Militärbischof Overbeck mit Jugendlichen
Militärbischof Overbeck mit Jugendlichen
Ruhrbischof und Militärbischof Franz-Josef Overbeck mit Jugendlichen
Ruhrbischof und Militärbischof Franz-Josef Overbeck mit Jugendlichen

29.07.2016

Katechese mit Bischof Overbeck "Barmherzigkeit braucht Gerechtigkeit!"

Auf dem Weltjugendtag in Krakau hat Militärbischof Franz-Josef Overbeck mit Jugendlichen über "Barmherzigkeit und Gerechtigkeit" gesprochen. Für ihn ein Zwillingspaar, das sich bedingt und zusammengehört.

domradio.de: Wie erleben Sie den Weltjugendtag?

Bischof Franz-Josef Overbeck (Militärbischof): Es ist eine gute Stimmung, die ich hier wahrnehme. Gerade angesichts der Rückmeldung der Jugendlichen ist das für mich eine wirkliche Erfahrung von Weltkirche. Und das ist für mich immer im besten Sinne des Wortes die Relativitätstheorie, die wir Christen brauchen - nämlich in Relationen mit allen zu leben. Das schließt mit ein, auch unsere eigenen Fragen, Probleme und Herausforderungen in ein rechtes Licht zu rücken. Manche bleiben groß, aber manche relativieren sich doch.

domradio.de: Erleben Sie, als Militärbischof, es als beglückend, dass es sich hier um ein Friedensfest handelt? Alle Nationen sind hier vereint, haben gar keine Probleme, lassen die vielen bunten Fahnen nebeneinander wehen und setzen ein Zeichen gegen den Nationalismus - der so scheint es - in einigen Ländern immer populärer wird.

Bischof Overbeck: Es gibt viele Menschen jenseits des nationalistischen Populismus, die neue Sicherheit und Identität suchen. Ein sehr verständliches Phänomen, das, so glaube ich, jeden bewegt, der wachen Herzens und wachen Geistes in einer Welt lebt, wie wir es heute tun. Das bedeutet aber auch, dabei sehr wachsam zu sein und nicht in die Falle des Fundamentalismus zu geraten und dann die Welt wieder nach einfachen, scheinbar bekannten, sicheren Strukturmustern zu orientieren. Unter dieser Rücksicht ist eine solche Erfahrung hier mehr als Gold wert. Sie zeigt auch zu Recht, welche Kraft wir Christen haben. Angesichts dessen werde ich nicht müde das zu unterstützen, und für den Frieden zu sorgen, in dem wir uns ja doch als Meister der Integration verstehen.

domradio.de: Integration ist das große Stichwort: Viele in Deutschland haben gerade nach der Attentatsserie große Sorgen und auch Ängste, die damit verbunden sind. Sie sagen dann: "Schluss mit dem Gerede! Wir müssen gucken, wer da in unser Land kommt und auch Grenzen dicht machen. Ihr Kirchenleute, ihr redet von Barmherzigkeit, ihr redet und redet und redet - aber mit diesem Reden beschützt ihr uns nicht mehr!" Können Sie solche Menschen verstehen?

domradio.de: Ich kann alle Menschen verstehen, die Ängste haben. Ich bin auch mir selbst gegenüber immer kritisch, wenn dahinter eine Sehnsucht und manchmal auch eine Sucht hervortritt, nach Sicherheit und nach einer Identität, die scheinbar abgeschlossen und dann auch gut zementiert ist. In der Welt, in der wir leben, werden wir immer neu mit solchen Herausforderungen konfrontiert und uns auch an ihnen bewähren müssen. Da sage ich dann bewusst als Christ: Zu dieser Bewährung gehört zuerst das Vertrauen und nicht die Angst. Das Vertrauen gibt mir natürlich der Glaube. Von daher weiß ich, dass die allermeisten Menschen auch anderer Religionen mit diesen fundamentalistischen, oft so schrecklichen, terroristischen Taten weniger bis nichts im Sinn haben. Gleichzeitig kann ich als Deutscher sagen, dass wir in einem Rechtsstaat leben, der auch alle Rechtsmittel anwenden soll und muss, damit die mögliche Sicherheit, die wir gebieten und gewähren können, auch hergestellt wird. Aber gleichzeitig soll keiner träumen, er würde in einem gänzlich sicheren Lande leben können. Das hat es nie gegeben und das wird es auch nie geben. Die letzte Kraft einer solchen Sicherheit wächst nicht durch Polizisten, sie wächst nicht durch das Militär und auch nicht durch Waffen, sondern sie wächst durch Vertrauen. Ein solches Vertrauen wünsche ich uns allen und dafür zu werben werde ich nicht müde.

domradio.de: Was denken Sie, was die Jugendlichen - auch die aus Ihrem Bistum - von diesem Jugendtag mit nach Hause nehmen werden?

Bischof Overbeck: Viele gute Begegnungen, viel gute Laune und eine wunderbare Erfahrung mit allen möglichen Menschen! Diese Erfahrung zeigt ihnen: Gott sei Dank ist unsere Welt ganz groß und es ist Gottes Welt.

domradio.de: Der Papst hat einige harsche Wort auch schon in Richtung polnische Regierung gerichtet. Werden seine Worte dort ankommen?

Bischof Overbeck: Die Herausforderung, die sich durch die Themen, die Papst Franziskus angesprochen hat - also Themen wie der Umgang mit den Flüchtlingen und Flüchtlingskorridore - sprechen eine klare Sprache und werden bleiben, unabhängig von einem solchen Glaubensfest. Ich hoffe, es stärkt viele Katholiken in diesem Land - sowie auch bei uns in Deutschland und in Europa und anderswo, all den Menschen in Not, die nicht zu Hause leben können, weil sie ein Recht auf Sicherheit haben, zu helfen. Das weiterhin zu tun gehört zu unseren politischen Pflichten - egal in welchem Land unserer Erde.

domradio.de: Sie haben den Begriff Barmherzigkeit zum Thema gemacht in Ihrer Katechese, indem Sie den Begriff Barmherzigkeit an den Begriff Gerechtigkeit gebunden haben.

Bischof Overbeck: Es ist von Bedeutung zu wissen, in welchem Rahmen ich denn barmherzig handeln kann und wie ich erfahren kann, dass Barmherzigkeit wirklich ein Lebensprinzip für uns Christen und darüber hinaus für uns Menschen ist.

domradio.de: Barmherzigkeit droht ja manchmal zu einem beliebigen Begriff zu werden, wenn man ihn nicht scharf umreißt. Aber Gerechtigkeit - so könnte man denken - hat mit Barmherzigkeit zunächst einmal ein großes Spannungsverhältnis, denn wenn man den Penner vor der Tür findet oder den Drogenabhängigen, der auch einiges getan hat, um in diese Situation zu kommen, dann könnte man doch auch sagen: "Ist es nicht gerecht, dass das so gelaufen ist?" Und dann würde die Barmherzigkeit von jemanden, der immer gut gewesen ist, als Ungerechtigkeit empfunden werden.

Bischof Overbeck: Barmherzigkeit braucht Gerechtigkeit, damit kein Chaos entsteht. Denn es ist ja nicht nur ein Tun, das ein Individuum betrifft, sondern es trifft oft auch Gemeinschaften. Wie kann ich allen in Gemeinschaften und der Gemeinschaft als solcher stets gerecht und barmherzig gegenübertreten? Dabei sind zwei Perspektiven von Bedeutung. Ich brauche für einen solchen oft schwierigen Interessenausgleich ein letztes Ziel vor Augen. Auf das kann ich in Etappen zugehen, wohlwissend, dass jeder noch einmal individuell eine Gewissensentscheidung treffen muss. Und diese Verhältnisbestimmung zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit wird konkret in der Entscheidung wie ich mein Gewissen bilde, wie ich nach meinem Gewissen entscheide mit Blick auf ein letztes gutes Ziel.

domradio.de: Ist das eines Ihrer größten Themen - das Begriffspaar "Barmherzigkeit und Gerechtigkeit" im Jahr der Barmherzigkeit?

Bischof Overbeck: Als ich das Thema des heutigen Tages der Katechese las - "Ich bin selbst Werkzeug der Barmherzigkeit" - kam mir sofort ein wichtiges Wort in den Sinn, daa in meiner Jugend eine Rolle gespielt hat, und auch heute noch für mich von Bedeutung ist - gerade als Militärbischof. Es stammt von Franz von Assisi: "Herr, mach mich zu einem Werkzeug Deines Friedens." Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in dem beschriebenen Spannungsbogen haben damit zu tun, dass wir das tun, was mir und uns möglich ist, um für den Frieden zu wirken. Unter solchen Bedingungen ist die Barmherzigkeit gerade auch im Blick auf die hohen moralischen Herausforderungen, die viele Menschen zu bewältigen haben, im Großen wie im Kleinen Ihres Alltags, doch etwas, das einer Zielperspektive bedarf: Und das ist der Friede. Dann kann man den Menschen gegenüber - wie Gott es tut - ein großes Herz haben, mit den Augen Gottes auf die Menschen schauen und gleichzeitig wissen: Angesichts der immer wieder nötigen Güterabwägung und der Notwendigkeit, Verhältnisse herzustellen, in denen viele Menschen gleichzeitig gut leben können, auch Gerechtigkeit zu üben. Von daher kommt keiner aus diesem Zwillingspaar, dieser beiden Seiten der einen Medaille - Barmherzigkeit und Gerechtigkeit - heraus, so ähnlich wie es bei uns Christen ja auch ist - Gottesliebe und Christenliebe gehören zusammen.

Das Interview führte Johannes Schröer.

(DR)

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