Die Berliner Kathedrale Sankt Hedwig ist der heiligen Hedwig von Schlesien geweiht
Kathedrale Sankt Hedwig
Erzbischof Heiner Koch
Erzbischof Heiner Koch

29.09.2018

Erzbistum Berlin sucht betroffene Opfer Nach Missbrauchsstudie

Nach den bekanntgewordenen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche sucht das Erzbistum Berlin nach betroffenen Opfern. Über Radio rief Erzbischof Koch dazu auf, sich zu melden, wenn man von Vorwürfen höre oder selbst betroffen sei.

"Wir hören weiterhin auf die, denen Unrecht geschehen oder schweres Leid zugefügt wurde", sagte Erzbischof Heiner Koch am Samstag in seiner Bischofskolumne im Rundfunk Berlin-Brandenburg. Und rief dazu auf: "Wenn Sie von Vorwürfen hören oder selbst betroffen sind oder waren, melden Sie sich, bitte."

Scham und Trauer

Zugleich drückte Koch erneut sein Bedauern und seine Entschuldigung gegenüber den Opfern aus. "Ich bin tief traurig, dass ich geschehenes und gesehenes Leid nicht ungeschehen machen und Wunden nicht heilen kann", so Koch. "Ich empfinde Scham, dass Taten verschleiert und Täter nicht angemessen zur Rechenschaft gezogen wurden, dass das Ansehen der Kirche über den Schutz der Opfer gestellt wurde. Dafür bitte ich die Betroffenen um Entschuldigung", betonte der Berliner Erzbischof weiter.

Die katholische Deutsche Bischofskonferenz hatte am vergangenen Dienstag eine von ihr in Auftrag gegebene Studie zu sexuellem Missbrauch an Minderjährigen durch Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige vorgestellt. Die Studie, die ein Wissenschaftler-Verbund aus Mannheim, Heidelberg und Gießen erstellt hat, ergab, dass zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3.677 Minderjährige Opfer sexuellen Missbrauchs wurden.

51 Beschuldigte im Erzbistum Berlin

In 38.000 durchgesehenen Akten fanden die Wissenschaftler Hinweise auf 1.670 beschuldigte Kleriker. Das Dunkelfeld ist nach ihren Angaben aber vermutlich viel größer. Für die Studie wurden Personalakten der 27 deutschen Bistümer ausgewertet.

Im Erzbistum Berlin seien für die Studie alle Akten von 1.401 Priestern bis zurück ins Jahr 1946 durchgesehen und Meldungen an die Forscher weitergegeben worden. 51 beschuldigte Personen seien identifiziert worden, von denen 28 verstorben seien. Die anderen Fälle seien gemäß den geltenden Richtlinien bearbeitet worden. 18 Fälle von Klerikern - die etwa zu einem anderen Bistum oder einer Ordensgemeinschaft gehörten - seien zur Prüfung der Zuständigkeit an die Clearingstelle in Bonn gegeben worden.

Koch: Verantwortung, "wo vertuscht wurde"

Für das Erzbistum Berlin übernehme Koch die Verantwortung, "wo vertuscht oder nicht angemessen mit Schuld umgegangen wurde, wo Menschen im 'System Kirche' das Offensichtliche nicht wahrhaben wollten oder systematisch weggeschaut haben". Strukturen und Rahmenbedingungen im Erzbistum sollten nun überprüft werden, inwieweit sie Missbrauch begünstigt oder ermöglicht haben, betonte Koch. Viele Maßnahmen zur Aufarbeitung und zur Prävention seien im Erzbistum Berlin bereits ergriffen worden. Weitere seien beschlossen.

Mit Blick auf den Zölibat sagte der Erzbischof: "Wir schauen aber auch sehr genau auf Zusammenhänge, die zwischen der priesterlichen Lebensform und den Fällen von sexuellem Missbrauch besonders an Minderjährigen bestehen. Wir werden uns fragen, wo in der zölibatären Lebensform Risiken liegen, wenn sie als Flucht vor der Wirklichkeit, aus Angst vor Beziehung oder aus fehlgeleiteter Sucht nach Status gewählt wird."

(epd)

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