Regensburger Domspatzen
Regensburger Domspatzen
Bischof Dr. Rudolf Voderholzer
Bischof Dr. Rudolf Voderholzer
Georg Ratzinger
Georg Ratzinger

12.10.2016

Aufarbeitung der Missbrauchsfälle bei Regensburger Domspatzen Leise Töne

Die Aufmerksamkeit richtet sich heute gen Regensburg. Dort gibt Bischof Rudolf Voderholzer einen ersten Zwischenbericht zur Aufarbeitung des Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen ab, der das Thema zur Chefsache erklärt hat.

domradio.de: Es herrschte bei den Regensburger Domspatzen ein "System der Angst" - so lautet ein Zitat aus der Aufarbeitung. Ist das übertrieben oder kann man wirklich davon sprechen?

Christoph Renzikowski (Journalist bei der Katholischen Nachrichten-Agentur): Das ist natürlich eine zugespitzte Formulierung. Aber wenn man sich das Ausmaß der Fälle, die hier im Zuge der seit anderthalb Jahren professionell betriebenen Aufarbeitung ans Licht kommen, anschaut, und da mehrere hundert Fälle über einen längeren Zeitraum von bestimm vier Jahrzehnten belegt sind, dann kann man vielleicht schon zu dieser Formulierung kommen.

Das Zitat, das Sie verwendet haben, stammt vom Rechtsanwalt Ulrich Weber, der seit Sommer 2015 im Auftrag des Bistums - auf Initiative des Bischofs Rudolf Voderholzer - die Aufarbeitung in die Hand genommen hat. Er hat nach allem, was man hört, völlig freie Hand bei seinen Ermittlungen. Bis heute melden sich immer noch neue Leute bei ihm, die Auskünfte geben und Angaben machen, was ihnen in der Zeit bei den Domspatzen wiederfahren ist.

domradio.de: Die Ermittler sprechen von über 200 Fällen der Misshandlung und 62 Fällen des sexuellen Missbrauchs. Wie kann es denn dazu kommen, dass so etwas über Jahrzehnte geheim bleibt?

Renzikowski: Das weiß man ja eigentlich aus vielen anderen Fällen. Das hat zunächst mit der Tat selber zu tun, dass Leute, die Opfer von Missbrauch werden, meistens von den Tätern geschickt korrumpiert werden. Die Opfer waren oftmals noch sehr jung und instabil in ihrer Persönlichkeit. Das Thema ist dann unglaublich stark mit Scham besetzt, so dass viele das jahrzehntelang verdrängen und sich selber es gar nicht eingestehen wollen. Wenn sie Versuche gemacht haben, es zur Sprache zu bringen, haben sie auch zu Hause oftmals eine Abfuhr erfahren, weil man ihnen lange Zeit einfach nicht geglaubt hat.

So war es auch bei den Domspatzen, dass im Prinzip das Jahr 2010, das für die katholische Kirche in Deutschland ein Schlüsseljahr bei dem Umgang mit diesem schwierigen Thema darstellt, gebraucht hat, mit dieser Welle von Enthüllungen - angefangen von den Jesuiteninternaten bis zum Ettaler Internat - auch bei den Domspatzen Bewegung in diese schwierige Geschichte kam.

domradio.de: Erstmals trifft Bischof Voderholzer jetzt gemeinsam mit den Opfern auf. Öffentlich hat er sich schon mehrfach entschuldigt für die Vorfälle. Welche Rolle spielt das denn für die Opfer?

Renzikowski: Das ist schon eine neue Qualität. Man kann sehr deutlich erkennen, dass der Bischof, der ja erst im Januar 2013 geweiht wurde, dieses Thema sehr bald zur Chefsache gemacht hat. Das ist alles andere als selbstverständlich, dass sich ein Bischof selber nicht nur heute der Presse stellt und gemeinsam mit den Opfern auftritt, sondern auch einem Gremium angehört, das sich seit einigen Monaten regelmäßig trifft, wo Opfervertreter drin sind, wo er als Vertreter des Bistums teilnimmt, wo jemand vom Domspatzeninternat dabei ist und ein eingeschalteter Mediator. Das ist auch sehr wichtig.

Man kommt in diesen Aufarbeitungsgeschichten immer nur weiter, wenn man sich professionelle Hilfe von Außen holt. Man ist ja in dem Moment parteiisch, auch als Bischof. Man hat sich zwar selber nichts vorzuwerfen und zu Schulden kommen lassen, aber man tritt für die Institution auf, an der Leute gelitten haben und in deren Zusammenhang ihnen etwas wiederfahren ist. Da kann man das gar nicht selber aufklären wollen. Man muss Leute bemühen, die von Außen kommen, die vertrauenswürdig sind, an die sich auch die Opfer wenden können, vor allem dann, wenn sie die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen auch innerhalb der Institution, wenn sie das zur Sprache bringen wollten, nicht geglaubt wurde. Und so war das vielfach.

domradio.de: Wenn wir in die Berichterstattung schauen, dann taucht auch immer wieder der Name Georg Ratzinger auf. Der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI. war lange Zeit Kapellmeister am Dom von Regensburg. Und Georg Ratzinger hat eine etwas umstrittene Rolle, was das alles angeht. Der hat den Prozess der Aufklärung zwischenzeitlich als "Irrsinn" bezeichnet, das Kapitel sei abgeschlossen. Was wird Ratzinger denn vorgeworfen?

Renzikowski: Der Mann ist heute über 90 Jahre alt und er steht nicht als einer der Hauptbeschuldigten im Rampenlicht des Skandals. Bei all den Domspatzen, die seit 2010 an die Öffentlichkeit gegangen sind oder sich an die zuständigen Stellen gewandt haben, ist Georg Ratzinger nicht derjenige gewesen, dem man vorgeworfen hat, er habe selber ständig Hand angelegt. Der gravierendste Vorwurf, der hier im Raum steht, ist der, dass er Mitwisser gewesen sei und zumindest gewusst hätte und darüber informiert worden sei, was andere im Umfeld der Domspatzen gemacht haben.

Man muss sich diesen Komplex auch schwieriger vorstellen. Es gibt nicht einen Chef, der sich um alles kümmert, sondern es gab Vorschulinternate in anderen Orten außerhalb von Regensburg, wo sich leider ein Großteil dieser schlimmen Geschichten abgespielt hat. Der Vorwurf an Georg Ratzinger lautet in diesem Zusammenhang, er hätte seine Möglichkeiten, die er durchaus gehabt hätte, das zu unterbinden, nicht genutzt.

Verteidiger von Georg Ratzinger sagen, die Möglichkeiten, die er damals, als er frisch nach Regensburg gekommen ist, da einzuschreiten, würden überschätzt werden. Das würde ihm nicht gerecht werden. Ich würde raten, sich hier mit einem Urteil zurückzuhalten, bis die Aufarbeitung weiter vorangeschritten ist. Es gibt auch nicht nur vom ihm umstrittene Äußerungen, sondern auch von den Leuten, die mit der Aufklärung befasst sind, gibt es strittige Meldungen, wie weit hier Georg Ratzinger mitverantwortlich gemacht werden kann für die Zustände. Ich glaube, man wird Georg Ratzinger selber damit nicht mehr groß behelligen können.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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