrt zum Annaberg in Haltern. Das sind Traditionen in einer sich schnell ändernden Gesellschaft und Welt. Da ist natürlich auch die Frage für mich als Bischof in Berlin, wie diese Tradition weiterleben kann.

Das Gespräch führte Katharina Geiger.

(DR)

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