Vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen
Vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen
Pater Franz Moldan, Flüchtlingsbeauftragter der katholischen Pfarrei Herz Jesu in Rostock
Pater Franz Moldan, Flüchtlingsbeauftragter der katholischen Pfarrei Herz Jesu in Rostock

22.08.2017

25 Jahre nach Lichtenhagen - Eine Stadt im Wandel "Rostock ist nicht so"

Vor 25 Jahren wurde Rostock-Lichtenhagen durch schwere rassistische Ausschreitungen deutschlandweit bekannt. Neonazis attackierten damals ein Asylbewerberheim. Spiritanerpater Franz Moldan blickt im domradio.de-Interview zurück.

domradio.de: Wenn Sie diese Bilder von damals in den Nachrichten sehen, was geht Ihnen dann durch den Kopf?

Pater Franz Moldan (Flüchtlingsbeauftragter der katholischen Pfarrei in Rostock): Ich bin heute Morgen noch einmal an den sogenannten Sonnenblumenhäusern vorbeigefahren. Rostock ist anders, als es damals in der Presse entsprechend dargestellt wurde. Ich habe auch heute noch jemanden getroffen, der selber dabei war, der selber als Anwohner in der Nähe war und der auch den Vietnamesen damals in den Sonnenblumenhäusern geholfen hat herauszukommen. Wahrscheinlich ist durch die Zivilcourage kein Mensch zu Schaden gekommen, in dem Sinne, dass jemand sterben musste oder verletzt wurde. Gott sei Dank!

domradio.de: Sie waren damals noch nicht vor Ort und haben es nicht persönlich miterlebt. Sie sind erst seit knapp sieben Jahren in Rostock. Sie haben schon angedeutet, dass es heute anders ist. Wie erleben Sie das jetzt?

Pater Moldan: Also es geht den Leuten insofern nach, dass Sie sich dessen bewusst sind, dass über sie im negativen Sinne in ganz Deutschland berichtet wurde. Man will nun bewusst zeigen: Wir sind anders. Wir sind nicht so, wie wir dargestellt wurden. Das ist auch immer in allen Gesprächen zu hören, aber auch ganz konkret in den Taten.

Wenn ich zwei Jahre zurückdenke, als der Flüchtlingsstrom gerade hier durch Rostock nach Skandinavien ging, gab es überall Menschen, die von sich aus die Leute willkommen geheißen haben. Die haben entsprechend geholfen, Fährverbindungen nach Skandinavien zu bekommen. Auch jetzt wird hier in der Stadt den Flüchtlingen geholfen – sei es durch Kleiderspenden, Patenschaften oder Möbelspenden. Man findet kaum jemanden, der sich irgendwie negativ über die Flüchtlinge äußert.

domradio.de: Eine Hilfsbereitschaft ist also in Rostock vorhanden. Spielen denn diese Vorkommnisse von vor 25 Jahren eine Rolle? Ist das ein Thema? Sprechen die Menschen darüber und sagen, wir sollten uns besonders bemühen?

Pater Moldan: Ja, genau darum geht es. Es wird immer wieder darauf verwiesen: Wir sind nicht so und wir zeigen auch allen, dass wir nicht so sind. Über die Vorkommnisse des letzten Jahres und diesen Jahres im restlichen Ostdeutschland ist man ganz und gar nicht glücklich. Man lehnt es total ab, was da passiert ist. Ich sehe hier den gesamten Kreis Rostock und Güstrow, für den ich zuständig bin und auch auf dem Lande, dass es überall eine "Willkommenskultur" im wahrsten Sinne des Wortes gibt. Man will "Rostock-Lichtenhagen" vergessen machen, indem man genau das Gegenteil von dem tut, was vorher war.

domradio.de: Das heißt, Neonazis und Anti-Flüchtlingsschmierereien sehen Sie in Rostock nicht?

Pater Moldan: Habe ich bisher keine gesehen.

domradio.de: Wie wird sich die Stadt an diese schlimmen Tage Ende August 1992 erinnern?

Pater Moldan: Es gibt verschiedene Veranstaltungen wie eine Ausstellung oder eine Podiumsdiskussion. Dann gibt es eine Veranstaltung mit dem Sprecher der Sinti und Roma hier in Deutschland. Wir sind von der Kirche her über den interreligiösen Dialogkreis insgesamt an verschiedenen Veranstaltungen beteiligt.

domradio.de: Gibt es etwas, was in Ihren Augen die beste Prävention wäre, damit sich so etwas wie damals nicht wiederholen kann?

Pater Moldan: Als Prävention gibt es nur eins: Aufklären und vor allem die Leute mit den Flüchtlingen zusammenzubringen und sie nicht in irgendwelche Wohnheime wegzusperren. Das ist das Beste. Das Fremde wird dann nicht mehr fremd bleiben, sondern wird dann etwas Gewohntes sein und gewohnt werden. Dann ist auch die Integration gelaufen und wir brauchen uns nicht mehr besonders anstrengen. Sobald wir Leute hinter irgendwelchen Mauern verschließen - und das wird bei manchen so empfunden, wenn sie in Heimen untergebracht sind -, gibt es immer wieder diese Ghettobildung.

Das ist auch der Nährboden für all das Negative, was wir im Hinblick auf den Islamismus erleben. Es gibt nur eins: Immer wieder offen und frei mit den Leuten umgehen, dann werden wir auch das Problem Rassenhass und auch auf religiöser Seite den Hass überwinden können. Anders geht es nicht. Vielleicht noch eine andere Sache: Mit vielen Dingen, die so passieren, müssen wir etwas zurückhaltender umgehen, was die Presse angeht. Vieles wird erst dadurch interessant, dass es aufgeputscht wird und nach außen anders dargestellt wird, ohne dass man wirklich über den Hintergrund berichtet hat.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(dr)

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