15.02.2018

Lehren aus Essener Studie zu Kirchenaustritten "An der Identität arbeiten"

Warum treten Katholiken aus der Kirche aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Bistum Essen schon länger. Nun fasst ein Buch die Ergebnisse zusammen. Die Empfehlung der Autoren: Am Image der Kirche intensiv arbeiten.

DOMRADIO.DE: Man könnte denken, dass die Menschen aus der Kirche austreten, weil sie Kirchensteuern sparen wollen. Doch so einfach ist das nicht, oder?

Thomas Rünker (Stabsabteilung Kommunikation im Bistum Essen und Mitherausgeber des Buches "Kirchenaustritt - oder nicht? Wie Kirche sich verändern muss"): Nein. Unsere Kirchenaustrittstudie hat gezeigt, dass das Thema Kirchensteuer bei den Kirchenaustritten nicht der wesentliche Grund ist. Es gibt zwar einen Zusammenhang zwischen Kirchenaustritten und Kirchensteuer, aber wir sehen das eher so, dass die Kirchensteuer oft der Auslöser ist. Viele Menschen, die ausgetreten sind, sagen uns, sie seien wegen der Kirchensteuer ausgetreten. Aber wenn man dann doch noch einmal tiefer nachfragt - was unsere Wissenschaftler getan haben - dann stellen sich ganz andere Ursachen und Gründe heraus. Da geht es meistens um Themen wie Entfremdung und fehlende Bindung.

DOMRADIO.DE: Was heißt in diesem Zusammenhang Entfremdung?

Rünker: Das heißt, in der Darstellung der Menschen, die beispielsweise bei uns in dem Buch als Interviewpartner vorkommen, dass sie einfach über Jahre keinen Kontakt zu einer Kirchengemeinde oder zur Kirche insgesamt hatten. Das kann man sich dann wie bei einer menschlichen Beziehung auch vorstellen, dass sich die Partner irgendwann entfremden, man nichts mehr voneinander wissen möchte und man sich dann verlässt.

DOMRADIO.DE: In Ihrem Buch empfehlen Sie deshalb, sich auch den Katholiken zuzuwenden, die eben nie zur Messe gehen und auch sonst keine sonst keine kirchlichen Angebote nutzen. Wie kann man sich diesen Menschen denn wieder zuwenden?

Rünker: Wir glauben, dass dies sehr behutsam gehen muss. Es ist ja so, dass diese Menschen aus ihrer Sicht aus guten Gründen nicht an unseren Angeboten teilnehmen, selten in die Kirche gehen oder auch sonst kaum Möglichkeiten von uns nutzen. Von daher gibt es die paradoxe Situation, dass wir zwar viele Mitglieder in unserer Kirche haben, aber nur sehr wenige davon unsere Kernangebote nutzen. Deshalb glauben wir, dass man sich diesen Menschen, die mit ihrer Kirchensteuer unsere Kirche finanzieren, sehr behutsam nähern muss. Bei uns im Bistum Essen tun wir das schon seit einigen Jahren. Wir haben ein Mitgliedermagazin "Bene", das fünf Mal im Jahr jedem katholischen Haushalt zugeschickt wird, wo wir als Bistum versuchen, eine Brücke zu bauen und den Menschen zu signalisieren, dass sie Mitglied in unserem Bistum sind und wir an sie denken.

DOMRADIO.DE: Sie haben auch untersucht, welche finanziellen Folgen die Kirchaustritte für die Kirche haben und die sind durchaus dramatisch, oder?

Rünker: In der Tat. Ich möchte betonen, dass die finanzielle Sichtweise, die wir als eine von vielen Sichtweisen in diesem Buch präsentieren, eben auch nur eine Sichtweise ist. Natürlich ist es genauso relevant, auf die pastorale Sicht zu schauen. Aber die finanzielle Sichtweise ist insofern wichtig, weil wir darstellen können, wie existentiell relevant das Thema Kirchenaustritte für unsere Organisationsform von Kirche ist. Wenn man sich überlegt - und das ist zumindest die Annahme bei uns im Bistum Essen -, dass jeder Mensch, der aus der Kirche austritt und das meistens Arbeitnehmer sind, ungefähr 500 Euro im Schnitt an Kirchensteuer spart und uns dieses Geld entsprechend als Kirche fehlt. Dann sind das bei 4.300 Kirchenaustritten, die wir hier im vergangenen Jahr hatten, rund zwei Millionen Euro, die der Kirche fehlen, um damit beispielsweise Kindertagesstätten zu bauen oder zu betreiben, Gottesdienst zu organisieren und ähnliches zu machen. Und das nur in einem Jahr.

DOMRADIO.DE: In einem Kapitel Ihres Buches heißt es auch, Kirche gelte sogar bei vielen konservativen Katholiken als zu rückschrittlich. Kirche passe nicht gut in die heutige Zeit, heißt es da. Was hilft denn? Abschaffung von Zölibat und Frauen als Priesterinnen? Das wird wahrscheinlich so bald nicht passieren. Was tun also?

Rünker: Die großen Reizthemen unserer Kirche sind - das hat unsere Studie auch gezeigt - nicht alleinige Austrittsmotive. Kaum jemand tritt wirklich aus, weil es den Zölibat gibt oder weil keine Frauen zu Priesterinnen geweiht werden. Aber das Image ist tatsächlich ein großes Thema. Da empfiehlt die Studie sehr klar, wenn die Kirche Austritte verhindern will, dann muss sie an diesem Image, aber nicht nur an der Verpackung, sondern auch an ihrer Identität arbeiten. Da geht es tatsächlich ganz konkret um die Frage, wie wir uns als Kirche Homosexuellen gegenüber verhalten oder wie wir uns gegenüber wiederverheiratet Geschiedenen verhalten.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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