Gregor Bellin (l.), katholischer Geistlicher in der Stadionkapelle, mit Bernhard Felmberg, evangelischer Seelsorger im Olympiastadion
Gregor Bellin (l.), katholischer Geistlicher in der Stadionkapelle, mit Bernhard Felmberg, evangelischer Seelsorger im Olympiastadion
Gregor Bellin, ständiger Diakon im Erzbistum Berlin und der katholische Geistliche in der Stadionkapelle
Bellin: "Wir beten hier nicht um Erfolg"

07.05.2016

Kapelle im Berliner Olympiastadion feiert 10-jähriges Jubiläum Andacht vor dem Anpfiff

​Nicht nur auf sondern auch unter der Haupttribüne des Berliner Olympiastadions wird regelmäßig gebetet und gesungen. Seit zehn Jahren gibt es dort eine Kapelle, die nicht nur Christen anzieht. Jetzt wurde Jubiläum gefeiert.

Die Hocker sind ebenso schlicht wie Altar und Ambo; dafür hinterlässt die Wandverkleidung einen bleibenden Eindruck: Auf hundert Quadratmetern sind in feinstem Blattgold Bibelverse in 18 Sprachen aufgeführt. Für Besucher wie Christoph Schumacher ist die Kapelle im Berliner Olympiastadion, die jetzt zehn Jahre alt wird, "ein besonderer Ort".

Schumacher ist regelmäßig hier. Alle zwei Wochen geht er in den "goldenen Raum" - immer dann, wenn sein Verein Hertha BSC ein Heimspiel absolviert. Eine halbe Stunde vor Anpfiff fährt er mit dem Lift in die "Ebene-4" des Stadions. Dort befindet sich die Kapelle. Seit fünf Jahren spielt der Religionslehrer hier Orgel oder begleitet Gottesdienste auf seiner Gitarre mit "modernen, christlichen Liedern", wie er sagt. "Es kommen immer wieder Menschen, die nichts mit Religion zu tun haben - und sie bleiben", freut sich Schumacher.

"Wie ein Glücksbringer"

Wie etwa Janette und Julia. Die beiden Fußballfans waren vor ein paar Monaten viel zu früh vor dem Anpfiff im Stadion und landeten zufällig in der Kapelle. "Wir sind einmal beim Gottesdienst gewesen und kommen seitdem alle zwei Wochen", sagt die 25-jährige Janette. "Es ist wie ein Glücksbringer, seitdem spielt Hertha auch besser", schmunzelt sie.

Dabei geht es bei den Gottesdiensten vor Anpfiff keineswegs darum, für ein Team oder einen bestimmten Spielverlauf zu beten, wie Bernhard Felmberg und Gregor Bellin betonen. "Wir beten hier nicht um Erfolg. Sonst wären wir nie abgestiegen", lacht Bellin. Er spielt auf die mehrfachen Spielzeiten von Hertha BSC in der zweiten Bundesliga an.

Regelmäßige ökumenische Gottesdienste

Zusammen mit Felmberg, dem ehrenamtlichen Sportbeauftragten der evangelischen Landeskirche, predigt der katholische Diakon Bellin alle 14 Tage vor einigen Dutzend Fußballfans. "Niemand in Berlin feiert regelmäßiger ökumenischen Gottesdienst", stellt Felmberg fest. Allein Hertha hat 34 Heimspiele", zählt er auf. Hinzu kommen Andachten vor Länderspielen oder dem DFB-Pokalfinale.

An diesem Samstag kamen prominente Gäste: Zum zehnten Geburtstag der Kapelle feierten Berlins katholischer Erzbischof Heiner Koch und der evangelische Bischof Markus Dröge das Jubiläum mit einem ökumenischen Gottesdienst - direkt vor dem letzten Saison-Heimspiel von Hertha BSC gegen Darmstadt 98.

"Fußball als Spiegelbild des Lebens"

Erzbischof Koch würdigte Fußball als lebens- und werteprägend. Es sei nicht nur ein beliebiges Spiel, sondern auch ein Spiegelbild des Lebens und der Gesellschaft, sagte der Erzbischof. Fußball habe stets auch etwas mit Geduld und Ausdauer zu tun. Beides sei angesichts der Kurzatmigkeit und der Perspektivlosigkeit in vielen Lebensbereichen nicht einfach. Immer wieder müsse man sich fragen, wofür man eigentlich kämpfe, ob im Sport oder im Leben, so Koch. Daher sei diese Kapelle gegen Wahnsinn und Fanatismus eine Aufforderung zur Dankbarkeit Gott und den Menschen gegenüber.

Der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge nannte es "wunderbar", dass es die Kapelle gebe. Rund 13.000 Gottesdienstbesucher seien in den vergangenen zehn Jahren hier zu Gast gewesen; 600.000 Menschen hätten durch die Führungen im Olympiastadion «etwas vom Geist dieser Kapelle erzählt bekommen».

"Ein stark verbindendes Element"

Es war 2006, kurz vor der Fußball-WM in Deutschland, als die Stadionkapelle im 1936 erbauten Olympiastadion eröffnet wurde. Außer Berlin haben nur die Stadien auf Schalke, in Frankfurt am Main und seit Ende 2015 auch in Wolfsburg einen Andachtsraum. In den zehn Jahren habe sich in Berlin "eine Gemeinde am besonderen Ort mit hoher Kontinuität gebildet", so Felmberg, von dem die Initiative zu der Kapelle kam.

Neben heimischen Fans kommen auch Anhänger von Gastclubs. "Für beide Gruppen ist der christliche Glaube ein stark verbindendes Element", weiß Felmberg. Wer hofft, bei den Andachten vor Anpfiff der Spiele auch Profifußballer auf den Hockern zu sehen, wird jedoch enttäuscht. "Sie sind auf das Spiel fokussiert". Manches Gespräch mit ihnen ergibt sich aber danach, wie Bellin berichtet.

Italien kam - Frankreich nicht

Auch wenn nicht gespielt wird, ist die Stadionkapelle offen. Dann kommen nicht nur Besuchsgruppen; auch Taufen, Trauungen und Trauerfeiern finden hier immer wieder statt - nicht nur von Berlinern. Und vor Länderspielen kommt es ebenfalls nicht nur auf dem Rasen, sondern ebenso nebenan in der "Ebene-4" zu Begegnungen bei Gebet und Gesang.

Beide Seelsorger erzählen gerne von legendären Momenten. Etwa bei der Weltmeisterschaft 2006, als Spieler der argentinischen und der deutschen Nationalelf hier gemeinsam vor dem Viertelfinale gebetet haben. Vor dem WM-Finale kamen italienische Kicker in die Stadionkapelle. Die Franzosen blieben fern, erinnert sich Felmberg. Italien wurde Weltmeister.

Nach jeder Andacht stehen die beiden Geistlichen vor der Kapelle, schütteln Hände - wie der Trainer seine Fußballer abklatscht - und wünschen ein spannendes Spiel. Auch Kirchenmusiker Schumacher beeilt sich dann, sein Fantrikot überzustreifen und rechtzeitig vor dem Anstoß auf die Tribüne zu kommen.

Markus Nowak
(KNA)

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