03.10.2018

Schon vor der Einheit schließen Christen Ost-West-Partnerschaften Glaube über die Mauer hinweg

Bei evangelischen Christen im Westen war die Neugier auf die Glaubensgeschwister in der DDR groß. Einige Kontakte aus der Zeit vor dem Mauerfall sind bis heute erhalten geblieben.

Seit 1990 feiert Deutschland den "Tag der Deutschen Einheit". Doch der Zauber des Anfangs ist zu großen Teilen verflogen. Zum Teil, weil das Zusammenleben von West und Ost inzwischen Routine ist, zum Teil, weil die Probleme der Einheit in der öffentlichen Wahrnehmung das Gelungene überlagern. Dabei war die Begeisterung groß, als sich die beiden deutschen Staaten annäherten. Vor allem Mitglieder der evangelischen Kirche in Ost und West engagierten sich stark.

Bereits 1985 hatte der Frauenkreis im pfälzischen Ingenheim den Wunsch nach einer Partnerschaft mit einer DDR-Gemeinde. Da seit 1949 eine Partnerschaft zwischen der pfälzischen Landeskirche und der Evangelischen Landeskirche Anhalts bestand, suchten die Ingenheimer dort nach einem Gegenüber.

Verbindung von Ingenheim zu Radegast bei Köthen

Das war allerdings schwierig, erinnert sich der damalige Pfarrer Ralf Piepenbrink. Die pfälzische Landeskirche war dreimal so groß wie die in Anhalt. Alle Gemeinden waren schon vergeben. Erst als die Gemeinde Dannenfels bereit war, einen Teil ihrer Partnergemeinde abzutreten, entstand die Verbindung von Ingenheim zu Radegast bei Köthen. Diese Partnerschaft gehört heute zu den rund zehn, die nach Angaben der Landeskirche noch aktiv gepflegt werden.

Und das mit beiderseitigem Gewinn, sagt der heutige Ingenheimer Pfarrer Stephan Heinlein. Es sei begeisternd, wie fröhlich die Radegaster trotz der Entkirchlichung im Osten ihren Aufgaben nachgingen. Stück für Stück werde die Kirche renoviert. "Wir staunen jedes Mal, wenn wir uns treffen, was für ein blühendes kirchliches Leben es dort gibt."

Die Kraft der Jugend

Eine treibende Kraft der voreinheitlichen Beziehungen war vor allem die junge Generation. Enge Verbindungen zwischen den Jugendverbänden der Evangelischen Jugend der Pfalz und der Evangelischen Jugend Berlin-Brandenburg habe es während DDR-Zeiten gegeben, erinnert sich der pfälzische Landesjugendpfarrer Florian Geith. 1988 fuhren zum ersten Mal Jugendvertreter aus dem Delegiertentag der Evangelischen Jugend der Pfalz zum Landesjugendkonvent Berlin-Brandenburg.

Der Kontakt der beiden Jugendverbände habe bis 1992 gehalten, sich dann aber aufgelöst. "Von unserer Seite war der Reiz, mit einem Evangelischen Jugendverband in der ehemaligen DDR zu kooperieren nicht mehr gegeben", sagt Geith. Viele, die sich in der Jungen Gemeinde der DDR engagiert hatten, hätten nach der Maueröffnung ihre Chancen ergriffen, in die Welt hinauszugehen. "Andere wollten die Gunst der Stunde nutzen, Gesellschaft zu gestalten und gingen in die Politik."

Über 30 Jahre später

Alte Kontakte wieder auffrischen kann bald der Kaiserslauterer Pfarrer Karl Graupeter. Er war dabei als Anfang der 1980er Jahre kleine Gruppen junger evangelischer Christen nach Ostberlin gefahren sind, um sich mit Glaubensgeschwistern zu treffen. Über einige Jahre sei es zu regelmäßigem Kontakt mit jungen Christen aus Frankfurt an der Oder gekommen, der allerdings Mitte der 80er Jahre abgerissen sei.

Nun, über 30 Jahre später, habe der Gemeindediakon aus Frankfurt an der Oder sich gemeldet. Er war bei den früheren Treffen dabei und wollte die Westler 2018 zu seiner Verabschiedung einladen. Das sei etwas kurzfristig gewesen, sagt Graupeter. Aber für den "Tag der Deutschen Einheit" im kommenden Jahr sei ein Treffen geplant.

Unterlagen bei der Stasi

Durch seine Besuche im Osten ist Graupeter auch mit der großen Politik in Berührung gekommen. Auf Anregung seiner Schwiegermutter hat er bei der Behörde für die Stasi-Unterlagen nachgefragt, ob es Akten über ihn gebe. Die schriftliche Antwort war verblüffend: Ja, es gebe Unterlagen, allerdings habe die CIA diese mit in die USA genommen. Da habe er schon ein mulmiges Gefühl gehabt, als er vor einigen Jahren seine Schwester in den Staaten besucht habe, sagt Graupeter.

Nie abgerissen waren seit 1949 die Kontakte zwischen den Kirchenleitungen in der Pfalz und in Anhalt. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe das Hilfswerk der pfälzischen Landeskirche eine Patenschaft für die in schweren sozialen und strukturellen Problemen steckende anhaltische Landeskirche übernommen, sagt Wolfgang Schumacher, Pressesprecher der Landeskirche.

Heute könne die pfälzische Landeskirche von den Schwestern und Brüdern in Anhalt lernen, wie man in der säkularen Welt auf den Traditionsabbruch reagiere, sagt Schumacher. Zudem basiere das pfälzische Konzept der Regionalisierung in der Zusammenarbeit von Kirchengemeinden auf Erfahrungen in Anhalt.

Klaus Koch und Florian Riesterer
(epd)

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