Sankt-Hedwigs-Kathedrale in Berlin
Hedwigs-Kathedrale in Berlin
Wolfgang Thierse
Wolfgang Thierse

05.04.2018

Thierse verteidigt Umbau der Berliner Hedwigskathedrale "Keinen West-Ost-Streit inszenieren"

Der bevorstehende tiefgreifende Umbau der Berliner Sankt-Hedwigs-Kathedrale erhitzt die Gemüter weit über Kirchenkreise hinaus. Nun verteidigt Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse das Projekt nachdrücklich.

Die Würfel sind eigentlich längst gefallen: Am 1. November 2016 hatte Erzbischof Heiner Koch seine Entscheidung bekanntgegeben, die Berliner Sankt-Hedwigs-Kathedrale im Innern tiefgreifend umzubauen.

Mit Rückendeckung fast aller Spitzengremien des Erzbistums war es die entscheidende Weichenstellung für ein Projekt, das Kochs Amtsvorgänger, Kardinal Rainer Maria Woelki, 2013 eingeleitet hatte. Die Genehmigung durch die Berliner Senatskulturverwaltung, wenn auch mit massiven Bedenken aus Sicht des Denkmalschutzes, machte im Februar den Weg frei für den Umbau.

Kritik reißt nicht ab

Doch die Kritik daran reißt nicht ab. Denkmalpfleger und Katholiken vor allem aus dem früheren Ostteil des Erzbistums wenden sich insbesondere dagegen, dass die zentrale Bodenöffnung mit Freitreppe zur Unterkirche geschlossen wird. Sie führt zu den Gräbern der Berliner Bischöfe sowie des seliggesprochenen Dompropsts und Hitler-Gegners Bernhard Lichtenberg.

Dieses Raumkonzept wurde vor rund 60 Jahren beim Wiederaufbau der kriegszerstörten Kathedrale angelegt. Der Umbauentwurf sieht vor, anstelle der Bodenöffnung den Altar ins Zentrum des Rundbaus zu rücken.

Kritiker wie der frühere sächsische Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer brachten vor, in ihrer jetzigen Form sei die im Osten Berlins stehende Kathedrale ein "gesamtdeutsches Symbol". Ihren Wiederaufbau bis 1963 habe Hans Schwippert geleitet, "einer der bedeutendsten Architekten der Bundesrepublik", betonte der frühere Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. "Wir Katholiken im Ostteil der Stadt waren stolz auf diese Neuschöpfung der Kathedrale."

Auch seine kirchenfernen Kollegen an der Humboldt-Universität seien "von diesem Zeugnis zeitgenössischer Architektur tief beeindruckt" gewesen, schrieb Meyer. Katholiken aus dem Westen treten dagegen zumeist für den Umbau ein, deshalb ist immer wieder von einem innerkirchlichen Ost-West-Konflikt die Rede.

Thierse verteidigt Umbau

Nun hat sich ein prominenter Ost-Katholik als vehementer Verteidiger des Umbaus zu Wort gemeldet. Er halte absolut nichts davon, die Kathedrale "im Nachhinein zu einem Denkmal des Ost-West-Gegensatzes zu machen und heute deshalb einen West-Ost-Streit zu inszenieren", betont der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in einem Interview der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt" (Donnerstag). Für Katholiken in der DDR seien die Gemeinden als Orte der Solidarität wichtiger gewesen als Kirchengebäude.

Zwar äußert Thierse Verständnis für die Idee, dass durch die Öffnung zur Krypta der dort bestattete Märtyrer Lichtenberg "im Gedächtnis bleibt". Wichtiger sei jedoch, "einen Kirchenraum als Ort der Eucharistie, der Liturgie zu verstehen und unter diesem dominanten Gesichtspunkt zu gestalten".

Er sei dagegen, "einen Kirchenraum gewissermaßen zu musealisieren, ihn ausschließlich als Denkmal zu behandeln". Überdies sei die Kathedrale in ihrer 245-jährigen Geschichte bereits "mehrfach umgebaut und den jeweiligen Anforderungen angepasst worden", betont Thierse, der in der Jury des Architektenwettbewerbs mitentschied.

Ab September zum Umbau geschlossen

Der SPD-Politiker weist den Verdacht zurück, dass "die Geschmacksentscheidung bestimmter Kleriker maßgeblich war". Es habe ein ordnungsgemäßes Juryverfahren mit langen und intensiven Debatten gegeben. "Man sollte also nicht mit Unterstellungen arbeiten, irgendetwas sei autoritär verfügt oder gemauschelt worden."

Auch wendet Thierse sich gegen die Kritik daran, dass das Umbauprojekt insgesamt mindestens 60 Millionen Euro kosten dürfte.

Sie sei "unseriös, weil es sich jederzeit und gegen jede Kulturanstrengung in Stellung bringen lässt". Thierse warnt überdies vor Forderungen an die Kirche, aus Bauskandalen wie dem Limburger Bischofshaus die Konsequenz zu ziehen, "sich nicht mehr um Erhalt und Modernisierung von Kirchengebäuden zu kümmern". Dann wäre die Alternative, wie in Frankreich den Staat damit zu belasten, "was keine den Steuerzahler überzeugende Lösung sein dürfte".

Dass Thierses Argumente die Kritiker zum Verstummen bringen, ist nicht zu erwarten. Fest steht indes, dass die Kathedrale ab September für mehrere Jahre für den Umbau geschlossen wird.

Gregor Krumpholz
(KNA)

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