Glaube und Religion im Computer-Zeitalter
Über Smartphone und PC überall erreichbar

18.03.2019

Gemeindeleben neu entdecken Willkommen in der Netzgemeinde!

Gemeindeleben kreativ gestalten: Das wollte auch der Theologe Felix Goldinger aus dem Bistum Speyer. Er hat mit seinen Kollegen eine Netzgemeinde ins Leben gerufen. Dabei sind die Gläubigen über einen Messenger miteinander verbunden.

DOMRADIO.DE: Welche neue Form braucht Kirche, um am Leben zu bleiben?

Felix Goldinger (Theologe in der Abteilung Seelsorge im Bistum Speyer): Ich glaube, wir stehen als Kirche im Moment stark vor der Herausforderung, dass wir wieder Kontakt zu den Lebenswelten der Menschen kriegen und da anschlussfähig werden; also dass wir in einem bestimmten Kontext als Kirche unterwegs sind und nicht nur eine Form von Kirche anbieten, sondern verschiedene, die zu den Lebenswelten der Menschen passen.

DOMRADIO.DE: Viele Projekte haben Sie bereits angestoßen – zwei möchten wir vorstellen. Besonders spannend dabei: die Netzgemeinde. Sie haben eine Gemeinschaft geschaffen, die über's Handy miteinander verbunden ist – "DA-Zwischen" nennen Sie das Ganze – was passiert da?

Goldinger: Wir haben uns gedacht, das Smartphone und das Handy sind in jeder Hosentasche und da gehört Kirche auch hin. Letztenendes gehört Gott auch dorthin. Er ist bei allen Menschen und ich glaube, er ist auch im virtuellen Raum für Menschen da. Wir haben jetzt angefangen, Menschen zu vernetzten, indem wir eine Art Community aufgebaut haben. Wir schicken montagsmoregns zum Start in den Alltag, das haben wir uns ganz bewusst so ausgesucht, eine Nachricht, die so ein bischen zum Nachdenken anregt, auf die man aber auch reagieren kann. Wir haben also eine Kontaktfläche hergestetllt. Das war uns ganz wichtig, dass man mit uns in Kontakt treten kann und da bieten sich Handys und Messengerdienste an.

DOMRADIO.DE: Was sind Beispiele für eine dieser Montagsfragen?

Goldinger: Wir fragen sie zum Beispiel nach dem, was ihnen wichtig ist im Leben oder wo sie gerade dran sind und was gerade ihren Alltag bestimmt. Denn ich glaube, wir müssen eine Verbindung herstellen zwischen dem Alltag der Menschen und der frohen Botschaft, für die wir als Kirche stehen. 

DOMRADIO.DE: Und wie reagieren die Menschen darauf? Antworten Sie, oder lesen Sie eher passiv mit?

Goldinger: Es gibt beides und beides ist in Ordnung. Viele Menschen antworten uns direkt, also über WhatsApp auf die Frage oder den Impuls, den wir gegeben haben. Es gibt aber auch Menschen, die lesen sich das nur durch und nehmen es mit in den Alltag und antworten vielleicht erst in zwei, drei Wochen auf eine Nachricht. Viele Menschen suchen aber auch den direkten Kontakt mit uns und gehen ins Gespräch.

DOMRADIO.DE: Da haben Sie also gleich Anknüpfungspunkte für eine größere seelsorgerische Arbeit?

Goldinger: Genau. Natürlich bietet es sich nicht für jeden an, aber für manche ist es eine gute Form, eine Art Erstkontakt mit uns herzustellen und ein bisschen herauszukitzeln: Wre ist denn da auf der anderen Seite? Kann ich mich denen anvertrauen? Und bei manchen, die mit uns in Verbindung stehen, kommt es schon dazu, dass wir dann sehr tiefgründige Gespräche führen; so in Richtung Lebenshilfe oder wir würden sagen Seelsorge; also dass wir für die Menschen da sind, in ihren Nöten und in ihren Sorgen.

DOMRADIO.DE: Das ganze ist auch sehr erfolgreich: 3.500 Menschen nehmen das mittlerweile in Anspruch. Und Sie konnten das allein gar nicht mehr bewerkstelligen. Was denken Sie: Müsste Kirche insgesamt mutiger sein, was so etwas angeht?

Goldinger: Ja, ich glaube, da dürfen wir uns als Kirche ganz viel zutrauen. Wir haben sehr viele kreative Köpfe in unseren Reihen, sowohl bei den Hauptamtlichen als auch bei den Ehrenamtlichen. Und da dürfen wir uns sehr trauen nach draußen zu gehen und uns auch von Papst Franziskus ermutigt fühlen an diese Ränder zu gehen. Die sind bei uns in Deutschland an anderen Stellen als in der Weltkirche, unter Umständen, aber da müssen wir ganz erfinderisch sein und rausgehen. 

DOMRADIO.DE: Ein zweites großes Thema bei Ihnen ist die Ökumene. Sie sagen: Das ist eine Chance, dass katholische und evangelische Christen sich zusammentun – und gehen mit Ihnen raus aus der Kirche, rein in die Kneipe?!

Goldinger: Wir sind auf der Suche nach Menschen bei uns im Bistum und in der Landeskriche - es ist ein ökumenisches Projekt - die sagen, dass sie mal neue Formen von Kirche ausprobieren wollen. Wir wollen mal neben der klassischen Gemeinde neue Menschen ansprechen, zu denen wir den Kontakt verloren haben. Und diese Menschen laden wir nicht ein ins Pfarrheim, das wäre der übliche Weg, sondern wir treffen uns in Kneipen bei uns in der Pfalz für einen Abend, kommen ins Gespräch miteinander, lernen uns kennen und so entsteht langsam aber sicher ein Netzwerk von Kirchengründern, die neue Formen von Gemeinschaften anfangen.

DOMRADIO.DE: Es gibt Menschen, die fürchten bei all dem, dass alte Gemeindestrukturen abhanden kommen – was sagen Sie denen?

Goldinger: Auf der einen Seite kann ich diese Angst nachvollziehen. Denn wir erleben als Kirche schon einen Rückgang, ein Weniger- und Kleinerwerden. Und da ist so der Versuch, etwa ganz Neues anzufangen sicherlich nicht leicht nachzuvollziehen. Aber ich möchte denen eigentlich Mut machen und sagen: Das Alte ist nicht vergangen und wir können daran anknüpfen. Aber es braucht auch das Neue daneben. Und wenn wir miteiandner einen guten Weg finden, wie das beides gehen kann, dann sind wir, glaube ich, auf der richtigen Spur. Ich würde nicht dafür eintreten wollen, eins abzuschaffen und das andere stark zu machen, sondern es muss beides gehen.

​Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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