Regensburger Domspatzen
Regensburger Domspatzen

12.10.2016

Bischof arbeitet mit Opfern Übergriffe bei Domspatzen auf Heilende Gespräche

Hunderte Gewalt- und Missbrauchsfälle haben sich bei den Regensburger Domspatzen zugetragen. Bischof Rudolf Voderholzer, dessen Amtszeit lange nach den Exzessen begann, arbeitet das Geschehene gemeinsam mit den Opfern auf.

Es waren denkwürdige Bilder, die sich am Mittwoch in Regensburg zahlreichen Medienvertretern boten: Bischof Rudolf Voderholzer Seite an Seite mit Peter Schmitt und Alexander Probst, zwei der mindestens 422 Opfer von Übergriffen bei den Regensburger Domspatzen. Beide Seiten sitzen seit Monaten fernab der Öffentlichkeit zusammen, um die Vorgänge aufzuarbeiten - und Wege zu finden, damit sich so etwas nie wiederholt. Es sind Gespräche, die offenkundig von Respekt und gegenseitigem Verständnis geprägt sind. Das betonen Bischof wie Betroffene. Voderholzer habe sich "immer konstruktiv eingebracht", sagt Schmitt.

Dem Amtsvorgänger des Bischofs, Gerhard Ludwig Müller, heute Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation in Rom, wird vorgeworfen, die Geschehnisse bei den Domspatzen bagatellisiert und die Aufklärung verzögert zu haben. Das dürfte Thema eines Gesprächs sein, das die Betroffenen demnächst mit Müller führen wollen.

Rechtsanwalt untersucht den Fall seit 2015

Der Skandal um Misshandlungen und sexuellen Missbrauch bei dem weltberühmten Knabenchor kam 2010 ans Licht. Zwischen 1945 und Anfang der 1990er Jahre gab es in der Vorschule und im Internat der Domspatzen Hunderte Fälle körperlicher und sexueller Gewalt. Der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber untersucht dieses dunkle Kapitel seit Mai 2015. Der unabhängige Sonderermittler sprach in einem Zwischenbericht von einem "System der Angst", das jahrzehntelang bei den Domspatzen geherrscht habe.

Weber geht von insgesamt 600 bis 700 Opfern aus. Bisher haben sich 422 Betroffene gemeldet, allein seit Januar, als der Rechtsanwalt mit einem Zwischenbericht an die Öffentlichkeit ging, kamen 129 hinzu. 65 der Opfermeldungen beziehen sich auf sexuelle Übergriffe. Bis auf einen einzigen Mann sind alle Täter inzwischen verstorben. Seinen Abschlussbericht will Weber Anfang 2017 vorlegen.

Eine soziologische und eine historische Studie

Bistum und Betroffene wollen weiter an einer "effektiven und nachhaltigen Aufklärung" arbeiten. Laut Voderholzer gehören dazu unter anderem eine soziologische und eine historische Studie. Beauftragt werden damit die Kriminologische Zentralstelle (KrimZ) von Bund und Ländern in Wiesbaden sowie der Regensburger Historiker Bernhard Löffler. Ergebnisse sind erst in gut zwei Jahren zu erwarten.

Bei der historischen Untersuchung soll auch der bisherige Umgang mit den Übergriffen beleuchtet werden - und es wird auch um Georg Ratzinger gehen. Der Bruder des späteren Papstes Benedikt XVI. war jahrzehntelang Chef der Regensburger Domspatzen, wusste wohl von Gewalt und Züchtigungen. Kritiker sagen, er habe die Exzesse stillschweigend geduldet, statt sie abzustellen.

Aufruf an die Opfer sich zu melden

Voderholzer rief mögliche weitere Opfer auf, sich zu melden und Hilfsangebote wahrzunehmen. Wenn diese aus nachvollziehbaren Gründen kein Vertrauen in die Instanzen der Diözese haben, können sie sich kostenlos an eine unabhängige Anlaufstelle wenden, das Münchner Informationszentrum für Männer (MIM). Dort soll sich eine eigene Abteilung um die Anliegen ehemaliger Domspatzen kümmern. Das MIM ging aus einer Selbsthilfeorganisation für Missbrauchsopfer hervor.

In den Gesprächen geht es auch um Geld. Das Bistum Regensburg will "Anerkennungszahlungen" an die Opfer leisten, die je nach Schwere des Falls zwischen 5.000 und 20.000 Euro liegen. Ein eigenes Gremium, dem neben Weber eine Pädagogin und ein weiterer Jurist angehören werden, soll darüber entscheiden. Aber die finanziellen Zuwendungen sind nicht das Wichtigste, das betonen alle Beteiligten.

Erlittenes Leid sei mit Geld nicht aufzuwiegen, sagt der heutige Internatsdirektor der Domspatzen, Rainer Schinko. Auch könne das Bistum keinen "Schluss-Strich" unter die Vorkommnisse ziehen, sagt Bischof Voderholzer. Letztlich muss jedes Opfer wohl ganz persönlich fühlen, wie weit das Geschehene noch präsent und wirksam ist. Die Gespräche können Wunden heilen, doch Narben werden bleiben.

 

Bernd Buchner
(KNA)

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