Symbolbild Kirchenaustritt
Symbolbild Kirchenaustritt

09.06.2017

Zwischenergebnis zur Studie über Kirchenaustritte und Verbleib Geld ist oft nur letztes Motiv

Um mehr über Kirchenaustrittsgründe zu erfahren, hat das Bistum Essen eine Studie in Auftrag gegeben. Sie soll auch klären, was Katholiken dazu motiviert, in der Kirche zu bleiben. Ein erstes Zwischenergebnis liefert Studienleiter Ulrich Riegel.

KNA: Sie und ihre Kollegen Tobias Faix und Thomas Kröck vom Kasseler Forschungsinstitut "empirica für Jugendkultur und Religion" haben eine Online-Umfrage des Bistums Essen zum Thema Kirchenverbleib- und -austritt ausgewertet. Was ist dabei herausgekommen?

Ulrich Riegel (Religionspädagoge an der Universität Siegen): An der im März gestarteten Online-Umfrage haben sich rund 3.000 Personen aus dem Ruhrgebiet beteiligt, darunter 305 Ausgetretene. Zusätzlich haben wir rund 40 Einzelinterviews geführt. Dadurch haben wir ein gutes Stimmungsbild gewonnen. Und es kam ein ganzes Bündel an Motiven zutage.

KNA: Was sind denn die Hauptgründe, der Kirche den Rücken zu kehren?

Riegel: Eine große Gruppe nannte die Kirchensteuer, das Erscheinungsbild der Kirche oder eine unzeitgemäße Haltung der Kirche. Weitere Motive sind Skandale, die Ablehnung moralischer und besonders sexualethischer Positionen der Kirche oder das katholische Frauenbild. Der Hauptgrund aber dürfte sein, dass viele Menschen gar keine Bindung zur Kirche aufgebaut oder diese verloren haben. Ein Drittel der Befragten und damit die meisten gaben dies an. Da ist also gar keine Beziehung (mehr) vorhanden - und bei einem persönlich enttäuschenden Erlebnis oder einer höheren Kirchensteuer erfolgt dann der Austritt.

KNA: Dann ist der Kirchenaustritt nicht an ein einmaliges Ereignis gebunden, sondern ein sich länger hinziehender Prozess?

Riegel: Genau. Dem Austritt geht meist ein längerer Prozess der Entfremdung voraus. Es greift viel zu kurz, die Abwendung von der Kirche etwa nur an der Kirchensteuer festzumachen. Das Geld ist oft nur ein letztes und auslösendes Motiv, sich von der Kirche abzuwenden.

KNA: In welchem Alter beginnt denn die Entfremdung?

Riegel: Die meisten werden ja als Kind durch eine Entscheidung der Eltern Kirchenmitglied und erleben dann Erstkommunion und Firmung in den katholischen oder die Konfirmation in den evangelischen Gemeinden. Danach, also noch in der Teenager-Zeit, kommt dann oft der Bruch. Dieser wird befördert, wenn Firm- oder Konfirmationskurs dilettantisch abliefen. Viele Jugendlichen erleben sich in einem Club, der in der Gesellschaft ziemlich mies und antimodern rüberkommt - mit dem möchte man dann auch nichts mehr zu tun haben.

KNA: Die eigene Hochzeit am Altar oder die Taufe des ersten Kindes - viele Menschen wollen doch auf kirchliche und stimmungsvolle Feste an Lebenswenden nicht verzichten und scheuen den Austritt aus der Kirche.

Riegel: Das hält auch noch viele in der Kirche. Es ist wie eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Wenn der Preis nicht zu hoch ist, bleibt man drin. Wenn jedoch die Kosten steigen, und das können neben der Kirchensteuer auch persönliche Enttäuschungen sein, kündigt man die Mitgliedschaft.

KNA: Welche Erkenntnisse haben Sie noch aus den Tiefen-Interviews gewonnen?

Riegel: Einige Befragten meinten, dass sie mit ihrem Austritt endlich mal ein Zeichen des Protestes setzen und die Kirchenverantwortlichen dazu bewegen, mit ihnen über die Gründe zu reden. Hier könnte sich eine Chance für die Kirche auftun, mit Ausgetretenen ins Gespräch zu kommen.

KNA: Muss die Kirche ihre Sexualmoral ändern, um ihren Relevanzverlust in der Gesellschaft zu stoppen?

Riegel: Zumindest muss sie über das Thema einmal ganz anders reden. Bei den Ausgetretenen - und wohl auch vielen anderen Menschen - kommt an: "Du musst diese Norm erfüllen" oder "Du darfst keinen Spaß haben". Da kommt von der frohen Botschaft, die die Kirche verkündigen will, nicht so viel rüber.

KNA: Was hält denn Menschen in der Kirche?

Riegel: Kirche ermöglicht mir ein Glaubensleben in Gemeinschaft, sie bietet mir Anregungen und Räume für meinen Glauben, sie ist meine religiöse Familie, sie bestärkt mich im Glauben - so oder so ähnlich lauten die Antworten der Menschen, die eine Bindung zur Kirche verspüren. Für mich heißt das: Gottesdienste sind die zentralen Angebote der Kirche. Diese heiligen Kühe darf die Kirche nicht anfassen, sondern sie muss die Liturgie gut gestalten. Die enge Bindung zur Kirche schließt übrigens ein kritisches Verhältnis zu ihr nicht aus.

KNA: Können Sie ein Beispiel nennen?

Riegel: In unseren Interviews sagte ein Mann: "Ich bin total dabei, aber ich habe viele Punkte der Kritik." Und dann zählte er die bekannten  kirchlichen Reizthemen auf: Zölibat, Umgang mit Homosexualität, Kirchenfinanzen, Stellung der Frau bei den Katholiken... Eine befragte Frau trat aus denselben Gründen aus, besucht aber weiterhin den Gottesdienst in einer Gemeinde, in der der Pfarrer verständnisvoll mit diesen Reizthemen umgeht, und singt dort sogar im Kirchenchor. Als Nicht-Mitglied besteht also doch noch eine gewisse Bindung zur Kirche - auch das gibt es. Aber hier müssen wir noch weiter forschen. Deshalb haben wir eine weitere Befragung unter dem Link www.kirchenstudie.de aufgelegt.

KNA: Worum geht es da?

Riegel: Mit der vorliegenden Studie können wir verstehen, warum Menschen die Kirche verlassen. Das ist aber höchstens die halbe Miete. Wie gesagt: Viele Menschen verbleiben in der Kirche aus unterschiedlichen Gründen. Manche engagieren sich in einer Pfarrei, manche kommen ab und zu im Sonntagsgottesdienst vorbei, manchen geht es nur um Taufe, Erstkommunion und Hochzeit. Mit der Kirchenstudie wollen wir besser verstehen, wie diese Menschen religiös ticken, was sie in punkto Glaube untereinander verbindet und/oder unterscheidet und was sie religiös mit Ausgetretenen gemeinsam haben oder eben von diesen trennt. Wir würden uns freuen, wenn bei unserer Kirchenstudie Mitglieder der evangelischen und der katholischen Kirche sowie Ausgetretene mitmachen.

Das Interview führte Andreas Otto.

(KNA)

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