Mitglieder des Forscherteams begutachten ein entnommenes Fragment
Mitglieder des Forscherteams begutachten ein entnommenes Fragment
Gregor Ziorkewicz, Pfarrer fuer Stadtkirchenarbeit an St. Johannis (r.)
Gregor Ziorkewicz, Pfarrer fuer Stadtkirchenarbeit an St. Johannis (r.)

04.06.2019

Mainzer Stadtkirchenpfarrer über die Sarkophagöffnung "Total angespannt und aufgeregt"

Bei der Öffnung des tausend Jahre alten Sarkophags in der Mainzer Johanniskirche wurden Überreste eines Geistlichen vorgefunden. Handelt es sich um Erzbischof Erkanbald? Stadtkirchenpfarrer Gregor Ziorkewicz über einen aufregenden Tag.

DOMRADIO.DE: Die Frage bewegt ganz Deutschland: Ist es Erkanbald?

Gregor Ziorkewicz (Stadtkirchenpfarrer an St. Johannis): Nachdem heute früh der Sarkophag geöffnet wurde, wissen wir, dass es sich um einen Geistlichen handelt. Die Theorie hat sich aber heute noch nicht bestätigt, dass es sich um den Erzbischof Erkanbald, der 1021 beigesetzt worden sein soll, handelt. Jetzt gehen die Erforschungen erst los. 

DOMRADIO.DE: Woher erkennt man denn, dass es ein Geistlicher war?

Ziorkewicz: Die Lage gibt darüber Auskunft: Mitten in der Mittelachse der heutigen Kirche ist der Sarkophag platziert worden. Das ist natürlich eine hervorgehobene Position in der Kirche. Wir haben auch textile Reste gefunden, die eindeutig auf eine Mitra oder ein Pallium hinweisen.

DOMRADIO.DE: Wie aufregend war denn das alles für Sie?

Ziorkewicz: Wir waren natürlich schon die letzten Wochen total angespannt und aufgeregt. Das ist ja auch eine Kette von Vorbereitungen gewesen, wir mussten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einladen, ausgewiesene Anthropologen, Textilfachleute und Archäologen. Der Sarkophag musste gehoben werden, ohne Elemente in der Umgebung zu zerstören.

DOMRADIO.DE: Wurde auch diskutiert, man ob man so einen Sarkophag überhaupt einfach öffnen darf? Da wurde ja auch die Totenruhe gestört, oder?

Ziorkewicz: Darüber haben wir uns natürlich sehr viele Gedanken gemacht. Wir haben auch lange gezögert. Aber aufgrund der Position des Sarkophags und der Hoffnung einen Erzbischof zu finden, haben wir uns aus wissenschaftlicher Sicht dazu entschlossen, den Sarkophag zu öffnen. Weil das nicht nur einen Beitrag leistet zur Geschichte des alten Doms Sankt Johannes in Mainz, sondern zur Stadtgeschichte und zur Geschichte der Region. Uns ist aber ganz wichtig, dass wir den Sarkophag auch wieder verschließen und an diesem Ort belassen. Aber dann natürlich wohl dokumentiert.

DOMRADIO.DE: Es stehen also noch allerhand Untersuchungen an. Wenn sich jetzt herausstellen sollte, dass es tatsächlich der Erzbischof Erkanbald ist, wäre denn das eine Sensation?

Ziorkewicz: Wir wissen, dass ein Erzbischof um 1021 beigesetzt wurde. Und ein Erzbischof kann natürlich nur im Dom beigesetzt werden, in seiner Bischofskirche. Damit hätten wir die absolute wissenschaftliche Gewissheit, dass es sich hier wirklich um den alten Martinsdom von Mainz handelt, dem Vorgänger des aktuellen Doms nebenan.

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie diesen Sarkophag eigentlich gefunden?

Ziorkewicz: Vor der Innenrenovierung sollte die Heizungsanlage ausgetauscht werden. Dafür musste ein Gebläse ausgebaut werden. Da waren interessante Mauerstrukturen zutage getreten, die uns dazu getrieben haben, zu forschen. Und daraus ist ganze Kette von Jahren geworden mit immer weiteren tollen Erkenntnissen, die es immer mehr plausibel erscheinen lassen, dass wir hier den alten Martinsdom von Mainz haben.

DOMRADIO.DE: Was haben Sie da noch Spannendes entdeckt?

Ziorkewicz: Wir haben im gesamten inneren Kirchenraum jetzt flächendeckend drei Meter nach unten gegraben. Wir haben die Reste eines Chörleins gefunden. Das sieht aus wie ein Einbau einer Kirche in die Kirche. Wir haben über 450.000 Fundstücke. Große Skulpturen und kleine Scherben. Das muss jetzt alles noch akribisch untersucht und dokumentiert werden.

DOMRADIO.DE: Also war es ein aufregender Tag?

Ziorkewicz: Das war ein absolut bewegender Tag. Ich bin sehr froh, dass diese ganze Veranstaltung in der Kirche in der entsprechenden Würde abgelaufen ist. Die Resonanzen derer, die heute da waren und forschen, sind sehr positiv. Ich bin gespannt auf die nächsten Tage, wie es weitergehen wird und welche Erkenntnisse wir noch haben werden.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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