Generalvikar Klaus Pfeffer
Klaus Pfeffer

29.12.2017

Ruhrbistum Essen wird 60 Jahre Wandlungsgeschichte miterlebt

Vor 60 Jahren brummten noch die Zechen im Ruhrgebiet, da bildete sich das Ruhrbistum. Seidem hat sich in der Region viel verändert. Zum Jubiläum blickt Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer, auf sechs Jahrzehnte voller Wandlungen zurück. 

DOMRADIO.DE: Was macht das Bistum Essen als "Ruhrbistum" denn so besonders?

Klaus Pfeffer (Generalvikar Bistum Essen): Es ist geprägt von der Region des Ruhrgebietes. Wobei damals in der Zeit vor der Gründung sogar geplant war, tatsächlich ein reines Ruhrgebietsbistum zu bilden. Man wollte dem Ruhrgebiet auch durch die Kirche eine eigene Identität verleihen. Das ist für die Menschen im Ruhrgebiet immer schon wichtig gewesen und ist auch heute noch ein großes Ziel. Das ist damals dann nicht so ganz gelungen, weil sich die Mutterbistümer darüber gestritten haben, ob sie die großen Städte an ein neues Bistum abgeben wollten. Das waren ja damals alles blühende Industriestädte, die natürlich auch für gute Kirchensteuereinnahmen sorgten. Und so ist es dann ein Mischbistum geworden, die eine Hälfte ist ein Teil des Ruhrgebietes und die andere Hälfte das Sauerland und ein kleiner Teil des Bergischen Landes.

DOMRADIO.DE: Gibt es denn noch diese Arbeiterseelsorge in der Industrieregion?

Pfeffer: Die Arbeiterseelsorge war ein hehres Ziel von Bischof Hengsbach. Es ist allerdings auch damals schon nicht wirklich gelungen, die arbeitende Bevölkerung scharenweise in die Kirche zu holen. Aber es ist schon gelungen, ein Kirche zu entwickeln, die versucht, sehr nahe bei den Menschen im Ruhrgebiet insgesamt zu sein. Das sind ja nicht alles nur Arbeiter, die hier leben. Ich glaube, wir kommen der Mentalität des Ruhrgebietes sehr nahe. Wir sind eine sehr bodenständige Kirche.

DOMRADIO.DE: Jetzt steht das Bistum vor großen Herausforderungen: Kirchen müssen geschlossen werden, die Bevölkerungszusammensetzung der Region verändert sich. Wie sieht die Zukunftsstrategie aus?

Pfeffer: Der Umgang mit der Zukunft entspricht dem, was wir aus der Vergangenheit und unserer Geschichte gelernt haben. Das Ruhrbistum ist ja die gesamte Wandlungsgeschichte des Ruhrgebietes mitgegangen. Man darf nicht übersehen: Gerade in diesem runden Geburtstagsjahr des Bistums schließt die letzte Zeche des Ruhrgebietes. Das macht noch einmal diesen radikalen Wandel deutlich. Vor 60 Jahren brummten die Zechen noch in dieser Region, sie war von Kohle und Stahl geprägt. Das ist definitiv zu Ende. Das gleiche gilt auch für unsere Kirche. Wir sind nicht mehr die Volkskirche, die wir in den 1950er und 60er Jahren waren und von der Bischof Hengsbach und diejenigen, die mit ihm das Bistum aufgebaut haben, träumten, dass sie immer so bleiben könnte und sogar noch größer würde. Sondern wir sind eine Kirche in eine globalen, großstädtisch geprägten Gesellschaft geworden, wo die Menschen sehr frei und individuell leben. Hier gilt es, eine kleine Kirche zu sein, in der die Mitglieder aus Überzeugung Christen sind. In der die Menschen versuchen, der Welt um sie herum und den nachfolgenden Generationen ihren Glauben anzubieten - aber eben anders, als das zu volkskirchlichen Zeiten der Fall gewesen ist.

DOMRADIO.DE: Was steht denn im Jubiläumsjahr besonderes an?

Pfeffer: Es ist zum Beispiel als kleiner Akzent eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela geplant. Für uns steht das Jubiläum aber gar nicht so im Mittelpunkt. 60 Jahre sind - kirchengeschichtlich gesprochen - ja nicht wirklich eine Größe. Wir befinden uns insgesamt in einem großen Veränderungsprozess, wir sind seit dem Dialogprozess von 2011 dabei, uns tatsächlich über die Frage Gedanken zu machen, wie wir denn Kirche sein wollen in den kommenden Jahrzehnten.
Da laufen derzeit viele experimentell angelegte Projekte, mit denen wir versuchen, das entstandene Zukunftsbild auch umzusetzen. In diesem Rahmen wird es ein großes Zukunftsforum im April geben, wo wir die Erfahrungen der sehr unterschiedlichen Projekte auswerten wollen. Natürlich beschäftigen die Gläubigen auch die Pfarreientwicklungsprozesse, mit denen wir uns versuchen auf die Zeit einzustellen, in der die Kirchensteuer nicht mehr so ergiebig sein wird wie in den vergangenen Jahrzehnten. Wir müssen uns einerseits kleiner setzen, andererseits aber auch schauen, wie wir Kirche sein können wirklich für die Menschen in zehn oder 20 Jahren. Das wird eine ganz andere Art von Kirche sein.

Das Interview Verena Tröster.

(DR)

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