Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers zu ersten 100 Tagen im Amt

"Proteste massiv miterlebt"

Es war ein Wechsel von Niedersachsen nach Sachsen: Seit 100 Tagen ist Heinrich Timmerevers jetzt Bischof des Bistums Dresden-Meißen. Die Proteste in Dresden zur Deutschen Einheit hätten die "Grenze überschritten", sagte er im Interview. 

Autor/in:
Gregor Krumpholz
Bischof Heinrich Timmerevers von Dresden-Meißen / © Arno Burgi (dpa)
Bischof Heinrich Timmerevers von Dresden-Meißen / © Arno Burgi ( dpa )

KNA: Wie ist Ihre Bilanz nach den ersten 100 Tagen im Amt?

Heinrich Timmerevers (Bischof des Bistums Dresden-Meißen): Ich denke, dass ich mich schon eingelebt habe. Meine Mitarbeiter sind sehr hilfsbereit und haben Verständnis, wenn ich auch mal eine dumme Frage stelle. Im Übrigen bin ich noch mittendrin, Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft kennenzulernen.

KNA: Was ist neu für Sie?

Timmerevers: Zum Beispiel das Verhältnis von Staat und Kirche. Es ist anders ist als in den westlichen Bundesländern. Die Kirche ist hier auf vielen Gebieten, die sie gestalten kann, unabhängiger von staatlichen Vorgaben. Das ist für mich eine positive Überraschung.

KNA: Haben Sie ein Problem mit dem sächsischen Dialekt?

Timmerevers: Bisher meine ich, alles verstanden zu haben. Von zu Hause her spreche ich ja Plattdeutsch mit meiner Familie und mit meinen Freunden. Von daher ist mir vertraut, dass Menschen neben Hochdeutsch noch einen Dialekt oder eine andere Sprache haben.

KNA: Welche Schwerpunkte wollen Sie im Bistum Dresden-Meißen setzen?

Timmerevers: Ich möchte die Bistumsreform fortsetzen, die mein Vorgänger Heiner Koch unter dem Namen Erkundungsprozess angestoßen hat. Die Reform ist ungemein gut angelegt, weil sie die katholischen Christen aus ihren Gemeinden geradezu herauslockt, um die Augen aufzumachen, wo es in ihrem Umfeld noch andere Orte gibt, die für die Kirche relevant sind. Es geht um einen Blick über den Tellerrand hinaus: Wo sind wir als Christen gefragt? Dabei will ich die Menschen auch ermutigen, die aus mehreren Gemeinden entstehenden neuen Pfarreien anzunehmen und weiterzuentwickeln. Es muss ein pastoraler Prozess sein und nicht nur ein Verwaltungsakt.

KNA: Wie gehen Sie mit Kritik daran um?

Timmerevers: Natürlich gibt es Ängste, die Kirchenstrukturen könnten weitflächiger und damit auch anonymer werden. Vor allem, wo Gemeinden durch den Wegzug junger Menschen überaltern, sind die Menschen weniger mobil. Da entsteht die Sorge, ob es sonntags noch einen Gottesdienst geben wird und ob der Pfarrer erreichbar bleibt. Diese Sorgen kann ich gut nachvollziehen.

KNA: Was sagen Sie in solchen Fällen?

Timmerevers: Man muss solchen Bedenken erst mal Raum geben und zulassen, diese auszusprechen. Ich habe keine fertigen Antworten, die müssen wir miteinander suchen. Die zentrale Frage ist, wie kirchliches Leben weitergehen kann.

KNA: Mit ihrem Wechsel nach Dresden sind Sie in ein gesellschaftliches Umfeld gekommen, das stark polarisiert ist...

Timmerevers: Die Proteste in Dresden bei den Feiern zum Tag der deutschen Einheit habe ich sehr massiv miterlebt. Als die Spitzen des Staates beim Verlassen der Frauenkirche niedergeschrien wurden, hat das eine Grenze überschritten. Es ist keine Kultur des miteinander Umgehens, Hass zu säen und zu verleumden.

KNA: Was können die Christen tun, um diese Spaltungen zu kitten?

Timmerevers: Wir sind als Staatsbürger und als Christen in der Pflicht zu schauen, was die wirklichen Probleme dieser Menschen sind, die so schreien, und nach Lösungen zu suchen. Wir sollten auch durch unser eigenes Verhalten dazu anleiten, so zu streiten, dass der andere nicht beleidigt und diffamiert wird. Die vielen Menschen, die unseren Staat und sein Rechtssystem stützen, müssten sich zudem stärker bemerkbar machen.

KNA: Ist es vertretbar, dass ein Christ die AfD wählt oder Mitglied der Partei ist?

Timmerevers: Wer das christliche Abendland verteidigen will, darf niemand wegen seiner Hautfarbe oder seiner Religion ausgrenzen. Wer das christliche Menschenbild von der Würde aller Menschen grundsätzlich in Frage stellt, spricht für sich selbst ein Urteil.

KNA: Sollte die Kirche eine klare Richtlinie geben für den Umgang mit AfD-Anhängern?

Timmerevers: Menschen einfach auszugrenzen, ist keine Lösung. Wir müssen mit dem Problem umgehen. Wenn jemand in solchen Fällen aber gegen Recht und Gesetz verstößt, ist der Staat in der Pflicht, es zu ahnden. Eine deutliche Ansage, ob Katholiken der AfD angehören dürfen, würde mir schwerfallen. Das müsste man im Einzelfall sehen.

Letztlich steht jeder Christ vor der Frage, ob er das mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Im Übrigen sind die Zeiten vorbei, dass die Kirchen eindeutige Wahlempfehlungen geben. Ich vertraue auf die Fähigkeit der Bürger, aus ihrem Gewissen heraus die richtige Wahl zu treffen.

KNA: Wie haben sich Ihre Beziehungen zur evangelischen Landeskirche entwickelt?

Timmerevers: Ich werde mit Landesbischof Carsten Rentzing eine Reihe von Gottesdiensten im Rahmen des Reformationsgedenkens feiern, unter anderem am 6. Januar 2017 im Bautzner Dom, der seit Jahrhunderten von beiden Konfessionen genutzt wird. Aus katholischer Sicht sind 500 Jahre Kirchenspaltung natürlich kein Grund zum Jubilieren. Ich freue mich, dass wir mit der evangelischen Kirche einig sind, das Gedenken vor allem mit Blick auf den Ursprung unseres Glaubens, auf Christus, zu feiern. Wenn wir dies gemeinsam tun, wird auch unsere Einheit wachsen. Das ist meine große Überzeugung.


Quelle:
KNA