Kirchensteuer
Kirchensteuer
Dr. Andreas Püttmann
Dr. Andreas Püttmann

22.01.2019

Ein Plädoyer für Professionalität und Präsenz der "Geh-hin-Kirche" Mehr Vitalität ohne Kirchensteuer?

Eichstätts Bischof Hanke kann sich vorstellen, "eine ärmere Kirche zu wagen". Das schlösse auch ein, die Kirchensteuer zu überdenken. Dass Armut institutionell gnadenreich wirke, sei eine gefährliche Illusion, kommentiert Publizist Andreas Püttmann.

Es steht jedem frei, auch aufs eigene Tor zu schießen, sogar einem Bischof, in dessen Wappen steht: "Unser Glaube ist unser Sieg". Wenn es gegen die Kirchensteuer geht, ist Applaus gewiss. Fragt sich nur: von welcher Seite und aus welchen Motiven? Der Eichstätter Oberhirte Gregor Maria Hanke, sonst nicht dafür bekannt, den "Mainstream" zu bedienen, hat es in diesem Fall der Mehrheit der Deutschen, die die Kirchensteuer ablehnen, recht gemacht. Er liebäugelte beim Neujahrsempfang damit, "auf die institutionalisierten gesellschaftlichen Möglichkeiten der Einflussnahme der Kirche in der heutigen Breite zu verzichten". Das schlösse "wohl auch ein, über die Zukunft der Kirchensteuer nachzudenken". Im Angesicht seines Publikums schränkte er nur geflissentlich ein: "Gewiss, die Kirche hat vielfältige Pflichten und Verantwortung gegenüber Mitarbeitern. Sie kann nicht von heute auf morgen aus dem gewachsenen System aussteigen. Aber bedeutet die derzeitige Gestalt der Kirchensteuer nicht ein enges Junktim von Gnade und Geld?"

Ihm selbst war das Schicksal in dieser Hinsicht zuletzt nicht gnädig. Ein handfester Finanzskandal erschütterte sein Bistum und belegte, dass jedenfalls Amtsgnade und Geld kein Junktim bilden. Der Umkehrschluss aber, dass Armut institutionell gnadenreich wirke, wäre eine gefährliche Illusion. Gefährlich nicht für die Kirche Christi an sich, sondern für die vielen Menschen, denen mit kirchlichen Geldern Gutes getan wird. Nicht nur "Mitarbeitern". Wer hier die Abrissbirne schwingt, läuft Gefahr sich an ihnen zu versündigen, ohne für die geistliche Vitalität der Kirche etwas zu erreichen. Er redet womöglich einer "lose-lose"-Situation das Wort. Mal abgesehen von der Geschmacksfrage, ob man sich nur drei Monate nach öffentlichen Rücktrittsüberlegungen wegen eines Finanzskandals schon wieder als Vordenker in Fragen der Kirchenfinanzierung profilieren sollte.

Arme Kirche ist kein Selbstzweck

Hätten die Kirchenmitglieder nur noch freiwillige, selbst bemessene Beiträge ohne den kostengünstigen und sozial gerechten Einzug durch die Finanzämter zu entrichten, oder könnten die Deutschen nach dem Vorbild Spaniens oder Italiens den Empfänger einer Kultursteuer frei wählen, würde dies sicher zu einem Einbruch der Kirchenfinanzen führen. Eine arme Kirche ist aber kein Selbstzweck. Vielmehr hat sie ihre finanziellen Ressourcen im Lichte ihres Auftrags in den Grundvollzügen "Martyria", "Leiturgia" und "Diakonia" (Verkündigung, Gottesdienstfeier, Dienst am Nächsten) zu sehen: Der rechten "Armut vor Gott" (Mt 5,3) kann sich auch eine begüterte Glaubensgemeinschaft bewusst sein. Das bislang noch hohe Kirchensteueraufkommen ermöglicht uns nicht nur, weltweit hilfreich zu sein, sondern auch daheim Strukturen einer "Geh-hin-Kirche" (Joseph Kardinal Höffner) zu unterhalten. Sie vermitteln jenen Menschen, die von sich aus keinen Kontakt zur Gemeinde suchen würden, wenigstens eine Ahnung von christlicher Kultur und Nächstenliebe. Das sollte man nicht gering schätzen.

Eine finanziell geschwächte, organisatorisch mehr als unbedingt nötig geschrumpfte Kirche könnte die Armen, Orientierungslosen und Randständigen schwieriger erreichen und unterstützen. Das muss Jüngern Jesu aber am Herzen liegen, wenn sie vor der sozialen und geistlichen Armut unserer Zeit nicht kapitulieren wollen. Sie müssen auch mit weniger Gläubigen dem Wort ihres Herrn nachstreben: "Ich habe sie behütet und keiner von ihnen ging verloren" (Joh 17,12). Kardinal Óscar Rodríguez Maradiaga betonte 2014 in einem FAZ-Interview auf die Frage, was "arme Kirche" im europäischen Kontext bedeute: "Alles hängt davon ab, wie man Reichtum definiert. Die Geschichte Europas hat es mit sich gebracht, dass es viele kirchliche Besitztümer gibt, ja selbst Kirchensteuer. Ich bin überzeugt, dass die katholische Kirche in Deutschland nicht nur eine der reichsten der Welt ist, sondern auch die großzügigste. Viele Kirchen helfen den Ärmsten der Armen, aber keine kann sich mit der deutschen messen…Ich glaube, dass die katholische Kirche in Deutschland im Dienst der Armen steht."

Eine Revitalisierung des behäbigen Gewohnheitschristentums?

Das viel gescholtene "Entweltlichungs"-Postulat Benedikts XVI. habe ich immer verteidigt, und zwar im Sinne von Röm 2,2 verstanden als Haltung der Unabhängigkeit, der Unterscheidung und der Selbstdistanz des Christen. Ein Stück "Jenseitigkeit" sollte Christen auszeichnen, "denn unsere Heimat ist im Himmel" (Phil 3,20). Gleichwohl dürfen wir in irdischen Dingen realistisch und zupackend bleiben, auch was die soziale Gestalt der Kirche angeht. Mich überzeugen die fast schon "katakombensüchtig" (Johannes Gross) agierenden Kreise nicht, die "Entweltlichung" gern auf den Lippen tragen, aber mehr als Vorwurf oder Forderung an andere verstehen denn als Gewissensspiegel für sich selbst. Sie sind schon lange genervt von der Herrschaft "lauer Kirchenfunktionäre" in aufgeblähten Ordinariaten, Verbandsgeschäftsstellen, Fakultäten und Akademien. Von einer finanziellen "Austrocknung" oder Demontage des staatskirchenrechtlichen Systems erhoffen sie sich angeblich nur eine Revitalisierung behäbigen Gewohnheitschristentums, aber tatsächlich wohl mehr eigenen Machtzuwachs gegen den verhassten liberalen Katholizismus: Eine spendenfinanzierte Kirche müsste sich nämlich stärker auf die begüterten Frommen bürgerlich-konservativer, wirtschaftsnaher Provenienz stützen – wie manche geistliche Gemeinschaften – und könnte dadurch selbst zu religiös und gesellschaftlich konservativeren Positionen tendieren. Solches kirchenpolitische Machtkalkül ist aber eines sicher nicht: "entweltlicht".

Für diejenigen, die "Entweltlichung" nicht als Stachel gegen ihr konservatives Klammern an die tradierte Gestalt von Kirche verstehen, verabreichte Papst Franziskus in Evangelii Gaudium eine bittere Medizin. Er warnte vor jenen, die "das Leben der Kirche in ein Museumsstück oder in ein Eigentum einiger weniger" verwandeln wollten. Sie seien einer "spirituellen Weltlichkeit" anheim gefallen, die sich oftmals "hinter dem Anschein der Religiosität und sogar der Liebe zur Kirche" verberge. "Einem gewissen katholischen Stil der Vergangenheit unerschütterlich treu" und "bestimmte Normen einhaltend", verbrauche dieser Katholikentyp "die Energien im Kontrollieren" und suche "den eigenen Vorteil, nicht die Sache Jesu Christi". Er fühle sich "den anderen überlegen" und pflege "eine vermeintliche doktrinelle oder disziplinarische Sicherheit, die Anlass gibt zu einem narzisstischen und autoritären Elitebewusstsein"; "Da ist kein Eifer mehr für das Evangelium, sondern der unechte Genuss einer egozentrischen Selbstgefälligkeit".

Die Illusion von der "Gesundschrumpfung"

Suchen die katholischen Gegner der Kirchensteuer wirklich nur "die Sache Jesu Christi"? Ja, es gibt sie, die Idealisten darunter. Ich respektiere sie, aber ihre optimistischen Prognosen überzeugen mich weder im Blick auf internationale Erfahrungen noch auf religionssoziologische Befunde für Deutschland. Und dann gibt es die anderen, die die "Gesundschrumpfung" der Kirche auf einen glühenden Kern mit geradezu ideologischer Verve betreiben. Wo sie inzwischen nicht selten politisch gelandet sind, springt aber ein "narzisstisches und autoritäres Elitebewusstsein" ebenso ins Auge wie ein Pochen auf "den eigenen Vorteil" – ein Lackmustest auch für die Wurzeln ihres Kirchenbildes, ganz im Sinne der päpstlichen Unterscheidung der Geister.

Die erhoffte "Gesundschrumpfung" könnte sich leicht zur sektiererischen Krankschrumpfung entwickeln, wo man vollmundig auf den Beitrag der "Lauen" und derer an der "Peripherie" meint verzichten zu können. Haben zum richtigen Verständnis des Evangeliums durch die Kirche nicht sogar ganz säkulare Kräfte beigetragen, etwa bei der Idee der Menschenrechte? Zuletzt bei der Überwindung der Todesstrafe, wo die Kirche gerade der säkularen Ächtung hinterher schleicht? Insofern darf man vielleicht sogar fragen, ob der Kirchensteuer heute, wo religiöser und politischer Fanatismus wieder aufkeimt, nicht sogar eine theologisch-sozialethische Relevanz zuwächst: indem sie durch die Finanzierung weit verzweigter Strukturen sozialer Begegnung und Beteiligung eine kontinuierliche Rückkopplung der Kirche mit der säkularen Gesellschaft – ihren Problemanzeigen und ihrer Intelligenz – sicherstellt und es der moderaten Mehrheit erlaubt, ihren bedauerlichen Rückstand an Eifer durch organisatorische Professionalität und öffentliche Präsenz auszugleichen. So gesehen, wäre der Nutzen der Kirchensteuer nicht nur ein pastoraler, sozialer, missionarischer und weltkirchlich solidarischer, sondern indirekt auch einer für die Erneuerung und Klugheit der Kirche selbst.

Informationen zum Gastautor: Dr. phil. Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist. Zuletzt erschien von ihm: 'Wie katholisch ist Deutschland - und was hat es davon?' 

Andreas Püttmann
(DR)

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