Trierer Bischof Ackermann über Karl Marx und die Kirche

Katholische Antwort

Zum 200. Geburtstag von Karl Marx am 5. Mai wird in Trier eine Statue des Philosophen enthüllt. Im Interview spricht Bischof Ackermann über seinen Umgang mit Marx, den Sinn einer Monumentalstatue und die kirchliche Antwort auf den Kapitalismus.

 (DR)

KNA: Sie sind Bischof der Stadt, deren berühmtester Sohn Karl Marx vor 200 Jahren geboren wurde. Ist das für Sie nur eine Fußnote oder mehr?

Stephan Ackermann (Bischof von Trier): Trier wird national und international mit dem Namen verbunden. Insofern ist das nicht bloß eine Fußnote – auch wenn Karl Marx abseits des Jubiläums für die Bürger nach meiner Wahrnehmung eine nicht so starke Rolle spielt. Das ist natürlich für chinesische Touristen anders, die bewusst sein Geburtshaus aufsuchen. Marx ist zwar der bekannteste Sohn Triers, aber es gibt auch andere sozialpolitisch wichtige Persönlichkeiten, deren Namen mit Trier verbunden sind: der Vordenker der Katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Breuning, und der Kölner Kardinal Joseph Höffner, die beide an derselben Schule wie Marx Abitur gemacht haben, am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium.

KNA: Am 5. Mai wird in Trier eine Karl-Marx-Statue enthüllt, es ist ein kontrovers diskutiertes Geschenk der Volksrepublik China. Was halten Sie von dem fünfeinhalb Meter hohen Bronzedenkmal?

Ackermann: Über diese Statue gibt es selbstverständlich Diskussionen. Mit Karl Marx verbinden sich gewaltige politische Bewegungen; er war ein scharfsinniger Analytiker, aber zugleich haben viele seiner Ideen Unheil über Menschen gebracht. Es wäre für Trier leichter gewesen, hätte es schon ein Denkmal gegeben. Dann hätte es kein chinesisches Geschenk gebraucht. Nun wird Marx in heroischer Pose als Denker mit wehendem Mantel dargestellt. Die Statue ist nun aber da und fordert zur Auseinandersetzung heraus - das ist gut!

KNA: Kritiker verweisen auf die Menschenrechtslage in China. Wie sieht es dort für die wachsende Minderheit der Christen aus?

Ackermann: Sie leiden nach wie vor unter Bedrängnis und müssen Repressalien aushalten. Zu Jahresbeginn wurden einige Gesetze noch einmal verschärft: Minderjährige dürfen nicht zur Kirche gehen, Religionskurse für Jugendliche sind verboten, und online kann keine Bibel gekauft werden. Der Vatikan bemüht sich verstärkt um Dialog, aber es gibt rote Linien: Es dürfen keine Zugeständnisse gemacht werden, die die Christen, die im Untergrund ihrem Glauben treu geblieben sind, verraten.

KNA: Sie haben Nell-Breuning angesprochen. Er hat mit Blick auf den Kapitalismus gesagt: "Wir stehen alle auf den Schultern von Marx." Wie steht es sich auf diesen Schultern?

Ackermann: Diejenigen, auf deren Schultern man steht, mögen Riesen sein. Aber die, die oben drauf stehen, sehen weiter. Es ist richtig, dass Nell-Breuning gesagt hat: Man kann sich nicht mit Marx rühmen. Aber er ist zu respektieren. Die katholische Soziallehre hat sich stark in der Auseinandersetzung mit dessen Theorien entwickelt, sozusagen als die katholische Antwort darauf.

KNA: Als 1891 die erste Sozialenzyklika veröffentlicht wurde, war Marx tot. Warum hat die Kirche so lange gebraucht, bis sie Antworten auf die Soziale Frage geben konnte?

Ackermann: Die Kirche als ganze hat sicher auch wegen der religionskritischen Ideen, die damit einhergingen, länger gebraucht, um zu Antworten zu kommen. Aber es gibt Ausnahmen: Vor allem den Mainzer Bischof Ketteler, der die Katholische Arbeiterbewegung gegründet hat. Darüber hinaus sind im 19. Jahrhundert viele karitativ-sozial orientierte Orden entstanden. Im Bistum Trier waren das etwa die Waldbreitbacher Franziskanerinnen, die Barmherzigen Brüder oder die Schwestern vom Heiligen Geist in Koblenz. Sie sind auf ihre Weise eine kirchliche Antwort auf die Nöte der Zeit und haben auch in die Gesellschaft hinein gewirkt.

KNA: Für Papst Franziskus ist klar: "Diese Wirtschaft tötet." Steht auch er auf den Schultern von Marx?

Ackermann: Die Befreiungstheologie Lateinamerikas hat die Gesellschaftsanalyse von Marx stark aufgegriffen. Und der Papst ist von dieser Theologie geprägt. Ihm geht es vor allen Dingen darum, wirtschaftliche Systeme zu kritisieren, die Menschen systematisch von sozialer Teilhabe ausgrenzen und an den Rand drängen.

KNA: Das Bistum Trier zeigt zum Marx-Jubiläum die Ausstellung "Lebenswert Arbeit". Was macht für Sie lebenswertes Arbeiten aus?

Ackermann: Wir können mit einer Ausstellung des Bistums natürlich nicht in Jubelfeiern für Marx ausbrechen, wir wollen ihn auch nicht heiligsprechen, das ist völlig klar ...

KNA: Sie wollen auch nicht die Statue einsegnen?

Ackermann: Auch das nicht! (lacht) Aber ein solches Ansinnen wurde auch nicht an mich herangetragen. Wir wollen aus Sicht der Katholischen Soziallehre auf die Verhältnisbestimmung von Kapital und Arbeit schauen: Was sind gute und gerechte Arbeitsbedingungen? Wie stehen Mensch und Arbeit in Beziehung?

KNA: Haben Sie selbst Marx gelesen?

Ackermann: Schon zu Beginn meines Theologiestudiums haben wir uns mit Karl Marx als Religionskritiker und dem schon von Ludwig Feuerbach erhobenen Vorwurf beschäftigt, dass Gott und Religion letztlich vom Menschen erfundene Projektionen seien, die aber kein echtes Fundament in der Wirklichkeit haben. Mit diesem Verdacht muss sich der Glaube ernsthaft auseinandersetzen. "Das Kapital" habe ich nicht studiert. Aber ich lese gerade eine neue Marx-Biographie; das ist sehr anregend, weil man durch den Blick auf das Umfeld sein Denken besser versteht.

Von Michael Merten


So soll das zukünftige Denkmal von Karl Marx aussehen  / © Michael Merten (KNA)
So soll das zukünftige Denkmal von Karl Marx aussehen / © Michael Merten ( KNA )

Bischof Stephan Ackermann  / © Harald Tittel (dpa)
Bischof Stephan Ackermann / © Harald Tittel ( dpa )
Quelle:
KNA
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