Erste Bistümer nennen in aktueller Missbrauchsdebatte Zahlen
Deutsche Bischöfe leiten Maßnahmen gegen Missbrauch ein
Bischof Helmut Dieser
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Reinhard Kardinal Marx
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Kardinal Woelki
Kardinal Woelki
Bischof Peter Kohlgraf
Bischof Peter Kohlgraf
Abwechslung im Seniorenheim: Erzbischof Koch im Gespräch mit den alten Menschen
Erzbischof Heiner Koch
Erzbischof Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche
Erzbischof Ludwig Schick
Rudolf Voderholzer, Bischof von Regensburg
Bischof Rudolf Voderholzer

07.10.2018

Bistümer leiten Schritte zur Missbrauchsaufarbeitung ein "Das darf nie wieder geschehen"

Nach Veröffentlichung des Missbrauchsberichts der Bischofskonferenz haben die Bischöfe begonnen, notwendige Maßnahmen einzuleiten. An diesem Sonntag kündigte der Aachener Bischof Dieser an, die Ursachen "umfassend aufzuarbeiten".

Der Aachener Bischof Helmut Dieser hat Konsequenzen aus den Ergebnissen der Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz angekündigt. Dazu werde gehören, dass die Betroffenen selbst mit einbezogen werden. "Auch wir im Bistum Aachen werden uns der Herausforderung stellen, die systemischen Ursachen und Verantwortlichkeiten von sexuellem Missbrauch umfassend aufzuarbeiten", schreibt Dieser in einem am Sonntag veröffentlichten Brief an alle Pfarreien, Mitarbeiter und Orden im Bistum Aachen. "Dazu wird auch gehören, dass wir die Betroffenen selbst mit einbeziehen und die Hilfe von externen Fachleuten in Anspruch nehmen."

Neben Bischof Dieser ruft auch Erzbischof Koch Betroffene auf, sich zu melden. "Wenn Sie von Vorwürfen hören oder selbst betroffen sind oder waren, melden Sie sich, bitte", sagte Koch. "Ich empfinde Scham, dass Taten verschleiert und Täter nicht angemessen zur Rechenschaft gezogen wurden, dass das Ansehen der Kirche über den Schutz der Opfer gestellt wurde. Dafür bitte ich die Betroffenen um Entschuldigung."

Kirche habe institutionell versagt

Ende September hatten Wissenschaftler auf der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda eine Studie zum sexuellen Missbrauch durch katholische Amtsträger zwischen 1946 und 2014 veröffentlicht. Demnach wurden 3.677 Minderjährige Opfer sexuellen Missbrauchs, 1.670 Kleriker sind der Taten beschuldigt. Die Wissenschaftler schätzen die Zahl der nicht aktenkundigen oder bekannten Fälle jedoch wesentlich höher ein. "Es ist für mich eine sehr bittere Erkenntnis aus der Studie, dass Strukturen und Mentalitäten in unserer Kirche sexuellen Missbrauch nicht nur nicht verhindern, sondern sogar begünstigen", schreibt der Aachener Bischof in seinem Brief weiter. Zu den wichtigsten Erkenntnissen der Studie zähle für ihn das institutionelle Versagen.

Vorgesetzte hätten Verbrechen verharmlost, Täter geschützt und so weitere Verbrechen möglich gemacht. Sehr häufig sei der Selbstschutz der Institution Kirche über den Schutz der Opfer gestellt worden, die im Stich gelassen wurden. "Das darf nie wieder geschehen." Betroffene von Missbrauch, die sich bisher noch nicht gemeldet haben, ermutigte Dieser, dies zu tun. Die Aufarbeitung solle dazu beitragen, den Opfern von sexuellem Missbrauch mehr Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen und die Prävention weiterzuentwickeln. Dabei müssten auch die zölibatäre Lebensform der Priester und die katholische Sexualmoral thematisiert werden, kündigte der Aachener Bischof an.

Kardinal Marx: Bischöfe nicht immer konsequent gegen Missbrauch

Bischöfe und andere Verantwortliche hätten nicht immer konsequent gehandelt, sagte der Münchner Kardinal Marx in einem Radiobeitrag der Reihe "Zum Sonntag" des Bayerischen Rundfunks, wie seine Pressestelle am Freitag mitteilte. Der Verlust an Glaubwürdigkeit wiege besonders schwer bei "Würden-Trägern, bei Autoritäten, also denjenigen, die mit Macht ausgestattet sind, um andere zu ermächtigen". Nun gelte es für die Kirchenverantwortlichen, neu zuzuhören und zu verstehen, so der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz weiter.

"Ich will mich daran messen lassen, ob ich wirklich zuhöre und verstehe und ob mein Reden und mein Handeln übereinstimmen." Gleichzeitig betonte Marx, in der Erkenntnis, dass Kirchenvertreter in ihrem Umgang mit Missbrauch einen großen Vorschuss an Vertrauen verspielten, liege "auch die einzige Möglichkeit zur Umkehr". Es gelte anzuerkennen, dass es keine einfachen und unmittelbaren Wege gebe, diese verlorene Glaubwürdigkeit wiederzugewinnen, sagte Marx. "Jetzt sind wir allerdings dran, selbst einen Vorschuss zu geben und darauf zu vertrauen, dass die Gläubigen, ja die ganze Gesellschaft uns kritisch begleiten."

Der Kardinal sieht zugleich in der aktuell laufenden Jugendsynode eine Chance, durch Zuhören und Verstehen Glaubwürdigkeit wiederzuerlangen. Die Bischöfe müssten dafür die jungen Menschen verstehen wollen und gemeinsam mit ihnen nach Antworten suchen, etwa bei den Fragen und Sorgen zu Themen wie Klima, Krieg und Flucht, Armut und Arbeitslosigkeit. Es gelte dabei, auf die Sprache zu achten. "Floskeln, dahergeredete Sätze, fromme Sprüche überzeugen nicht." Jugendliche hätten zudem meist ein feines Gespür, "ob jemand echt ist, so handelt, wie er redet und damit glaubwürdig und ihres Vertrauens würdig ist".

Kardinal Woelki: "Aus ruhigem Nachdenken heraus die richtigen Schritte setzen"

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki lehnt voreilige Schlüsse ab. "Ich möchte jetzt erst einmal schweigen und aus ruhigem Nachdenken heraus die richtigen Schritte setzen", sagte der Kardinal am Sonntag im "Wort des Bischofs" im DOMRADIO.DE. "Keine vorschnellen Versprechungen, die mir und uns dann ohnehin niemand abnehmen würde, sondern hinhören, was Gott und die Menschen in dieser Situation von uns wollen."

Er habe bereits versprochen, eine eigene Untersuchung für das Erzbistum Köln in Auftrag zu geben, sagte Woelki. Es brauche Antworten auf viele Fragen: "Wie konnte all das Leid geschehen? Was sagen uns die Betroffenen? Welche Umstände haben die Taten begünstigt? Wie können wir weiteren Missbrauch verhindern?"

Bischof Kohlgraf: Kirchliches Strafrecht muss überarbeitet werden

Unterdessen forderte Bischof Peter Kohlgraf Veränderungen im kirchlichen Strafrecht. Die Sanktionen, die gegen überführte Priester verhängt wurden, seien bisher "überraschend bis skandalös milde" gewesen, sagte Kohlgraf der Mainzer "Allgemeinen Zeitung". Oft seien sie lediglich an einen anderen Dienstort versetzt worden. "Wir müssen den Katalog der Kirchenstrafen überdenken und wir brauchen zudem einheitliche Standards."

"Das sind Verbrechen", sagte Kohlgraf der Mainzer "Allgemeinen Zeitung" angesichts des am vergangenen Dienstag in Fulda von der Deutschen Bischofskonferenz vorgestellten Untersuchungsberichts. "Wir stellen uns dem" bekräftigte Kohlgraf.

Der Kirche stehe nun ein schwieriger Weg bevor, sagte Kohlgraf, der vor gut einem Jahr als Nachfolger des inzwischen verstorbenen Kardinals Karl Lehmann in sein Amt eingeführt wurde. "Ich kann nicht versprechen, dass es Missbrauch nicht mehr geben wird", so der Bischof weiter. "Aber ich kann versprechen, dass ich alles Menschenmögliche tun werde, um Missbrauch zu verhindern."

Analyse und Debatte über Pflichtzölibat führen

Bischof Kohlgraf zeigt sich offen für eine Debatte über die Abschaffung des Pflichtzölibats. Auch der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick und der Berliner Erzbischof Heiner Koch plädierten für eine Analyse in Bezug auf den Zölibat. Die "Dispens vom Zölibat wäre eine Möglichkeit", so Schick.

Auf Zusammenhänge zwischen der priesterlichen Lebensform und den Fällen von sexuellem Missbrauch besonders an Minderjährigen müsse geschaut werden, sagte Koch in einer Bischofskolumne im Rundfunk Berlin-Brandenburg. "Wir werden uns fragen, wo in der zölibatären Lebensform Risiken liegen, wenn sie als Flucht vor der Wirklichkeit, aus Angst vor Beziehung oder aus fehlgeleiteter Sucht nach Status gewählt wird."

Der Würzburger Bischof Franz Jung dagegen hält nichts von einer Aufhebung des Zölibats. Die verpflichtende Ehelosigkeit von Priestern entbinde nicht von der Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Reife, sagte Jung bei einem Priester- und Diakonentag in Heidenfeld. Aber dieser Prozess werde jedem Menschen abverlangt und bleibe eine lebenslange Aufgabe. "Beunruhigen sollte es uns doch, dass 90 Prozent des sexuellen Kindesmissbrauchs gesamtgesellschaftlich betrachtet im Elternhaus geschieht."

Bischof Voderholzer: "Sorge um jeden Einzelnen intensivieren"

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer steht Missbrauchsopfern weiter für persönliche Gespräche zur Verfügung. "Ich habe seit meinem Amtsantritt bei zahlreichen derartigen Begegnungen die Erfahrung gemacht, dass es für die Betroffenen hilfreich und heilsam ist, wenn der Bischof als oberster Repräsentant der Ortskirche das Opfer anhört, sich das Leid schildern lässt, Anteil nimmt und um Vergebung bittet", schreibt der Bischof in einem am Wochenende veröffentlichten Hirtenbrief. Als erste Konsequenz aus der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz gelte es, die Sorge um jeden einzelnen zu intensivieren, der Opfer geworden sei.

"Wenn Boten Gottes und Diener der Kirche Kinder und Jugendliche missbrauchen, ist dies besonders schlimm, weil zu den körperlichen und seelischen Qualen auch noch die religiöse Dimension hinzukommt und die Betroffenen oft ein Leben lang mit Gott hadern oder gar an ihm und seiner Kirche verzweifeln", heißt es in dem Brief.

Zur Verbesserung der Vorbeugung solcher Straftaten plädiert der Bischof für einen "Präventions-TÜV" durch eine externe Zertifizierungsstelle. Diese sollte regelmäßig alle entsprechenden Maßnahmen eines Bistums prüfen und könnte bei Johannes-Wilhelm Rörig, dem Beauftragten der Bundesregierung für Missbrauch an Minderjährigen, angesiedelt sein. Voderholzer schreibt, mit diesem Vorschlag sei er bei Rörig auf offene Ohren gestoßen. Abschließend bittet der Bischof alle Adressaten seines Hirtenbriefes, bei der Entwicklung einer Kultur der Achtsamkeit in der Kirche mitzuhelfen.

Dieser Artikel wird laufend aktualisiert.

(epd, KNA)

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