Münster: ASB-Kräfte vom Rettungsdienst stehen mit anderen Gottesdienstbesuchern im Dom bei einem Trauergottesdienst.
Münster: ASB-Kräfte vom Rettungsdienst stehen mit anderen Gottesdienstbesuchern im Dom bei einem Trauergottesdienst.
NRW-Ministerin Föcking (l), Minister Laumann und Polizeipräsident Kuhlisch (r)
NRW-Ministerin Föcking (l), Minister Laumann und Polizeipräsident Kuhlisch (r)
Rettungssanitäterin im Trauergottesdienst in Münster
Rettungssanitäterin im Trauergottesdienst in Münster
Ein Notarzt beim Trauergottesdienst in Münster
Ein Notarzt beim Trauergottesdienst in Münster

09.04.2018

Münster trauert nach tödlicher Fahrt mit Campingbus Blumen, Kerzen und ein Gedenkgottesdienst

Es ist der Tag danach. Am Samstag raste ein 48-Jähriger mit einem Campingbus in eine Gruppe von Menschen, es gab Tote und Verletzte. Am Sonntag dann ist Gelegenheit, ausführlich zu trauern - zum Beispiel im Dom.

Münster trauert. Am Tag nach der Amokfahrt mit drei Toten in der City liegt trotz Sonnenscheins eine bleierne Schwere auf der Stadt. Die Straßencafes sind am Sonntag weitgehend leer. Nirgends ist einer der ansonsten allgegenwärtigen Straßenmusiker zu hören. Die Menschen sprechen mit leiser Stimme, wenn sie sich dem Tatort nähern.

Blumen und Kerzen am Kiepenkerl

Hier sind tagsüber noch rund 100 Polizisten im Einsatz. Sie sollen für Ordnung sorgen. Auch Dutzende von Presseleuten vieler europäischer Nationen haben Aufstellung bezogen. Vorsichtig bahnen sich immer wieder Bürger den Weg zum Kiepenkerl, jenem Platz in der beschaulichen Altstadt mit zwei Cafe-Restaurants, wo am Samstag das Unglück passierte. Viele Eltern mit halbwüchsigen Kindern sind darunter. Sie legen Blumen am Kiepenkerl ab und zünden Kerzen an.

Viele verharren in einigen Metern Abstand für ein paar Minuten in stillem Gedenken an die Opfer. "Die Kinder wollten her und Blumen bringen", sagt eine Mutter. Sie findet das richtig. Nächstenliebe könne man auch zeigen, findet sie.

Trauer und Anteilnahme

Ein aus Italien stammender Senior spricht vom "schwärzesten Tag in der Nachkriegsgeschichte Münsters". Er lebe seit 40 Jahren in dieser so friedlichen Stadt. "Blut habe ich hier noch nicht gesehen. Es ist schrecklich, wie soll das alles werden", sagt er mit Tränen in den Augen.

Am Mittag dann kommen Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und sein Innenminister Herbert Reul (beide CDU) an den Ort der Todesfahrt eines Campingbusses. Auch ihnen ist der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Zusammen mit Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) legen sie Blumen nieder und verharren still. Ein wenig abseits dann sagt Seehofer den Journalisten, er bete inständig für die Toten und die Verletzten.

Über den Täter

Es werde alles Menschenmögliche getan, um die Tat aufzuklären, versprechen die Politiker. Die Ermittler arbeiteten mit Hochdruck.m Allerdings könne es nie vollkommene Sicherheit in Deutschland geben.

Derweil erklären Polizei und Staatsanwaltschaft, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um einen politisch oder religiös motivierten Anschlag gehandelt habe. Der 48 Jahre alte mutmaßliche Täter sei ein Deutscher mit Wohnsitz in Münster und bereits mehrfach wegen kleinerer Vorfälle aufgefallen. Dass es sich anscheinend um häusliche Gewalt gehandelt habe, macht die Runde, und dass der Mann insgesamt vier Wohnungen - zwei in Münster, zwei in Sachsen - gehabt habe, die mittlerweile alle durchsucht worden sind.

Reaktionen in der Twitter-Welt

Was den einen ein wenig zur Beruhigung dient, ist anderen Anlass zu Kritik. So twittert der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, es sei ungerecht: Deutsche Täter seien psychisch gestört - muslimsche "islamistische" Terroristen. Er spricht von einem Doppelstandard-Diskurs seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA. Der Publizist Andreas Püttmann schreibt fast zeitgleich: Sei es ein Muslim, fühle man sich bestätigt. Sei es keiner, hätte es aber einer sein können, sei man wieder bestätigt. Aus der "Wahnwelt des Islamhasses" gebe es keine Ausgangstür.

Im Rathaus liegt seit Sonntag ein Kondolenzbuch aus. Seehofer, Laschet, Reul und Lewe tragen sich nach dem Besuch am Tatort dort ein. Zahlreiche Münsteraner folgen ihnen am Nachmittag.

Gottesdienst im Dom

Trauer und Solidarität zeigen sich dann am Abend in einem beeindruckenden ökumenischen Gottesdienst im Dom, zu dem rund 1.600 Münsteraner und Gäste gekommen sind. Politik-Prominenz ist wieder darunter wie etwa Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann und seine Kabinettskollegin Landwirtschaftsministerin Schulze-Föcking (alle CDU).

Bischof Felix Genn gibt in seiner Predigt der Hoffnung Ausdruck, dass die Frage nach dem "Warum?", die auf einem Schild das Blumenmeer am Ort des Geschehens überragt, ausgehalten werden kann. Auch Christen hätten keine Antwort auf diese Frage. Aber sie hätten die Hoffnung, dass die Verlassenheit von Gott nicht andauere.

Das Kirchenlied "Von guten Mächten wunderbar geborgen" und Hunderte von den Besuchern entzündete Kerzen, die das Mitgefühl mit den Opfern symbolisieren, tragen das Gefühl von Hoffnung und Solidarität am Ende auf den Domplatz. Am Unglücksort 50 Meter daneben wächst das Blumenmeer.

 

Johannes Schönwälder
(KNA)

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