Bischof Gerhard Feige
Bischof Gerhard Feige

29.02.2016

Magdeburger Bischof Feige zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt "Das Gift der einfachen Lösungen meiden"

In knapp zwei Wochen wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Im Interview spricht der Magdeburger Bischof Gerhard Feige über die Bedeutung dieser Wahl, die AfD und Obergrenzen für Flüchtlinge.

KNA: Herr Bischof, in unruhigen politischen Zeiten wird am 13. März in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Feige: Die gesellschaftliche Stimmungslage zurzeit ist schwierig. Bislang gab es im Parteienspektrum immer unterschiedliche Positionen, die wir als Kirchen auch nicht gebilligt haben. Diesmal wird aber besonders deutlich, dass Fragen der Menschenwürde, der Menschenrechte und des Gemeinwohls auf dem Spiel stehen.

KNA: Können Sie ein Beispiel geben?

Feige: Es gibt einige schrille Stimmen in der AfD, die wir als sehr sonderbar empfinden, und wo Grenzen überschritten sind. Das ist vor allem, wenn überlegt wird, ob man auf wehrlose Flüchtlinge schießt. Und das 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer. Das ist ganz einfach schrecklich und zynisch.

KNA: Die AfD könnte nach aktuellen Umfragen in Sachsen-Anhalt aber 17 Prozent erringen...

Feige: Das ist irritierend. Aber wir Kirchen versuchen in einem Wahlaufruf, klar Position zu beziehen. Wir plädieren für Mäßigung und Sachlichkeit und machen deutlich, wie Demokratie funktioniert, dass sie anspruchsvoll und anstrengend ist, dass das Gift der einfachen Lösungen gemieden werden sollte. Klare ethische Grenzüberschreitungen, die werden durch uns benannt. Wenn 80 Prozent der Bevölkerung jedoch keiner Kirche mehr angehören so wie in unserem Bundesland, wird man auf die Stimme der Kirchen eventuell auch allergisch reagieren oder sie gar nicht zur Kenntnis nehmen.

KNA: So wie der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke, der die Kirchen aufgefordert hat, sich aus der Politik rauszuhalten...

Feige: Christen sollten sich sogar politisch einmischen. Das Evangelium ist nicht unpolitisch. Es ist nicht nur eine Sache für den privaten Herrgottswinkel, sondern betrifft neben den einzelnen Menschen auch das gesellschaftliche Miteinander. Davon kann es sogar wesentlich profitieren.

KNA: Die AfD propagiert viele familienpolitisch konservative Werte, auch Katholiken und Protestanten sind Mitglieder, fühlen sich offenbar angesprochen...

Feige: Christen können in sehr verschiedenen demokratischen und der Menschenwürde verpflichteten Parteien sein. Das Evangelium ist nicht auf das Programm einer Partei festgelegt. Das heißt aber auch: Christlich ist nicht gleich konservativ. Was mir Sorge macht, ist, dass die AfD Profiteur gesellschaftlicher Stimmungen ist. Ängste und Sorgen werden aufgegriffen, aber auch geschürt.

KNA: Warum ist die Bevölkerung dafür offenbar empfänglich?

Feige: Es ist eine eigenartige Gemengelage an möglichen Ursachen: vielleicht ein mangelndes Demokratieverständnis, soziale Probleme, die demografische Überalterung, wenig konkrete Erfahrungen mit Ausländern, eventuell auch die Religions- und Konfessionslosigkeit eines großen Teils der Bevölkerung.

KNA: Aber auch bei Christen ist Fremdenfeindlichkeit ein Problem: Nach neuesten Studien sind 20 Prozent der Katholiken fremdenfeindlich, 17 Prozent der Protestanten. Wie passt das zusammen?

Feige: Christentum und Fremdenfeindlichkeit passen überhaupt nicht zusammen, das schließt sich aus. Aber vielleicht hängt eine solche Einstellung damit zusammen, dass vor allem Katholiken sehr traditionsbewusst sind. Dass für sie Kirche weitgehend das ist, was sie in ihrer Kindheit wohlbehütet erlebt haben. Eine geschlossene und angeblich heile Welt, wozu eben auch keine Muslime gehörten, vielleicht auch keine Ausländer. Und dass sie eigentlich gar nicht mitbekommen haben, dass wir als Katholiken eine Weltkirche sind, dass Menschen aus allen Völkern und Nationen dazugehören und dass auch unser Sendungsauftrag darin besteht, zu allen Menschen zu gehen. Katholisch heißt nicht eng und kleinkariert, sondern wirklich weltoffen zu sein. Wir sind eine Weltkirche und kein Heimatverein.

KNA: Von Weltoffenheit ist beim Thema Obergrenzen, wie sie die CDU-geführte Landesregierung fordert, auch nicht viel zu spüren...

Feige: Das ist richtig. Die deutschen Bischöfe sind sich deshalb auch einig, dass das nicht die Lösung sein kann. Was wird mit den Menschen, die dann jenseits dieser Obergrenze liegen? Lässt uns deren Schicksal kalt? Sollen wir die auf dem Balkan verhungern lassen oder wieder zurück ins Mittelmeer rudern? Es kann nicht nur um das eigene Wohl gehen, sondern als Christen sind wir herausgefordert, uns auch um das Schicksal der anderen, vor allem der Bedrängten, zu kümmern.

KNA: Man könnte denken, dass die Forderung nach Obergrenzen, die ja der Linie von Bundeskanzlerin Merkel widerspricht, aus taktischen Gründen vor der Wahl erfolgt ist...

Feige: Das sehe ich auch so. Manche Landespolitiker haben sich der Stimmung angepasst. Da wünschte ich mir nicht nur politischen Pragmatismus, sondern stärkere Orientierung an ethischen Werten. Man soll - wie es bei Luther heißt - dem Volk aufs Maul schauen, aber - so meine ich - nicht nach dem Mund reden. Das ärgert mich auch an den Wahlplakaten...

KNA: Inwiefern?

Feige: Mit markigen Parolen und Schwarz-Weiß-Malerei - wie sie alle Parteien benutzen - kann ich nichts anfangen. Da bin ich ein gebranntes DDR-Kind. Und man braucht sich nicht zu wundern, wenn dadurch der Populismus gefördert wird. Viele Plakate sprechen niedere Instinkte an und nicht das, was man in einer Demokratie eigentlich will, nämlich eine geistige Auseinandersetzung mit den Problemen. Und noch etwas bedrückt mich: Über 1.000 Wahlplakate sind vor den jetzigen Wahlen in Magdeburg schon zerstört worden. Besonders Wahlplakate der AfD werden offensichtlich von linken Gruppierungen vernichtet. Aber damit löst man keine Probleme, sondern erreicht vielleicht das Gegenteil von dem, was man will.

Das Interview führte Nina Schmedding.

(KNA)

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