Regensburger Dom im Nebel
Regensburger Dom im Nebel

28.09.2017

Historiker erforscht Geschichte der Domspatzen in der NS-Zeit Zwischen Hitlerjugend und Kirchenchor

Nach dem Missbrauchsskandal stellen sich die Regensburger Domspatzen einem weiteren dunklen Kapitel ihrer Vergangenheit. Ein Historiker hat erforscht, wie die Singknaben in der NS-Zeit zum Spielball vieler Mächte wurden.

1933 ist ein aufregendes Jahr für die Regensburger Domspatzen: Erstmals singen sie in Rom vor dem Papst, und erstmals vor Adolf Hitler. Der Reichskanzler lädt sie 1936 zu einer Art Privatbesuch auf den Obersalzberg ein. Danach öffnet er großzügig seinen Geldbeutel und lässt dem Internat des Chores bis 1945 jährlich einen stattlichen Betrag zukommen. Zu Propagandazwecken werden in dieser Zeit von den Nazis auch andere Ensembles wie die Thomaner in Leipzig vereinnahmt, ein "Führer-Zuschuss" fließt aber nur für die jungen Sänger in Regensburg.

Woher diese besondere Zuwendung Hitlers rührt, vermag der Regensburger Historiker Roman Smolorz nicht zu sagen. Der Reichskanzler habe sich dazu, soweit bekannt, nie geäußert, sagt er am Donnerstag vor Journalisten. Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Regensburg hat im Auftrag des Vereins der Freunde des Regensburger Domchors untersucht, wie es dem Chor zwischen 1933 und 1945 erging.

Chorgewand und braunes Hemd 

Mit Blick auf die Schlagzeilen der jüngeren Vergangenheit drängt sich der Eindruck auf, dass die traditionsreiche Einrichtung nach dem Missbrauchsskandal nun auch noch bei einem anderen dunklen Kapitel der 1.000-jährigen Geschichte reinen Tisch machen will: Als die jungen Sänger bisweilen ihr Chorgewand gegen ein braunes Hemd tauschen mussten.

Zu dem Thema gibt es in Regensburg schon länger eine kontroverse Debatte und eine Reihe kleinerer Veröffentlichungen. Smolorz hatte offenbar erstmals die Gelegenheit zu intensiver Recherche in kirchlichen und staatlichen Archiven. Das Ergebnis lässt sich nun auf 216 Seiten nachlesen. Der Wissenschaftler beleuchtet die Motive der Handelnden aufseiten von Kirche, Staat und Partei sowie die Rolle der Eltern. Außerdem analysiert er Finanzströme und Abhängigkeiten in einem komplexen Beziehungsgeflecht unter den Bedingungen einer Diktatur.

Opportunistischer Domkapellmeister

Ausführlich befasst sich Smolorz mit der Rolle des damaligen Domkapellmeisters Theobald Schrems: ein musikalisch hoch qualifizierter, ehrgeiziger Tonkünstler, der vor allem seinen Chor - und damit auch sich selbst - berühmt machen will. Schrems erscheint als ein "opportunistischer Spieler seiner Zeit". Geschickt versteht es dieser, zwischen den beiden Auftraggebern Kirche und Staat zu balancieren und dabei auch noch eigene Ziele zu verfolgen.

Als ein zentrales Mittel zu diesem Zweck gelten ihm möglichst viele Auftritte außerhalb der Kirche und Auslandsreisen. Das lässt ihn - aus heutiger Sicht - erstaunliche Zugeständnisse an die Nazis machen.

So können die Domspatzen 1939 sogar an einem antiklerikalen Propagandafilm von Veit Harlan mitwirken, was im katholischen Deutschland für helle Empörung sorgt. Der Regensburger Bischof Michael Buchberger muss daraufhin viele Entschuldigungsbriefe schreiben, sein Verhältnis zu Schrems kühlt ab, er lässt ihn aber nicht fallen.

Renommee aus der NS-Zeit

Eine weitere Hauptperson in der Abhandlung ist der Regensburger NS-Funktionär Martin Miederer, der 1935 im Zuge der Gleichschaltung an die Spitze des Domchorvereins gelangt. Dieser verfolgt eigene Karrierepläne, mit Schrems verbindet ihn jedoch die Idee zur Gründung eines eigenen Musikgymnasiums. Das Zweckbündnis hält ein paar Jahre, dann kommt es zum Zerwürfnis, weil Miederer versucht, im Rahmen einer Reise nach Südamerika 1937 beim Chor die Autorität von Schrems zu untergraben. Später intrigiert Miederer heftig gegen diesen, es gelingt ihm aber nicht nachhaltig, dessen Stellung zu erschüttern.

Schrems bleibt bis Kriegsende und darüber hinaus der starke Mann bei den Domspatzen. Nach einer kurzen Debatte um eine möglicherweise zu große Nähe seines Chores zu den Mächtigen des "Dritten Reiches" kann er seine Karriere ungehindert fortsetzen. Die Domspatzen haben mit staatlicher Unterstützung in der NS-Zeit ihr internationales Renommee gemehrt. Darauf lässt sich aufbauen. Den Anteil von Hitlers Protektion daran kehrt Schrems nun unter den Tisch. Weil es nicht mehr opportun ist.

 

Christoph Renzikowski
(KNA)

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